Wer sich dieser Tage traut, einen Konzertsaal mit knapp 2.000 Sitzplätzen an drei Abenden hintereinander mit dem gleichen Programm klassischer Musik zu bespielen, der muss sich der Wirkung schon sehr sicher sein. Am ersten dieser drei Abende wurde deutlich, woher diese Zuversicht rührte. Denn was die Münchner Philharmoniker unter Thomas Hengelbrock mit dem Solisten Alexandre Kantorow in der Münchner Isarphilharmonie präsentierten, war höchster Musikgenuss.

Thomas Hengelbrock
© Tobias Hase

Das Programm beginnt mit der Ouvertüre zu Der fliegende Holländer von Richard Wagner. Der schnörkellose Norddeutsche Thomas Hengelbrock, Spezialist für historische Aufführungspraxis, nahm diesem Klassik-Ohrwurm jeglichen übertriebenen Pathos und arbeitete in seinem Dirigat Führungsstimmen und Kontrapunkte transparent heraus. Es dauerte ein wenig, bis das Orchester auf Betriebstemperatur war, was sich vor allem darin äußerte, dass die Bläser gerade zu Beginn immer wieder ihre gemeinsamen Einsätze zerfransten. Dieses Manko sollte sich leider durch das ganze Konzert ziehen. Umso bedauerlicher, da ansonsten die Bläsersoli doch so tadellos gelangen. Und dieser Konzertabend hatte davon so einiges zu bieten. Ebenfalls hervorragend waren Intonation und die homogene Klangqualität der Bläsergruppen – bei Wagner vor allem das Blech, und hier besonders die Hörner, bei Brahms waren es namentlich die Posaunen und die Holzbläser, welche ein ums andere Mal das geneigte Publikum zum Träumen brachten. Oder, um es mit dem ehrlichen Zuhörer zu sagen, der lautstark in den verklingenden Schlussakkord der Wagner-Ouvertüre grunzte: „Volle Pulle!“

Es folgte das selten gespielte Klavierkonzert Nr. 1 in fis-Moll, Op.1 von Sergej Rachmaninow. Kurz vor seinem 19. Geburtstag gab der Komponist selbst die Premiere des Kopfsatzes dieses stürmischen Jugendwerks am 17. März 1982 anlässlich eines Konzerts des Studentenorchesters am Moskauer Konservatorium, wo Rachmaninow einige Monate zuvor sein Klavierdiplom mit wehenden Fahnen erspielt hatte. Alexandre Kantorow hatte mit 22 Jahren nur unwesentlich älter im Jahre 2019 den ersten Preis und die Goldmedaille beim sagenumwobenen Tschaikowsky-Wettbewerb in Moskau gewonnen und erhielt im gleichen Jahr noch den französischen Kritikerpreis „Révélation Musicale de l’année“. Kantorow wurde die Musik als Sohn des Wahnsinnsgeigers und Dirigenten Jean-Jacques Kantorow in die Wiege gelegt. Alles an seinem Spiel atmet diese unerhörte Selbstverständlichkeit musikalischen Ausdrucks ohne Druck, ohne Zwang, mit einer schlafwandlerischen Leichtigkeit und Sicherheit, das Richtige zu tun. In Tonqualität, Fingerfertigkeit, Phrasierung, Dynamik und selbst im delikaten Einsatz des Pedals, welchen man selten vollendeter gehört hat. Trotz der wechselhaften, fahrig-atmosphärischen Komposition schaffte es Kantorow, das Rachmaninov-Konzert als Gesamtoeuvre zusammenzuhalten. Besonders beeindruckend vermochte der junge Franzose das vertrackte Synkopen-Thema des dritten Satzes mit unbändiger Spielfreude zu interpretieren, dabei stets sensibel bedacht auf perfekte Synchronität mit den beherzten Philharmonikern. 

Thomas Hengelbrock und Alexandre Kantorow
© Tobias Hase

Als Zugabe entlockte Kantorow dem ausgewogen intonierten Konzertflügel noch das Sonetto 104 del Petrarca aus Années de pèlerinage, Deuxième Année – Italie von Franz Liszt: feinfühlig und kultiviert virtuos, immer bedacht auf die großen melodischen Bögen, die Liszt neben der Zurschaustellung waghalsiger Fingerkunst so unvergleichlich in seine Partituren meißelte. Welch‘ reife Klavierkunst, vorgetragen von einem, der schon jetzt angekommen ist auf dem Olymp der Klaviergötter.

Nach der Pause gab es Johannes Brahms‘ Erste Symphonie in c-Moll. Zuhörer und Musiker gleichermaßen schwelgten eine Stunde lang in diesem romantischen Meisterwerk, bei dem eine entrückend-schöne Passage der nächsten folgt. Die Begeisterung war den Orchestermitgliedern und auch dem Dirigenten anzusehen. Ein ums andere Mal zwinkerten und lächelten sich die Musiker zu und teilten ihre Freude, derart vollendete Hochkultur zelebrieren zu dürfen. Bis auf gelegentlich stolpernde Übergänge besonders im dritten Satz gibt es nur Gutes zu berichten. Am Ende des langsamen zweiten Satzes (Andante sostenuto) vergrößerte die Konzertmeisterin Naoka Aoki plötzlich ihr feines Handgelenksvibrato, machte den Ton auf und schwebte über dem Orchester wie die aufgehende Alpensonne über dem Hochnebel. Posaunen und Holzbläser brillierten mit klangvollendeten Soli, allen voran Marie-Luise Modersohn an der Oboe.

Beseelt vom puren Glück, für ein paar Stunden den Herausforderungen der Gegenwart entfliehen zu können, feierte das Münchner Publikum frenetisch eines seiner Weltklasse-Orchester.

 

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