Lorenzo Viotti © Stephan Doleschal
Lorenzo Viotti
© Stephan Doleschal

Dirigent Lorenzo Viotti und Pianist Behzod Abduraimov stehen zwar gerade erst am Beginn ihrer Karriere, haben aber mit 27 Jahren bereits Einiges vorzuweisen. Blickt man auf die Vita der beiden, könnte man meinen, man hätte es mit alten Hasen zu tun. Viotti gab dieses Jahr sein Debüt bei den Salzburger Festspielen und Abduraimov spielte seinerseits zum ersten Mal mit den Münchner Philharmoniker bei den Proms in London. Die Philharmoniker konnten die beiden nun für ein Konzert mit Werken von Beethoven und Rachmaninow im Gasteig gewinnen.

Mit seinem Fünften Klavierkonzert schaffte Ludwig van Beethoven einen triumphalen Gegensatz zu seinem introvertierten Vierten, der wegweisend für die Gattung und folgende Komponisten sein sollte. Der Beliebtheit des Werks ist sich Abduraimov bewusst und auch der Gefahr, dass die Interpretation abgenutzt wirken könnte. Dass dies bei ihm nicht der Fall ist, lag an seiner frischen Interpretation, die volles Risiko ging sowie an der Spielfreude, die Abduraimov an den Tag legt. Mit sicherer Technik brillierte er im heroischen Kopfsatz des Konzerts mit einem vollmundigen, kraftvollen Ton und überlegter Phrasierung. Gleichzeitig war seine Interpretation sehr energetisch, drängend und bestimmt von einem kernigen Anschlag. Dabei wirkte sein Spiel in den tiefen wie auch in den hohen Registern der Klaviatur sehr pointiert. Doch noch etwas überzeugender zeigte sich Abduraimov im kantablen Adagio, das er mit ergreifender Tiefe und nachdenklicher Ruhe interpretierte. Sein klarer aber gleichfalls emotionsvoller Ton enthüllte dabei die Verträumtheit des Satzes auf eine ganz eigene, zurückhaltende Weise.

Behzod Abduraimov © Ben Ealovega | Decca
Behzod Abduraimov
© Ben Ealovega | Decca

Die Münchner Philharmoniker präsentierten sich unter der Leitung von Viotti als ebenso spielfreudig wie Abduraimov und interpretierten das Klavierkonzert mit luftig-leichtem Klang, der ausdruckvoll und mit starken Hörnern ein wunderbares klangliches Gegenstück bot. Als gleichwertige Partner waren die Philharmoniker dennoch perfekt auf Abduraimov eingestellt, der seinerseits auch selbst immer wieder den Augenkontakt zum Orchester suchte.

In der nachfolgenden Symphonie Nr. 2 in e-Moll von Sergej Rachmaninow schafften es die Philharmoniker nicht von Anfang an den dunklen, melodiösen Charakter der Symphonie aufzunehmen, sodass der Beginn des ersten Satzes noch ein wenig farblos wirkte. Doch Viotti fing die Musiker schnell ein und schaffte es, den Philharmonikern einen dichten, ausdrucksstarken Klang zu entlocken. Mit seinem Debüt bei den Münchner Philharmonikern gelang ihm eine spannende Interpretation der Rachmaninow-Symphonie, die die Münchner Philharmoniker mit einem großartigen Farbenreichtum versahen.

Rachmaninow, der mit seiner Ersten Symphonie einen künstlerisch folgenschweren Misserfolg erleben musste, schaffte mit seiner Zweiten ein Werk, das wie ein musikalisches Epos aus Russland anmutet. Neben einigen wuchtigen Orchesterklängen verarbeitete Rachmaninow auch viele melancholisch-lyrische Momente in seiner Symphonie.

Die Münchner Philharmoniker waren zwar mit volltönenden Blechbläsern und einem groß besetztem Streicherapparat klanglich kraftvoll, aber Viotti verzichtete auf unnötige Effekthascherei. Viel mehr ging es ihm um die lyrische Ausdruckskraft der Symphonie, die Viotti in den vielen fein herausgearbeiteten Soli manifestierte. Viotti, der ohne Partitur dirigierte, entwickelte die schwärmerischen Melodien, die sich in jedem Satz finden lassen, sehr organisch und mit dezenter Sentimentalität, die keineswegs überladen wirkte. Er vermied es auch die Symphonie im Großklang untergehen zu lassen. Viel mehr akzentuierte Viotti an den richtigen Stellen, ließ die Höhepunkte sehr zwingend wirken und entfaltet so Klangbilder zum Genießen. Die schnellen Sätze präsentierte Viotti als Gegensatz zu dem lyrischen Melodienreichtum mit rhythmischer Präzision und packendem Enthusiasmus.

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