„Ich hätt‘ getanzt heut‘ Nacht, die ganze Nacht, heut‘ Nacht“ – mit Schwung beginnt das Vorspiel des NDR Elbphilharmonie Orchesters am Silvesterabend in der Elbphilharmonie. Das vor allem durch den Film mit Audrey Hepburn bekannte Musical My Fair Lady ist der Auftakt für einen spektakulären Silvesterabend. Doch so schön das Orchester klingt, so beschwingt und lustvoll im Walzertakt, so unschön sind Beschallung und Inszenierung.

<i>My Fair Lady</i> © Daniel Dittus
My Fair Lady
© Daniel Dittus

Es beginnt süß: Sarah Maria Sun (Eliza Doolittle) geht in lumpigem Rock und zerzausten Haaren durch das Publikum und verkauft Blumen, im wahrsten Sinne. Sie verlangt und bekommt Geld von den Zuschauern. Diese zücken ihr Portemonnaie und zahlen brav. Sehr amüsant!

Kaum fängt aber der Sprechtext an, versteht man weniger als die Bildsprache allein zu sagen hatte. Sie spaßen auch darüber. Elizas Vater, gespielt von Jens Larsen, scherzt über „Die Akustik der nicht ganz unkomplizierten Architektur“. Mit seiner derben Sprache, der dunklen Stimme und starkem Ausdruck überschallt er die Mikrophone zum Glück. Es folgen Klischees von berlinernden Mittellosen (dazu gehören die auf St. Pauli lebenden Doolittles und ihre Leute) und den Hamburgern, von der Reeperbahn bis Klein Flottbek. Einige Witze zünden, andere sind eher spröde. In der Elbphilharmonie sei klar, wozu man gehört, da schläft man sogar „für 150 piepen und das an Silvester“, sagt er, auf einen Herrn im Publikum zeigend. Das zündet. Und so gibt es einen lokalen Flachwitz nach dem nächsten.

<i>My Fair Lady</i> © Daniel Dittus
My Fair Lady
© Daniel Dittus

Das war es auch erst mal, denn nun wird meist mit pseudomoderner Sprache und spielerischer Gleichgültigkeit die Geschichte um das arme Blumenmädchen, dass wegen einer Wette zwischen Oberst Pickering und Professor Higgins bei ebendiesem Sprachunterricht bekommt, damit sie auf einem Ball als Herzogin durchgehen würde. Bis auf die Sprachübungen, die einfach urkomisch sind, ist dies wenig unterhaltsam. Hits wie „Es grünt so grün“ und „Ich hätt‘ getanzt heut‘ Nacht“ bringen wieder Schwung in das Ganze. Aber auch die Liebe bleibt auf der Strecke. Higgins scheint kein Interesse an nichts und niemandem zu haben und trotz Kritik an Elizas Sprache, ist er öfter selbst vulgär. Die Figur bleibt unklar. Auch Elizas Liebe wird nicht erzählt, bis sie in der letzten Szene plötzlich Higgins küssend auf dem Sofa liegt.

<i>My Fair Lady</i> © Daniel Dittus
My Fair Lady
© Daniel Dittus

Zum Glück entschädigten das Orchester und einige Gesangseinlagen immer wieder Auge und Ohr. Alan Gilbert und das Orchester haben ein Gefühl für die Musik und spielten mit großer Dynamik und Leichtigkeit. Und auch als der Tenor Simon Bode als Freddy, der Verehrer Elizas, auftaucht, wurde es musikalisch herrlich. Bodes Stimme hat Strahlkraft über jede Notwendigkeit der Verstärkung hinaus. Zu Suns leicht hauchig eingesetztem, vibrierenden Sopran gesellte sich ein weiterer hervorragender Sänger, der verständlich und klar für seine Eliza bereits hoch in den Rängen stehend schwärmte.

Auch Oberst Pickering (Kai Maertensen) und die Mutter, Mrs. Higgins, (Edith Clever) gaben in ihrer kleinen Szene zusammen ein zauberhaftes Bild ab. Beides sind integre Figuren, schick und liebenswert von Anfang bis Ende. Sie rügt ihren Sohn und auch Pickering behandelt Eliza mit Anstand. Musikalisch schmückte auch der NDR Chor diesen Abend mit keckem Gesang, zum Ball wie zur Hochzeit. Sobald die Inszenierung in den Teil des Balls übertritt, passen die Kostüme zum Raum (bunte, lange Kleider, Fracks), und auch die vielen Menschen füllen die Bühne mit Tanz und Gesang.

<i>My Fair Lady</i> © Daniel Dittus
My Fair Lady
© Daniel Dittus

Genauso unterhaltsam ist es, wenn zur Hochzeit des Vaters Doolittle der St.-Pauli-Schal geschwungen wird. Da wird zum ersten Mal am Abend endlich im Takt geklatscht. Auch die Tanzmusik ist ganz großes Kino. Das Orchester dreht den Walzer auf und das Publikum ist begeistert. Schauspielerisch und inszenatorisch blieb es jedoch ein wuseliges Hin und Her, oft zu viel oder zu wenig und ist nicht vergleichbar mit Inszenierungen, die mit dem NDR und Gilbert hier schon veranstaltet wurden. Aber es ist Silvester und der Abend ist noch lang. Kaum kam man aus dem Saal, gab es für jeden ein Glas Sekt, man konnte auf der Plaza das unglaubliche Feuerwerk an den Landungsbrücken angucken und bis in die Nacht im Foyer des Kleinen Saals tanzen. Von My Fair Lady, Rock’n’Roll bis Celebrations war alles dabei.

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