Wieder ein Werk, das wegen der Coronapandemie lange auf seine Uraufführung warten musste. Olga Neuwirth hatte ihr Keyframes for a Hippogriff, Musical Calligrams in memoriam Hester Diamond für Countertenor, Kinderchor und Orchester im Auftrag der Philharmonischen Orchester von New York, Stockholm und Berlin schon vor zwei Jahren vollendet und es sollte im Mai letzten Jahres in New York aus der Taufe gehoben werden. Nun bekam es am 20. Jahrestag der Anschläge vom 11. September seine verspätete aber umso symbolträchtigere Premiere beim Berliner Musikfest.

Jakub Hrůša
© Stephan Rabold

Schon der Titel hat es in sich und fragt um Erklärungen: Schlüsselbilder (ein technischer Begriff aus der Herstellung von Zeichentrickfilmen) für ein Fabelwesen, das zur einen Hälfte Greif und zur anderen Hälfte Pferd ist; ein musikalisches Figurengedicht in Erinnerung an die im letzten Jahr verstorbene New Yorker Kunstsammlerin Hester Diamond. Die persönlichen Bezüge des auf diese Weise halbwegs dechiffrierten Titels sind vielfältig: Neuwirth hat nicht nur Film und Malerei in San Francisco studiert und in ihrem Leben einige Filmmusiken komponiert, sondern kannte die facettenreiche Diamond auch persönlich. Für die von Countertenor Andrew Watts und dem hervorragenden Tölzer Knabenchor gesungenen Texte hatte Neuwirth aus insgesamt elf Quellen, von Nietzsche bis zu Graffitis geschöpft. Keyframes in der bildhaft berauschenden Interpretation von Jakub Hrůša und der Berliner Philharmoniker rief wohl nicht ganz zufällig Erinnerungen wach an die Sinfonia von Luciano Berio, die dieser zum 125. Geburtstag der New York Philharmonic geschrieben hatte. Auch Berio schwelgt in Zitaten unterschiedlichster musikgeschichtlichen Epochen, auch dessen Textfragmente werden gesungen, geschrien und expressiv gesprochen.

Andrew Watts und Olga Neuwirth
© Stephan Rabold

Die traditionelle Orchesterbesetzung ist von Neuwirth mit einem Saxophon, Autohupen, zwei Synthesizern und einer E-Gitarre angefüllt, von denen letztere mit einer Vielzahl konservierter (gesampelter) Töne und Klänge kontrastreich zu dieser bombastischen musikalischen Collage beitrugen. „It sounds like the beginning and the end of freedom“, singt Watts an einer Stelle elegant und eindringlich und bringt mit diesem Satz die Essenz von Keyframes auf den Punkt. Trotz großer Spannungsbögen, gewaltiger Klangeruptionen und solistischer Hochleistungen überwiegt am Ende des halbstündigen Werkes ein Gefühl von Verlorenheit und Verwirrung. „To be alive don’t kill my free spirit”, ruft der Chor am Ende mit kindlich-jugendlichem Übermut. Hat Neuwirth hier zukunftsträchtige Musik geschrieben für spätere Generationen? Spannend und abwechslungsreich war es in jedem Fall!

Jakub Hrůša dirigiert die Berliner Philharmoniker
© Stephan Rabold

Mit der Vierten Symphonie (Fassung 1878/1880) von Anton Bruckner luden die Berliner Philharmoniker nach der Pause zu einer magisch-klangvollen Reise durch hochromantische Märchenwelten ein. Es war ein Hörelebnis voller Gänsehautmomente, die aus dem Orchester heraus vor allem durch den enorm wandlungsfähigen und ausdrucksstarken Solohornisten Stefan Dohr getragen wurde. Hrůša, bei seinem nun dritten Dirigat in Berlin zum ersten Mal ohne das ihm auf den Leib geschnittene tschechische Repertoire angetreten, dirigierte warm und gefühlvoll mit bloßen Händen und formte damit den ohnehin schon außergewöhnlich feinsinnigen Orchesterklang der Berliner um zu orgiastischen Flächenmalereien in höheren Fantasiegefilden. Der kolossale Orchesterklang, der sich in immer neuen Spannungsbögen von fast unhörbarem Lispeln zu opernhaftem Theaterdonner steigerte, rief einmal sogar Erinnerungen wach an das auch 1874 entstandene Tongedicht Die Moldau von Hrůša’s Landsmann Smetana. Nachdem er schon im Andante quasi Allegretto die Bratschen in ihrem berühmten Solo mit fast opernhafter Allüre den Ernst des Lebens ausbilden ließ, wurde Hrůša dann im Trio: Nicht zu schnell, keinesfalls schleppend des Scherzos zum wahren Märchenerzähler, als er urplötzlich aus dem beschwingten Jagdhörneridyll umschaltete in gewagt gemächliche Schumann‘sche Schwelgereien. Bruckners Vierte fand seinen verdienten Höhepunkt im Schlusscrescendo des Finale. Mit festen Pinselstrichen zeichnete Hrůša die Konturen an denen sich bis zum letzten Frau/Mann alle Berliner Musiker mit Verve verausgabten. Die im Saal anwesende Neuwirth muss von ihrem musikalischen Urahnen genossen haben.

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