Die Zeit um den Jahreswechsel ist vielfach traditonellen Evergreens oder traditionell vielfachen Opernheiterkeiten vorbehalten. Kein Wunder also, dass zum Ausklang der Offenbachiade zwei einaktige Operetten Jacques Offenbachs programmiert wurden. Pomme d'api und Trafalgar sur un volcan stellen allerdings – wie so viele bei dem Komponisten – keine allzu bekannten Spielplan-Déjà-vus dar, sodass das Konzert von Michael Alexander Willens' Kölner Akademie ein besonderes Geschenk sein sollte.

Jacques Offenbach © André Gill
Jacques Offenbach
© André Gill

Besonders komisch präsentieren sich natürlich die ulkigen Liebesgeschichten, die so manche merkwürdige familiäre Begebenheit auf's Korn nehmen. In der ersten Komödie ist da der schräge Onkel (Amilcar Rabastens), Schürzenjäger und überzeugter Junggeselle, der seinem Neffen Gustave den „weisen“ Tipp gibt, seine Geliebte Catherine (mit Spitznamen Pomme d'api) in den Wind zu schießen. Dabei ist diese unbekanntermaßen ausgerechnet das neue Dienstmädchen Rabastens, auf die der Schwerenöter ein Auge geworfen hat. Schlussendlich klärt sich die Situation der peinlich Verdutzten auf und der Onkel gibt dem Glück der wahrhaft jüngeren Generation doch seinen überraschend großzügigen Segen.

Das kleinbesetzte Orchester tat sein Können dazu bei, im langsamen Teil der Ouvertüre erstmal mit luftiger Flöte, sanften Streichern und Triangel die liebliche Idylle des zur Auflösung gezwungenen Paares vorzugaukeln, dem im schnellen Part der Eröffnung der erste obligatorische Walzer folgte. Zudem war das Ensemble mit den Cornets, der Posaune und dem Schlagwerk im kavelleristischen Schwung um flinke Leichtigkeit bemüht, der gar tempotaktische und dynamische Spielmerkmale der Operette beigemischt wurden. Obwohl Erkenntnisse von bewusster Kontrastierung in sehr flotten Terzetten und den quälend-getragenen, schleppenden Seufzerarien des Gustave ob seiner Verflossenen durchschimmerten, entwickelte sich fortan die Beobachtung, dass die Gesangssolisten das von Willens vorgegebene Tempo anziehen wollten. Ergebnis dessen war ein manchmal rhythmisch leicht auseinanderfallendes Verständigen, zu dem der Eindruck einer gewissen Behäbigkeit des Dirigenten kam, der eine konzertante Aufführung nicht eben flüssiger macht. So wäre schließlich mehr Spritz und Witz wünschenswert gewesen.

Pfiff, den das zweite Terzett ein wenig abwarf, als Rabastens an Catherine ranging und Gustave der Kragen vor Eifersucht platzte, rächte sich die vermeintlich Geschiedene mit ihrer einladenden Koketterie und vor der Offenbarung und Versöhnung geübtem Schweigen nämlich am Geliebten. Verstörend absurd haftet zumindest die erste Einlage der Drei von Schelm Offenbach im Gedächtnis: ein Lied über das Grillen von Kotelett – die Frage dahinter: wer grillt hier eigentlich wen und was? Armando Noguera zeigte sich mit seinem robust-forderndem Auftreten sowie seiner weichen, kräftigen Baritonstimme als anspruchsvoller, von sich eingenommener Affärenjunkie, der als frauenverstehende Luftnummer im wahrsten Sinne des Wortes veräppelt wird. Den verwöhnten und erstaunten Gustave verkörperte Tenor Marc Larcher, der seine schmachtende Situationsbewältigung mit leicht leiernd-lyrischem, aber klarem Behauptungsdruck in den Speisesaal schmetterte. Magali Léger füllte ihre Rolle mit zerbrechlich-rundem Sopran aus, der mädchenhaften Charme versprühte, es verstand und teils genoss, um den Finger zu wickeln, um letztlich alle nach ihrer Pfeife tanzen zu lassen.

In der zweiten, sehr kurzen Variante hat man es mit zwei französischen Marinesoldaten zu tun, die als separatistische Partisanen die Stadt Dublin in Geiselhaft nehmen. Dabei drohen sie ein riesiges Pulverfass (in Wahrheit das der Liebe) in die Luft zu sprengen, was dazu führen sollte, den schlafenden Vulkan unter der Erde zum Ausbruch zu bringen. Katrina hat die Nase voll von ihrem Schauspielerdasein und läuft zu beiden über, der eine alter Seebär (paradox Trafalgar), der sich in sie verguckt, der andere junger Offizier (St. Elme), in den sie sich wiederum verliebt. Der Ausgang ist derselbe wie bei Pomme d'api. Die Handlung erzählt jetzt jedoch ein Narrateur (Larcher), was gleich distanzierter wirkte. Mit knackiger Geschmeidigkeit und Inbrunst trug Noguera dafür Trafalgars Schiffahrtsleidenschaft (mit erträumter Katrina) vor, während Léger die geheimnisvolle Ir(rin) blieb. Auch wenn rhythmische Unstimmigkeiten zu hören waren, gelang es Willens, einer der eifrigsten Einspieler seltenst aufgeführter Werke, hier besser, mit der Kölner Akademie ernsten Pathos sowie ein Mehr an Pfeffer in die angedeutet verrauchten Schlachtenklänge und zündelnden Nach- beziehungsweise Vorwehen zu bringen.

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