Wer je aus dem Urlaub kam und staunte, dass ein Zierkürbis binnen zehn Tagen vom Beet auf ein Garagendach, auf einen Telefonmasten und weiter bis zum Gehsteig wachsen kann, der bekommt Respekt vor Gartenpflanzen. Besonderer Respekt gebührt Gemüse, wenn es auf dem Kopf Wurzeln und eine Krone trägt, und in einer komischen Zauberoper von Jacques Offenbach singt. Respekt auch der Volksoper, die (zusammen mit der Staatsoper Hannover) König Karotte aus dem Acker der vergessenen Operetten gezogen hat. Dem Jubel am Premierenabend zufolge kann man ihr zu einem Hit gratulieren.

Sung-Keun Park (König Karotte) © Barbara Pálffy | Volksoper Wien
Sung-Keun Park (König Karotte)
© Barbara Pálffy | Volksoper Wien

König Karotte (Le Roi Carotte) ist eine Revue über den Partyprinzen Fridolin und seine Entourage, der von einer Karotte gestürzt wird, und den Ausweg aus dieser Misere in einem Selbstfindungsumweg über das antike Pompeji und einen Ameisenhaufen sucht. Das alles klingt trotzdem alles andere als blöd – weil es eben von Offenbach ist, und eine Politsatire über die Wankelmütigkeit der Massen. Vielmehr wird man musikalisch überrascht: Da erinnert die Ouvertüre ein bisschen an Pirates of the Caribbean und leitet mit einem Walzer zu einer bierseligen Szene über, in der Schuhplattler-Rhythmen „Oans, zwoa, g’suffa“-Stimmung machen. Bald darauf tritt eine von einer Drag Queen-Hexe gefangene Schönheit auf (komisch und koloraturensicher wie immer: Johanna Arrouas), die schon ein wenig die Puppe Olympia aus Hoffmanns Erzählungen vorwegnimmt. Wie Offenbach eine Dampflok oder eine niesende Karotte komponiert, ist genauso hörenswert wie Fridolins Liebesarie im vierten Akt, die unweigerlich an Schubert denken lässt (die Ameisen grüßen überhaupt mit „Hojotoho“). An dieser Stelle sei auch dem Übersetzer Jean Abel für seine köstlichen Reime, sowie Guido Mancusi und dem Volksopernorchester für die schwungvolle musikalische Umsetzung gedankt.

Julia Koci (Prinzessin Kunigunde) und Mirko Roschkowski (Fridolin XXIV.) © Barbara Pálffy | Volksoper Wien
Julia Koci (Prinzessin Kunigunde) und Mirko Roschkowski (Fridolin XXIV.)
© Barbara Pálffy | Volksoper Wien

Alle Darsteller (der umfangreiche Programmzettel listet knapp dreißig Solisten auf, die mitunter Doppel- und Dreifachrollen haben), zeigten am Premierenabend stimmlich wie schauspielerisch ihre beste Seite, nur Amira Elmadfa als Fridolins guter Geist Robin kämpfte anfangs mit der Intonation. Derlei geht in diesem Stück aber fast als Effekt durch. Besagter Robin ist Student und eine Art Schutzengel für Prinz Fridolin, der von Mirko Roschkowski hinreißend gespielt und gesungen wird. Das It-Girl Kunigunde, das er aus Budgetgründen heiraten muss, wird von Julia Koci so stimmschön wie kapriziert dargestellt; leider ist es aber mit den beiden aus, bevor es richtig anfängt: Schnell erliegt Kunigunde der karottenroten Seite der Macht: Der neue Lover ist niemand geringerer als König Karotte himself. Als dieser begeistert Sung‑Keun Park, der mit etlichen Countertenor-Tönen Witz und Mut beweist – auch er lässt keine Wünsche offen.

Josef Luftensteiner (Graf Schopp), Jakob Semotan (Marschall Track), Sung-Keun Park (König Karotte) © Barbara Pálffy | Volksoper Wien
Josef Luftensteiner (Graf Schopp), Jakob Semotan (Marschall Track), Sung-Keun Park (König Karotte)
© Barbara Pálffy | Volksoper Wien

Der ganzen Riesenschar an Beteiligten jene lobende Erwähnung zukommen zu lassen, die sie verdienen, ist leider nicht möglich, aber aus den beinahe hundert Personen, die in den Massenszenen auf der Bühne stehen, seien ein paar weitere exemplarisch hervorgehoben: In der größten Nebenrolle aus der Entourage des Prinzen punktet Marco Di Sapia als Polizei- und Geheimdienstchef – bei seinem charmant-französischen Akzent nimmt man ihm nicht übel, dass er gleich mehrfach die Fronten wechselt. Boris Eder ist als Schatzmeister Koffre ein trauriger Clown, und Yasushi Hirano darf als Schwarzmagier Truck sein muttersprachliches Japanisch auspacken – man kennt ihn aus dem eher ernsteren Repertoire der Bassbaritone und staunt, wieviel Komik mit wenigen Mitteln möglich ist. Wie „affig“ sich ein Mensch geben kann, beweist der Tänzer Konstantin Oberlik auch ohne Fellkostüm.

Ihnen allen stiehlt aber Christian Graf die Show, der als Hexe vorzeigte, wie Travestie geht. So wie er das Gemüse aus der Erde dirigiert und seinen nicht mehr ganz so prallen Hexenbusen lüpft, beherrscht er die Bühne mühelos. Die ebenso gelungene Rolle des Zauberers war ihm da wohl nur eine schauspielerische Fingerübung. Lob verdienen sich natürlich auch der Chor und die Komparserie, die von Susanne Hubrich fantasievoll eingekleidet wurden. Insbesondere das böse Gemüse (neben Karotten gab es unter anderem noch eine rote Rübe und einen Lauch) sieht so grantig aus, als hätte es zu wenig Wasser und Kompost bekommen. Auch der Bühnenausstattung samt Videoprojektionen von Mathias Fischer-Dieskau fehlt es nicht an Originalität: Besonders gelungen sind die Säulen des antiken Pompeji; diese haben zwar solide Kapitelle, bestehen aber ansonsten aus Stoffbahnen – so kann man sie effektvoll drehen und zusammenfallen lassen. Regisseur Matthias Davids macht in diesem Rahmen das Beste, was man aus so einer Revue herausholen kann: Bühnenpersonal wie Publikum wird von einer Nummer zur nächsten gescheucht.

Christian Graf (Zauberer Quiribibi) © Barbara Pálffy | Volksoper Wien
Christian Graf (Zauberer Quiribibi)
© Barbara Pálffy | Volksoper Wien

Einschränkend sei gesagt: Wer kein Fan der leichten Muse ist und mit Musicals auf Kriegsfuß steht, dem wird ein Besuch in Offenbachs Absurditätenkabinett vielleicht lang vorkommen. Umgekehrt stehen die Chancen gut, dass Musical-Freunde mit König Karotte zu mehr Offenbach, und ganz allgemein zu mehr Operette verführt werden. Auch Kinder werden mit etwas Vorbereitung ihren Spaß an dem Gemüseklamauk haben. (Ob sie die Szene, in welcher der Zauberer in Stücke zerlegt wird und im Ofen landet, eher lustig oder gruselig finden, ist eine Temperamentssache – Blut fließt jedenfalls keines). Fazit: Offenbachs Gute-Laune-Musik hat immer Saison; es sollte keinen 200. Geburtstag brauchen, um seine Werke auf den Spielplan setzen.

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