Im Gegensatz zu seinem diesjährigen Jubilar-Freund Telemann war es Bach nicht gegönnt, mit französischen Stil-Kompositionen in Paris selbst zu reüssieren. Das Orchestra of the Age of Enlightenment und William Christie schufen nun ein historisch wünschenswertes Festprogramm, indem sie ihn mit „Bach goes Paris“ zu den Lieblingen Rameau und Campra gesellten. Letzterer steuerte mit gusto italiano-Einflüssen, die schon der Suite-Name offenbart, seinen Beitrag zur sowohl sommerlich-leichten als auch prunkvollen und spritzigen Atmosphäre der unterhaltsamen Tanzeinlagen. Mit Fischer fand außerdem jemand seinen Platz auf den Notenständern, dessen musikfrankophiler Auszug aus Le Journal du Printemps nicht nur die räumlich und klimatisch vorgestellte Kulisse passend ergänzte, sondern sogar Bach beeinflusst haben soll.

Orchestra of the Age of Enlightenment © Eric Richmond
Orchestra of the Age of Enlightenment
© Eric Richmond

Das feurige Temperament zog dabei sofort mit der Ouvertüre der ausgelassenen Les Fêtes Vénitiennes Campras auf das Parkett ein, selbst wenn das Ensemble die von Christie gestenreich geforderten dynamischen Variationen im langsameren Teil noch nicht so recht übersetzte. Natürlich flogen die punktierten Rhythmen zackig – und bereits hier in überaus schnellem Tempo – umher, aber erst der folgende Wecker des Tambourins brachte diese Aufmerksamkeit, um den Tänzen ein artikulatorisches Interpretationsmuss an Abwechslung und Schattierung zu geben. Den weiteren charakterlichen Farbunterschied machten dann die typischen Einmärsche, bei denen die Militärtrommel für ein knackiges Entrée und böllerknallende Synkopen-Komik sorgte.

Karnevalistischen Witz zupften Streicher und Cembalo in der Gigue mit spielmannszug-frohlockenden Piccoloflöten, welche auch die Ankunft des dörflichen Trupps bei diesem Spektakel beträllerten. Huschten die dafür illuster-kostümierten Harlekins durch leises, fein-wuseliges, welliges Streichergeläuf vor dem geistigen Auge umher, schritten Gaukler mit fast nicht ernstzunehmender Ernsthaftigkeit und Eleganz ein, deren diebischen Tanz Christie mit seinen Schultern ein wenig vorspielte. Bei den Klängen der Kastagnetten war auch ohne Blick in die Satzbezeichnung klar, dass schließlich die Spanier ihren Besuch abstatteten, die zu getrageneren Oboen und Fagotten geradezu royal einwandelten. Mit Chaconne betitelt schien es, als müssten die sehr vornehmen Franzosen dann dem bunten Treiben den finalen Glanz verleihen. So beschließt Campra die Feierlichkeiten mit melodischer Schönheit und Erhabenheit, für die die Flötisten zur Traverse griffen und drei Violinisten zarte, edle Intermezzi einsträuten.

Vor dem mit Bachs Orchestersuite Nr. 4 ersten Pariser Korrektiv, kam in Fischer siebtem Beispiel des Frühlings, Le Journal du Printemps, ein auch schon sommerliches Flair auf, dessen schneller, dichter und ausgewogener Kontrast Bachs Inspiration getroffen haben könnte. Auf jeden Fall brachte das Orchester das überdeutlich französische Musikidiom in der Kürze bestens heraus. So exerzierte es mit dem Stück innewohnenden Fleiß, Spaß und Akuratem ob seiner treffenden Sprache die Ouvertüre aus balanciert punktierter Enge und sehniger Weite samt kurzen, derberen Basseinwürfen. Als hätte Fischer wie die heutigen Zuhörer zuvor Campras Chaconne vernommen, immitierte er in der hinreißenden Passacaille quasi diese akademische Noblesse, ausgedrückt durch ein Wechselspiel aus Tutti und dreistimmiger Zierlichkeit von zwei Bratschen und einer Geige. Wärmten die Traversflöten ein angenehm schaumiges, weiches Menuett, wirbelte das Ensemble im Finale einen frischen Wind auf, dessen endender Trommelknall zu Bach zog.

Aber statt der Trommel bediente sich dieser der Pauken, die in der äußerst raschen Eröffnung – langsam und vite – ebenso festlich donnerten und zusammen mit den strahlenden Trompeten, ob galant hauchend oder scharf, herrschaftlichen Glanz verströmten. Während zudem die Streicher erfreulicherweise noch dynamischer agierten, hätten lediglich die hölzernen Funken der Oboen und vor allem Fagotte noch stärkere Luftzüge vertragen. Mit den Bourrées kamen auch diese, sodass bereits in der Gavotte und den Menuetten in ihrer Eigenart von Changierung und Tiefe freudig die Sonne aufging, dessen Licht der Réjouissance schwungvoll in die Pause leuchtete.

Naturalistischer wurde es mit der zusammengestellten Version einer Suite aus Rameaus Les Indes Galantes, die wirklich einen exotischer Abend unter freiem Himmel in persischen Gärten zu illustrieren vermochte, obwohl freilich die Sätze aus der auf mehreren Erdteilen spielenden Handlung der Oper fußten. Wehte der Percussionist ein laueres Lüftchen, unterstützt von den Traversflöten und manchmal aufgebraust zu einer kleiner Windhose, entfaltete sich eine Idylle, in der Blumen ihren Duft verbreiteten. Sie sprießten immer mehr mit noch wärmeren Streichern und Flöten, wenn den sich streckenden, berührenden Harmonien ein rassiger Aufreger vorausging, wie beispielsweise das Premier Tambourin, das in Christies Accelerando besonders fetzig durch die Lande pfiff. Bot dieser Platz den Liebenden in ihrem Schwelgen und ihren von Streicherläufen ausgedrückten Hormonschüben ein optimales Ambiente, lieferte das Orchester mit dem Entrée des Sauvages den stimmungsvollen Schlusspunkt dieses Gangs, den Christie mit einem kräftigen Aufstampfer beenden sollte.

Solcher bildete zugleich den Auftakt für Bachs Orchestersuite Nr. 3, die das französische Sommerfest des OAE abrundete. Bissigere Trompeten und Pauken sowie die mit rhythmischer und technischer Ekstase in maximal schneller Geschwindigkeit spielenden Streicher riefen in der dahersprudelnden Meisterouvertüre neben ausgelassenem Drive ein breites Lächeln hervor. Dies gelang außerdem dem Gegenstück, der folgenden Air, befreit von Vibrato, sowohl die Verzierungen als auch das Kraftspendende sehnig freigelegt. Mit den bei dieser Konzertreihe um das Orchester platzierten Kerzen blickte man ins Himmelszelt. Entwickelte Christie die Tanzsätze daraus nun leichter und wärmer, befeuerten die anschlagenden Tempi und darin geübte Exaktheit einen beschwingt-zufriedenen Ausstand beim Einstand des Dirigenten in der Essener Philharmonie.