Normalerweise konzentrieren sich die Produktionen von Parnassus Arts auf nach wie vor den Spezialisten der Alten Musik vorbehaltenen, doch allgemein als Verdienst stetig so wieder zunehmend vertrauteren Komponisten wie Leonardo Vinci, Nicola Porpora, immer noch Johann Adolf Hasse und zuletzt beziehungsweise für das eigene Festival in Bayreuth Giovanni Bononcini oder Tommasi Albinoni. Allerdings finden sich auch die weitaus gepflogenen Meister Händel und Vivaldi im Repertoire dieser Wiener Musikgesellschaft, dem gemein ist, dass es abermals deren Besonderheiten der Opera seria zu neuem Leben erweckt.

George Petrou
© Bülent Kirschbaum

Bei Vivaldi ist es seit 2019 dessen (gekürzter) Orlando furioso aus dem Jahre 1727, als Antonio einen weiteren Versuch am Teatro Sant'Angelo in Venedig unternommen hatte, den populären Stoff zu vertonen. 1713 hatten er und sein Vater Giovanni Kollege Alberto Ristori die Kapazitäten zur Verfügung gestellt, dessen Version vom berüchtigten Ariosto-Epos Der rasende Roland auf dem Libretto Grazio Bracciolis zur Aufführung zu bringen, die Vivaldi darauf eben in gewisser Eile zur eigenen Premiere 1714 umarbeiten sollte. Machen die schwierigere Werkgeschichte um verschollene Teile, vorhandenes Material, sichere Zuordnungen und Stimmen diese komplizierter, verhält es sich mit dem zweiten Orlando, den Vivaldi selbst in Pasticciotechnik mit Arien(hits) kurz vorher oder später uraufgeführter Opern zusammenbaute, etwas einfacher.

Nur die Sinfonia fehlt (wenn man Hörner und Trompeten zudem nicht nachbesetzt) und muss in freier Rekonstruktionsentscheidung ausgewählt werden, was George Petrou mit seinem Ensemble Armonia Atenea aufgrund Orlandos kulminierend erwartetem und damit auch Alcinas Wahnsinn völlig auf der Hand liegend mit der Concerto-Adaption Vivaldis Follia-Sonate beim „Festival-Partner“ Klangvokal tat, das diese Schätze prominent und anziehend nach Dortmund, ja in die ganze Region und nach Deutschland holt. Dessen jetziges Motto „Vertrauen“ wird im Orlando bis zum üblichen lieto fine auf einige Proben gestellt, flunkern sich doch auf Alcinas Zauberinsel abseits verankert dramaturgischer, aber doch menschlicher Missverständnisse und barocktypischer Verkleidungs- und Aliasaktionen fast alle an oder erhalten zumindest das Gefühl davon. Auslöser aller verhexten Anwandlungen von Liebe, deren Täuschung und Kraft ist Ritter Orlando, der der chinesischen und an Medoro vergebenen Miss Universe, Prinzessin Angelica, verfallen ist, die sich vor ihm in Sicherheit bringen muss.

Max Emanuel Cenčić
© Bülent Kirschbaum

Versteckte Max Emanuel Cencic Orlandos Wahnsinns-, also ob seiner unerfüllten Liebe aufkochenden Tobsuchtsanfälle, zwecks hauptsächlich formschöner und vor allem technischer Bewältigung weitgehend recht zahm, adelig-diplomatisch, starrer und zulasten der Balance weniger volumenstark unter seiner Rüstung, drehte er mit den freieren szenischen Elementen im tempeldeliriumskämpfenden dritten Akt endlich ausdrucksreger auf und entließ sein Vögelchen im Kopf genauso in die Freiheit wie das zuvor unter dem Schutz Alcinas verheiratete Brautpaar Angelica und Medoro. Umso durchgehend heftiger hämmerte mit der knackigen Armonia Atenea der jeweilige Piepmatz gegen Schädel- und Herzwand, indem das luftablassend-schattenboxende Orchester seine identitätsstiftenden Akzente auf betonten und eigentlich unbetonten Zählzeiten sowie phrasierten Wellen einsetzte. Gleichzeitig überhitzte es nie allzu künstlich exaltiert – auch als die Streicher zum nochmaligen Follia-Anklang aufsprangen oder die Continuospieler sprechend die ungeheuerliche Stimme des Inneren der Höhle gaben –, um mit folkloristischer, exotischer Färbung ebenso die mythische wie durch Treue bestimmte Stimmung Orlandos (späteren) Freunde abzubilden. Besonders mit der solistischen, virtuos herausragenden Traversflöte Zacharias Tarpagkos' allegorierte das Ensemble den zauberhaft schönen Gesang der herzpochernden Nachtigall beim Blick gen Firmament.

Julia Lezhneva
© Bülent Kirschbaum

Solch künstlerisch extravagantes Geschick war auch Julia Lezhneva als fluid-abgerundete, technisch-himmlische mit legato-staccato-Artikulation und strahlenden Koloraturspitzen jonglierende Angelica beschieden, die sich mit der eigenen (lautstark publikumsgoutierten) Superkraft exquisit zierlich-liebreizender, gegenüber Orlando überschauspielerisch seufzend-knuffiger Ansprache und königlicher Autorität (wenngleich nicht ganz in der Diktion) durch das Wirrwarr zum Glück schlängelte. Dort wartete der trotz aller Beteuerung manchmal anschuldigende Medoro auf sie, der mit Philipp Mathmann erhaben, anmutig-kuriert und – ohne dieses Timbre seiner Sopransphären je in den herausfordernden Sprüngen und Läufen einzubüßen – auch mit Dynamik und zupfender Leichtigkeit auf dem Top einer Wellenlänge mit der Auserwählten lag. Selbst wenn sie sich durch Alcinas und deshalb zwangslistiges eigenes Spiel etwas hakliger wieder zusammenfanden, untermauerten zudem Bradamante und Ruggiero ihre zu- und füreinander wie geschaffen passenden Charaktere und Fähigkeiten. Sonja Runje und Nicholas Tamagna bestachen schließlich durch vorzüglich verständliche, akkurate, ausgewogen angenehme und deklamatorisch klare, bewaffnet-entwaffnend lodernde, betörende Ritterlichkeit.

Vivica Genaux
© Bülent Kirschbaum

Gemeinsam mit Astolfo, der wie sie beide und Orlando den polyamoren Tollheiten Alcinas ausgesetzt ist und mit Sreten Manojlovic stilistisch und in rächendem Ärger vivaldianischer Bass-Rhythmus-Schmackes-Arien leicht von der Leber weg zu Diensten stand, versuchen sie, der Inselhexe das Handwerk zu legen. In feurigen Farben großer Affekt- und Effektiösität tanzte mit Vivica Genaux' zitternder, ihr berüchtigtes Vibrato und stimmbänderische Geläufigkeit stützender Unterlippe Alcina auf den Herzen der ins alchymistische Gefäß ihrer Leidenschaften gegangenen Opfer. Machte sie ihre Wiedergabeart in den Arien klassisch dadurch ein wenig schwerlicher verständlich (entgegengesetzt zu den deutlichen Rezitativen), vermochte sie, durch verpflichtend sichere, melodiöse Betonung und Gestaltung starke Anteilnahme aufkommen zu lassen an Alcinas unbarmherzigen Qualen der Einsamkeit und nicht einstellenwollender Liebeszufriedenheit. Versinkt sie in zufluchtsuchender Versenkung bei den Furien, standen die Zuhörer am Ende für diesen rasenden Roland von musikalischem Parnass.

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