Mit welcher Eröffnung begeht man eine Feier zum fünfzehnjährigen Bestehen eines Barockensembles? Welche charakteristischen Stücke landen überhaupt im Programm? Alles bestimmende Fragen, die sich Monica Waisman und Florian Deuter bei der Planung ihres Jubiläums von Harmonie Universelle gemacht haben und gelöst wurden in einer exemplarischen Mischung: einer Hitliste wieder entdeckter oder neu belebter Bekanntheiten des (streicherischen) Herzensrepertoires von Corelli, Vivaldi und Telemann verbunden mit Schmelzer und Pachelbel, dessen Kanon und Gigue in D als Einzugs-Klassiker für die damalige Hochzeit der Musikertruppe die Geburtstagsparty eröffnete, die stimmungsvoll und äußerst spritzig werden sollte.

Monica Waisman und Florian Deuter © Stefan Flach
Monica Waisman und Florian Deuter
© Stefan Flach

Selbst dieser nämlich im Laufe der Zeit entweder heute zu allem möglichen kitschig verbrämte oder zu einem Tombeau mutierte Schlager muss auch erst einmal wieder instrumental- und klanggeschichtlich akkurat ins Gedächtnis gerufen werden. Das taten die beiden Gründer und Konzertmeister an der Geige mit der dritten Violinistin Andrea Keller im angemessen schnellen Tempo des Kanons, der mit der gewichtigen, präsenten und zupackenden Art der Solisten mit dem Ostinato-Bass vom ersten Ton an eine besonders lebendige Introduktion erfuhr. Die jeweiligen Themenvariationen sprudelten dabei so schwungvoll, saftig und klar heraus, dass sie fast schon fanfarenartig anmuteten, im Ausblick und in Verbindung zu erst folgendem Programmpunkt. Und in der Frische und ihrer jubillierenden Ausgelassenheit setzten sie in der Gigue sogar noch einen drauf!

Das mit Streichern lautmalerisch nachgestellte Tonbild der Trompeter sollte schließlich mit Schmelzers Sonata Tubicinum à 7 erklingen, die mit vorhandenem Cello und Cembalo auf neun Stimmen erweitert wurde. Diese Nr. 106 aus dem Partiturbuch Ludwig von 1662 ist originell wie die Klanggemälde des bedeutendsten Violin-Komponisten-Kollegen Biber, an die man sich spätestens bei dem schmissigen, volkstümlichen wie virtuosen Polkabeginn des bullernden Cello-Cembalo-Martellato erinnern musste, auf den eine Conclusio folgte, die prickelte wie der Sekttrunk, der zur Feier gehörte. Zuvor stimmten die vier Bratschen einen majestätisch besinnlichen Kanon an, der mit dem kräftigen Einsatz Deuters Instrument kontrastvoll unterbrochen wurde, um in einen spaßigen, abwechslungsreichen Dialog mit den Instrumenten-Chor-Gruppen zu treten. Genauso wie die geübte antiphone Aufstellung des Orchesters darin wieder einmal gleichsam unerlässlich wie an sich optimal war, erzeugten Deuter und sein Ensemble im Rücken einen besonders in seiner Kernigkeit, Gerissenheit und Schärfe des Ansatzes überzeugend imitierenden Klang der Clarinen. Sein Chor löste sich im Frage-Antwort-Spiel – als riefe man sich von den unterschiedlichen Turmseiten zu – ab mit Waismans Gegenüber, das einen Hauch weicher agierte und die andere Seite wiederum zu neuer Lust und Verzierung anfeuerte. Im Mittelteil verwoben oder umspielten sie sich miteinander, sodass noch unterschiedlichere Dynamik-Raum-Effekt-Wechsel zu Tage gefördert werden konnten.

Wie sie als Vorläufer bekannter Sonaten von Corelli und Vivaldi herhalten kann, so beinahe sonatenartig scheint das noch Vivaldi zugeschriebene Konzert RV Anh. 10 zu sein. Nach vier wuchtigen Akkordausrufezeichen legte Deuter darin als Solist los, die typischen A- und E-Saiten-Sechszehntel-Figuren in schillernd gleißendem Anschnitt aufzufahren, dessen Elan im abermaligen Allegro vom Ensemble (mit teils mitkonzertierendem Cello und Streichertutti) derart rauschend gesteigert wurde, dass der Zusammenklang in Körper und Ohren vibrierte. Kühlten die Adagii, das Flautando-Andante und das gesangliche Largo nur ganz kurz ab, entstand im Allegro-Finale ein Flammenwurf von mehr als fünfzehn Geburtstagskerzen, in dem Deuter über alle Saiten heizte, die Mitspieler bei der Leidenschaft im gemeinsamem Verständnis wirklich mitriss und mit fünf markanten Akkorden fulminant endete.

Besagtes Glas zum Überschäumen brachte Corellis Op.6 Nr.8, bei dem man am liebsten mitwuseln und die aufgesogenen Energien, die Harmonie Universelle verströmte, freilassen wollte. Denn nicht nur in den von der Satzbezeichnung her bewusst schnellen Sätzen, die krachend knackig-rasant umherflogen, verbreitete es Laune, sondern außerdem im elegant-geistreichten Adagio, im luftig-tänzerischen Vivace II und vor allem im sehr flüssigen Pastorale, das den wie bei Pachelbels Kanon angesammelten Kitsch aus den Noten pustete.

Selbige Mittanz- und Mitmach-Qualitäten versprühte im Anschluss zuverlässigst ihre Interpretation Telemanns Concerto a sei, bei dem gleich das strahlende Eingangs-Andante und das königlich-köstliche Allegro mit quasi revolutionären sul G- und A-Saiten-Einschüben Deuters Soli verzauberte. Noch bevor die Party mit Vivaldis Winter ihren ultimativen Rausschmeißer haben sollte, rissen – nach dem innigen Largo von Waisman und Deuter mit Basso Continuo – die Akkordsalven des Presto schlicht vom Hocker. Für den Kehraus übernahm nun Waisman den geübten Solistenpart, der im ersten Satz beflissen, passioniert und mit konzentrierten Anläufen vom bedrohlich-schäbigen Ponticello-Klirren des Ensembles befreite. War das Largo extrem flott durchgehuscht, machte Waisman das eisige Pfeifen zum Klirren der Umtrunkflöten. Selbst wenn in diesem musikalischen Abschluss nicht alles mechanisch perfekt ablief, muss man doch von einem unvergesslichen Fest sprechen.

Zurück zu Fragen: warum sollte das fünfzehnjährige Bestehen überhaupt gefeiert werden? In der immer spezieller und dichter gestreuten Barockensemble-Landschaft wäre jede längere, künstlerisch hochwertige und mit Diskografie verewigte überlebende Gruppierung Grund genug zur Feier. Und vor fünfzehn Jahren stand eine weitere Frage im Raum, die Ausgangsfrage nach dem dem Namen des Ensembles. Waisman und Deuter rechtfertigten ihn einmal mehr: Harmonie Universelle eben. Hoch lebe der Barock! Glückwunsch!

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