Vor einem Jahr hatte Howard Arman die künstlerische Leitung des BR-Chores übernommen; nun leitete er auch das Münchner Rundfunkorchester. „Paradisi Gloria“, von Marcello Viotti 2000 ins Leben gerufen, bringt mit geistlicher Musik im engeren Sinn den beeindruckenden Kirchenraum zum Klingen. Als musikalische Visitenkarte überbrachte der in London geborene Dirigent und Komponist französische Chor- und Orchestermusik, die gut an den Beginn der Adventszeit passte: Schöpfungsgedanken im Lichte spätromantischer Betrachtung bis zum Lobgesang der Geburt Christi in der Weihnachtshistorie.

Howard Arman © Astrid Ackermann | BR
Howard Arman
© Astrid Ackermann | BR

André Caplets Tout est lumière (1901) basiert auf Texten von Victor Hugo. Der von Debussy hochgeschätzte Komponist lässt sein dreiteiliges Werk wie ein impressionistisches Aquarell erscheinen, aus vielen Details zusammengesetzt, die erst bei längerer Betrachtung sich zu einem Ganzen fügen: „der Spinne Fuß an den Tulpen, zitternde Libelle im Teich, lustig singender Schwarm der Vögel“. Howard Arman dirigierte zurückhaltend, verlangte viel Einfühlungsvermögen in die südliche Sonne vom Rundfunkorchester, das in den Instrumentalsoli sowie tutti die Orchesterfarben überschwänglich ausspielte. Die Männerstimmen des Chores kamen sonor hinzu, anfangs fast zu fordernd, dann mit den Frauenstimmen weich und pastos alle mediterrane Lust und das Licht zeichnend. „Die Nelke, sich der Biene neigend“ wurde von der Solistin gereicht: Laura Tătulescu schwang mit warmem biegsamem Sopran über dem Streichertremolo wie auf bunt blühendem Leben der Gärten. Ihrer Stimme hätte man gern noch länger gelauscht, aber wie nach einer Windböe war die freudige Klangimpression schnell vollendet: „die Natur weiß von dem großen Geheimnis und lächelt“.

Den 1892 in Marseille geborenen Darius Milhaud füllte das Musikstudium in Paris nicht aus. Da war es ein Glücksfall, dass Paul Claudel, Dichter im diplomatischen Dienst, den Fünfundzwanzigjährigen als Botschaftsattaché nach Brasilien mitnahm. Dort sog dieser die Fülle südamerikanischer Musik gierig auf, ebenso wie er sich später auch vom Jazz in New Orleans begeistern ließ. Die polytonale Harmonik wurde zu einer seiner typischen Stilmerkmale, auch in La création du monde, eine seiner bekanntesten Ballettmusiken in ihrer wirkungsvollen Mischung von Schwermut und Frechheit.

Nur 18 Musiker nahmen auf dem Podium Platz, ideale Jazzorchester-Formation für kammermusikalisch ausgehorchte Symphonik. Statt der Bratsche ein Altsaxophon, dazu kamen Schlagzeug und Klavier. Gefühlvoll begann die Saxophon-Kantilene, zu der Trompete und Oboe weich hinzutraten. Arman nahm sehr langsame Tempi, kostete das gefühlvoll-tänzerische Element aus, vermittelte nun auch körperlich den rhythmischen Impuls der Partitur. Die Instrumentalisten zeigten, wie gut sie in dieser gefühlsbetonten Musiktradition zu Hause sind, wie locker die Synkopen perlten, wie vollendet Glissandi und perkussive Rhythmen gelangen. In der aus kurzen Motivteilen sich zusammenfügenden Fugenpassage machten die Musiker die Unordnung erkennbar, aus der im weiteren Verlauf die Lebewesen und im letzten Teil Gefühle dramatisch hervortraten. Sie verstanden es hervorragend, die nebeneinander laufenden Tonarten mit harmonische Feinheiten zu zeichnen und Zartes mit äußerster Behutsamkeit, Heftiges mit geballter Intensität auszudrücken.

Die Cantate de Noël, 1953 vollendet, zählt zu Arthur Honeggers letzten Werken, das sich aus Psalmen und Teilen des lateinischen Glorias zusammensetzt. Man beging die Adventszeit früher als dunkle Zeit und bat mit Fasten auch um Sündenvergebung. So beginnt die Kantate mit dem Klagelied des Psalm 130 und wendet sich erst langsam vom Dunkel zum Licht, was auch Honeggers persönliche Auseinandersetzung mit einer schweren Krankheit widerspiegelt.

Neben dem Chor und Orchester nahmen nun 50 junge Stimmen des Kinderchores der Bayerischen Staatsoper (Einstudierung Stellario Fagone) auf dem Podium Platz. „Aus der Tiefe rufe ich zu Dir“ – mit den tiefsten Registern der Orgel (Max Hanft) und Vokalisen dunkler Bässe setzte die Musik ein, bis geradezu demütig und stockend die Bußverse in Worte gefasst wurden. In der Steigerung traten die Soprane und helle Orchesterstimmen hinzu, die Sehnsucht nach dem Erlöser Emmanuel ausdrückend. Mit suggestivem, klangschönem Einsatz überstrahlte der auswendig singende Kinderchor die vielstimmige Szene, gleichsam Engel hoch vom Himmel herkommend. Howard Arman breitete diesen Kulminationspunkt ruhig aus und ließ unaufgeregt jede Stimme aufblühen. Von ungewöhnlichem Reiz war dabei die Verflechtung bekannter Weihnachtslieder, im Über- und Durcheinander lateinischer, französischer und deutscher Sprache als friedliche Verbindung zwischen den Nationen. Wie ein Prophet verkündete Peter Schöne stimmgewaltig den Menschen die Freude der Geburt Christi. Das Orchester, in großer Holz- und Blechbläser-Besetzung mit Harfe und Streichern äußerst vielstimmig aufgestellt, bettete diese Friedensgewissheit in berückend klangschöne Farben. Und behielt überraschend das letzte Wort, indem das rein instrumentale Nachspiel still verhallte in letzten Takten tiefer Orgel-, Harfen- und Streicherharmonien.

Gute Traditon ist es, relevante Texte zwischen den Stücken durch Studierende der Otto-Falckenberg-Schule München rezitieren zu lassen. Mit Auszügen aus Dichtungen von Victor Hugo gab Lea Johanna Geszti Gelegenheit zum Nachdenken und vervollständigte diesen Dreiklang aus Musik, Architektur und Poesie zur eindrucksvollen Gesamtkomposition.