„Oh, Strafe! Strafe ohne Gleichen“, singt Amfortas (Mathias Hausmann) und das Leiden erschreckt sich nicht nur über Amfortas, sondern auch über das Publikum der Deutschen Oper Berlin. Binnen weniger Minuten entfaltet sich ein schlechter Jesus-Film mit Pappmarché-Bühnenbild und Kreuzritteroutfits. Ist der Tod an sich immer ein starkes Mittel für Mitleid und Trauer, so ist er hier leider nur Nachstellung einer zu bekannten Szene, der Kreuzigung Jesu, in pseudorealistischer Klamotte. Da half der etwas spannungsarme Beginn des Orchesters unter Donald Runnicles nicht besonders, die Optik auszugleichen. Die Szenerie nimmt so viel Raum ein, dass selbst der großartige Gesang wenig erfreuen konnte. Und dieser war großartig!

Brandon Jovanovich (Parsifal) und Günther Groissböck (Gurnemanz) © Bettina Stöß
Brandon Jovanovich (Parsifal) und Günther Groissböck (Gurnemanz)
© Bettina Stöß

Mit Günther Groissböcks Auftreten als Gurnemanz kam etwas mehr Fahrt auf. Seine erzählerische Ausdruckskraft, die langen Phrasen und auch die wunderbar lyrische Erzählung über den Schwan, machen ihn zum perfekten Geschichtenerzähler dieser Oper. Während er von der Vergangenheit berichtet oder Gegenwärtiges erklärt, wird die jeweilige Szene auf den Hügeln im Hintergrund so klischeebehaftet gespielt, dass man am liebsten die Augen schließen möchten.

Sängerisch jedoch blieb es ein Freudenfest. Die wohl lieblichste Kundry unserer Zeit, Elena Pankratova, scheint ein selten gehörtes Zwischenfach zu besetzen. Jeder Registerwechsel blieb unhörbar und diese Höllenrose war sowohl in den Tiefen als auch strahlenden Höhen ohne Probleme zu Hause. Pankratova bewies, dass diese unglaublich anspruchsvolle Rolle zauberhaft schön, geschmeidig und warm sein kann.

<i>Parsifal</i> © Bettina Stöß
Parsifal
© Bettina Stöß

Gerade erst als Parsifal debütiert, sang der Tenor Brandon Jovanovic die Titelrolle mit kraftvoller Stimme, die trotz der Fülle auch einfühlsame Töne anstimmen kann. Mit Abstand war er der beste Schauspieler auf der Bühne und erlöste nicht nur durch seinen „modernen“ Anzug die Inszenierung ein wenig aus ihrer Starre.

Kundry und Parsifal geben in dieser Kombination ein sehr leidenschaftliches Paar ab und man kann nur dankbar sein, dass der zweite Akt teils konzertant stattfindet. So konnte man diese unglaublich schöne gesangliche Interpretation genießen, wobei der Kuss wiederum nicht unerotischer hätte sein können.

Brandon Jovanovich (Parsifal) © Bettina Stöß
Brandon Jovanovich (Parsifal)
© Bettina Stöß

Auch Amfortas, gesungen von Mathias Hausmann, war gut besetzt. Klar, laut und präsent brachte Hausmann die Klagen des verletzten Königs dar. Sein Vater, Titurel, wurde von Andrew Harris mit ausdrucksstarker Tiefe, zwar etwas unemotional, aber sonor und deutlich vorgetragen. Und auch Derek Welton (Klingsor) konnte sich mit seiner klaren, lauten Stimme hören lassen.

Spielte das Orchester durchweg recht gut, gibt es hingegen über den Chor der Deutschen Oper leider wenig Erfreuliches zu sagen. Parsifal lebt unter anderem von den traumhaften Chor-Stellen, doch leider fiel besonders der Sopran immer wieder unangenehm auf. Auch schauspielerisch zappelten viele Sänger nur herum, nichts war wirklich stark im Ausdruck. Ebenso bleibt auch das Beleuchtungskonzept ein Rätsel. Sehen die Bilder schön aus, so ist es live ein teils in rosa getauchtes Grün-Grau, wodurch nicht mal die Kostüme oder die nackte Haut der Blumenmädchen zu erkennen waren. Alles Optische stößt von der wunderschönen Musik ab und leider gibt es davon in dieser Inszenierung (Philipp Stölzl) auch am Ende keine Erlösung. Das Niveau der Solisten, allen voran Elena Pankratova, steht dem Rest des Abends in unüberbrückbarer Distanz gegenüber.

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