Nach ihrem Auftritt bei den BBC Proms war für Paavo Järvi und das Estonian Festival Orchestra die Elbphilharmonie der nächste Auftrittsort, wo als Solistin für das Klavierkonzert von Edvard Grieg wieder Khatia Buniatishvili antrat. Spätestens jetzt hat das Ensemble seinen festen Platz in der internationalen Konzertlandschaft gefunden, nachdem es erst im Jahr 2011 von Järvi selbst gegründet worden war, um die besten Orchestermusiker und junge Talente Estlands in einem Klangkörper zu vereinen. Trotz der jungen Geschichte besteht bereits die Tradition, sich im Programm auf estnische und skandinavische Kompositionen zu fokussieren, welche auch über diesem Konzertabend stand.

Paavo Järvi und das Estonian Festival Orchestra © Daniel Dittus
Paavo Järvi und das Estonian Festival Orchestra
© Daniel Dittus

Mit der Dritten Symphonie von Arvo Pärt traf die Auswahl gleich ein besonderes Werk, da sie ganz anders klingt als all die anderen, häufiger gespielten Stücke des Komponisten. Sie ist das einzige Werk, das in einer längeren Schaffenspause entstand, und in der Pärt viele Einflüsse alter Musik, gregorianischer Choräle des Mittelalters verarbeitet, welche vor allem die Geigen im Orchester bewusst in mittigem Timbre gestalteten. Generell wurde viel Wert auf einen sehr vollen Geamtklang gelegt, der zusammen mit dem langsamen Beginn, den bedachten Pausen und den mit Nachdruck gespielten Unisono-Melodien der Streicher den Vortrag besonnen und überlegt wirken ließ. Zusätzlich zu einer kerzengeraden Körpergrundhaltung offenbarten Paavo Järvis Bewegungen starke Wechsel in den Stimmungen. Zeichneten die Hände in einem Moment mit weiten Zügen ruhige Melodielinien, zitterte im Nächsten der ganze Körper voller Spannung der nächsten Steigerung entgegen. Zusammen mit der gegensätzlichen Präsentation alter und neuer Themen wies das Ensemble immer wieder kunstvoll darauf hin, dass die Symphonie am Übergang von Schaffensperioden des Komponisten steht, wobei Dynamikunterschiede immer deutlich gestaltet, aber nie übertrieben wurden. Selbst der Schlussteil blieb präzise ohne dabei überbordend zu wirken.

Khatia Buniatishvili © Daniel Dittus
Khatia Buniatishvili
© Daniel Dittus

Von Estland aus wanderte das Programm dann nach Skandinavien, wo Edvard Grieg unter anderem mit seinem Klavierkonzert an einer „nationalen Musik” für Norwegen arbeitete. Und wie erwartet präsentierte Khatia Buniatishvili dieses oft gespielte Werk sehr innig und kraftvoll. Mit zeitweise fast extremer Körpersprache legte sie den Fokus auch optisch auf die Interpretation, immer davon ausgehend, dass sie jede noch so schnelle Passage perfekt mitnahm, wo viele andere Pianisten hie und da eine Note fallen lassen, selbst wenn es bedeutete, manch rasche Bewegung in hoher Lage etwas zu hastig zu übergehen. Von Anfang an stand sie automatisch im Mittelpunkt und führte den Vortrag, ohne jedoch dem Willen zu entbehren, sehr aktiv mit Dirigent und Orchestermusikern zu kommunizieren. So sehr sie offenbar die Geschwindigkeit des ersten Satzes mochte, so freudvoll legte sie sich aber auch in die romantisch träumerischen Themen und gestaltete diese zusammen mit dem Orchester sehr weich, was die freudige Erwartung des ruhigen zweiten Satzes und seiner Gestaltungsspielräume in den langen Themenbögen nur vergrößerte. Dort angekommen schien die Pianistin mit dieser Interpretationsherausforderung allerdings nicht viel anfangen zu wollen. Die Chance, diese erzählenden, langen Spannungsbögen im Mittelbereich des Satzes stabil aufzustellen, ließ sie ungenutzt und spielte die Melodien überraschenderweise eher zusammenhanglos, vielleicht schon im Hinblick auf lautere und schnellere Passagen, von denen dann der dritte Satz im Allegro moderato molto e marcato mehr anbot. Dort ging Buniatishvili dann allerdings ein so hohes Tempo, dass das Orchester Mühe hatte zu folgen. Diese Situation ist nicht ungewöhnlich, schränkt jedoch die Gestaltungsspielräume ein. Hier entwickelte es sich so weit, dass in der hinteren Mitte des dritten Satzes Orchester und Solistin kurz das Zusammenspiel verloren, sich allerdings auch schnell wieder fanden, um dann präzise und sicher den festlichen Schlussteil kräftig zu gestalten. Zur Freude des Publikums gab die Solistin nach langen Applausbekundungen als Zugabe die Ungarische Rhapsodie Nr. 2 von Franz Liszt (arr. Horowitz).

Dass das Programmkonzept in sehr angenehmer Art funktioniert, zeigte das Orchester im zweiten Konzertteil mit der Fünften Symphonie von Jean Sibelius, die sich als passender Gegenpart zum ersten Teil erwies. Nach kurzem Einfinden in die Komposition hatten die Musiker schnell den Fokus auf die vielen Naturbeschreibungen des Komponisten in der Musik gefunden. Vor allem die Bläser schafften es, die arbiträren Eigenschaften von Naturprozessen zu betonen, indem sie die Beliebigkeit von Einwürfen und Kurzmelodien heraustellten. Aber auch die Geigen hatten bei den leisen, flirrenden Bewegungen die Gelegenheit dazu. Dabei blieben alle Stimmungsübergänge präzise, und dennoch so bildgebend wie es Sibelius Komposition verlangt. Mit stark zitterndem Körper trieb Paavo Järvi die Musiker in die Steigerung am Schluss des ersten Satzes mit deren Intensität mir das Ensemble fast den Atem nahm. Das sollte nicht das letzte Mal an diesem Abend gewesen sein. Immer mehr investierten die Musiker in den Vortrag und verstärkten die Körpersprache weiter und weiter. Selbst im zweiten Satz, als die in der Gesamtkomposition sehr verwobenen Themen sehr gut eingebettet dargestellt wurden, und umso mehr in der letzten Steigerung zum Schluß des dritten Satzes, die Järvi zusammen mit dem Orchester wie eine riesige Ozeanwelle aufbaute, die das Publikum wegspülte!

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