Die Kraft des Himmels entlädt sich als Wetterphänomen immer heftiger und häufiger je weiter der Klimawandel voranschreitet und das systematische Gefüge von Erde und Atmosphäre anheizt. Neben der (natur-)wissenschaftlichen Seite betrachtete man die Begebenheit persönlich-evolutionistisch auch wahlweise als krachend-nasse, zornige Reaktion vom Weltenlenker oben, als tönendes Sinnbild der menschlichen Auseinandersetzung im Kampfgetümmel unten oder als bebend-schmerzliches Schicksal in feurig-tränenreicher Liebesverzweiflung. Auf jeden Fall immer als das, was uns so anfasst, wenn wir die Lage aus Furcht, Gefahr und Unmittelbarkeit vernehmen: die Frage nach der eigenen Existenz und die Auswirkung auf beziehungsweise der Umgang mit dem „richtigen“ Handeln im Verhältnis Mensch-Natur.

Pastoral for the Planet
© Petra Coddington

Laurence Equilbeys Insula Orchestra stellte dafür das Konzert-Experiment Pastoral for the Planet zusammen, indem es die Sechste Symphonie Beethovens nicht nur musikalisch mit unbekannten, sturmthematischen Repertoirestücken kombinierte, sondern mit La Fura dels Baus unter der Regie Carlus Padrissas, der Gestaltung Mihael Milunovics und Jose Vaaliñas sowie dem durch eine App eingebundenen Publikum auch ein digital-optisches Spektakel in den Saal pflanzte.

Wo normalerweise die Smartphones also während der Aufführung stummgeschaltet in der Tasche verbleiben, war ihr – fremdgesteuerter – Einsatz im Konzerthaus Dortmund nun unerlässlich, um den Zuschauer einerseits mit Informationen über historische Erkenntnisse der Klima- oder Treibhausgasforschung, mit Kritik an Industrie, Landwirtschaft und Kriegerei zu begleiten und andererseits mithilfe von Zitaten Beethovens damalige Gegebenheiten, revolutionistisch-weisheitliche Gedanken und Bezüge zur Musik in Einklang zur Szenerie zu bringen. Eine Szenerie, die aus Videoelementen und 360°-Saalprojektionen sowie dem abstrakt stilisierten Baum in der Mitte vor dem Orchester auf der Bühne bestand. Aus ihm kletterten in Ablichtung der Menschheit und des Lebens auf der Erde die vier Tänzer der Produktion, besser die Akrobaten Macarena Bravi, Luis Garcia, Tamara Ndong und Quico Torrent, um als Quartett der Welt den dramaturgischen Weg von den Anfängen der Zivilisation, über ratlose, getriebene Kriegs- und Klimaflüchtlinge, saatausbringende Bauern bis zu farbebekennenden, zeichensetzenden, an unsere Eigenverantwortung appellierenden Künstler an einer Pollock-artigen Leinwand zu gehen.

Sophie Karthäuser
© Petra Coddington

Für Außergewöhnliches auf die Ohren sorgte – mal wieder – vor allem der kultige Koen Plaetinck an den betäubend-packenden Pauken des Insula Orchestras, die schon zur Prometheus-Introduktion „La tempesta“ gewaltig tremolieren und schlagknallend ertönen konnten. Zuvor schritt Dirigentin Equilbey als musikalischer Göttervater mit dem Feuer in der Hand zum Pult, von wo aus es ihr Sopran-Titan Sophie Karthäuser entriss. Sie wurde als gefesselte Figur der Mythologie genauso Teil der Handlung wie als säuglingstragende Frau zum von Bombeneinschlag jäh unterbrochenen Volkslied der äquatorialguineischen Fang, einem von drei zwischenplatzierten Traditionals (letzteres ein videogespieltes ukrainisches, grölend-rustikales Klagelied von verwaisten alten Mütterchen, nach dem der Baum umstürzte), oder als Verunreinigungsdetektiererin im Schutzanzug zu Beginn des zweiten Satzes der Pastoralen. Und natürlich als tragische Hero in Fanny Hensels kurzem Dramatikwerk, in dem Karthäuser mit lautmalerisch-poetisch-romantischer Theatralik warm und lyrisch an einem schwenkbaren Nebenelement sehnsuchtsvoll durch die Luft schwebte, bevor sie mit Diktionsbemühen und deklamatorischer Präzision sowie vorwagnerischem oder Königin-der-Nacht-Temperament den Tod suchte.

Pastoral for the Planet
© Petra Coddington

Die Rettung und neue Heimat Suchenden begleitete dagegen Beethovens Allegretto aus der Siebenten, das Equilbey – wie alle Stücke – metronomadäquat angenehm flott und dabei ergiebig nahm. So auch den bedrohlichen, packenden „Sturm“ aus Reichas Lenore, der eindringlich kontraststarken, fließenden, kompakten und mit Vincenzo Casals Klarinettensolo melancholisch-emotionalen Leander-Ouvertüre Rietz' und Webers mitreißender „Schlachtenmusik“ aus Kampf und Sieg, zu dem die Handylichter blitzten. Bildreich und dynamisch wie phrasiert elastisch geriet außerdem die eigentliche Pastorale, die fruchtig und erhellend pulsierte, entzückend wie ein Keimling aufging, (nicht zu) zünftig das „Zusammensein der Landleute“, das donnergrollende Gewitter und den nicht romantisch verklärten, handfest-eiligen, energisch-fürchtigen Hirtendank instrumentierte. Ihr konnte – mit zusätzlichem Aufruf Beethovens – nur der Optimismus des Publikums folgen, das zum Schluss dadurch am letzten Programmpunkt partizipierte, dass es eben zukunftsgläubig über die Frage der Beherrschung und Bekämpfung des Klimawandels und lebensgrundlicher Naturzerstörung abstimmte. So erklangen noch die von Karthäuser mit gütlicher und mahnender Absorbierungskraft beschienene „Cavatine“ aus dem Oberon und die Finalcoda des Egmont. Prozedur, Wahl und Ende konterkarierend, wurde letztlich doch ebenfalls das Pessimismus-Beispiel mit dem Oberon-Gebet gegeben. Sollten wir doch nichts mehr in der Hand haben?

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