„Sollte nicht am Ende der Geschichte, wo es heißt: ,Und sie wurden glücklich’, die große Unruhe Ihren Anfang nehmen?” Was der belgische Dramatiker Maurice Materlinck 1896 in seinem Prosaroman Le Trésor des humbles formuliert, steht am Beginn von Claude Debussys Pelleas und Melisande am Nationaltheater Mannheim. Während am rechten Bühnenrand ein junges Mädchen im flimmernden Licht eines alten Schwarz-Weiß-Films auf ihrem in weiße Bettlaken gehüllten Lager dahinsiecht, ersteht ihre Gestalt aus dem von schwarzem Kies überzogenen Untergrund auf. Von dort, wo Maeterlincks Vorlage für Debussys Musikdrama endet, wendet die junge Regisseurin Luise Kautz den Blick zurück auf das Geschehen, das in den Tod dreier Liebender führt.

Iris Marie Sojer (Melisande) und Raymond Ayers (Pelleas) © Hans Jörg Michel
Iris Marie Sojer (Melisande) und Raymond Ayers (Pelleas)
© Hans Jörg Michel

Dabei lösen sich in einer symbolistischen Bilderflut nicht allein die Grenzen der Zeit auf. Mit der Wahl der Studiobühne als Spielstätte und der Fassung von Steven Tanoto für 16 Orchestermusiker überschreitet diese Produktion der Jungen Oper die Grenzen des Musiktheaters zum intimen Kammerspiel.

Den Hintergrund zu der von Lani Tran-Duc gestalteten Traumlandschaft, deren Untergrund in wogenden Wellenbewegungen die Protagonisten sinnfällig hinabzuziehen scheint, bildet der strömende Klang von Claude Debussys Musik. Mit großer Intensität gelang es dem Orchester des Nationaltheaters ein impressionistisches Kompositionsbild zu schaffen. Innerhalb der Märchenwelt, die zwischen den Metaphern von Grotte, Brunnen und Turm im dunklen Wald zum Alptraum gerät, schuf der sizilianische Pianist und Solorepetitor Lorenzo die Toro in seinem äußerst bedachten Dirigat eine atmosphärischen Sprachkorpus.

Raymond Ayers (Pelleas) und Iris Marie Sojer (Melisande) © Hans Jörg Michel
Raymond Ayers (Pelleas) und Iris Marie Sojer (Melisande)
© Hans Jörg Michel

In ihm war die Inspiration des französischen Komponisten durch die Programmmusik russischer Komponisten der Romantik ebenso vernehmlich wie die Auflösung der Harmonik auf dem Weg in die Moderne, wie es Claude Debussy 1902 beschrieben hatte: „Es herrscht hier eine zauberisch beschwörende Sprache, deren sensible Nuancen ihre Weiterführung in der Musik und im orchestralen Klangkolorit finden konnten. Auch habe ich versucht, einem Schönheitsgesetz zu gehorchen, das man seltsamerweise zu vergessen scheint, sobald es sich um Musik für das Theater handelt. Die Personen des Pelleas-Dramas versuchen ganz natürlich zu singen und nicht in einem willkürlichen Tonfall, der aus veralteten Traditionen stammt.”

Ilya Lapich (Golaud), Iris Marie Sojer (Melisande) und Allan Evans (Arkel) © Hans Jörg Michel
Ilya Lapich (Golaud), Iris Marie Sojer (Melisande) und Allan Evans (Arkel)
© Hans Jörg Michel

Jene Natürlichkeit spiegelte sich in der artikulatorischen Klarheit der deutschen Übersetzung von Julius Knapp wider, welche die expressive Klangtiefe Debussys in ein spannungsreiches Verhältnis zum parlando-ähnlichen Gesang der Protagonisten setzte. Die Mezzosopranistin Iris Marie Sojer, Ensemblemitglied im Opernstudio des Nationaltheaters, ließ Melisande mit sanfter Tiefe und fragiler Höhe ruhelos zwischen diesen beiden Welten wandern. Beeindruckend gestaltet sie ihr inneres Erstarren als sich Golaud an ihr vergehen will. Auf der Jagd trifft er, der sich selbst an jenem unwirtlichen Ort im Königreich Allemonde verirrt hat, auf die ihm ausgelieferte Schöne und nimmt sie, einer Beute gleich, mit sich. Ihr gegenüber stand mit Raymond Ayers‘ schwärmerisch geschmeidigem Bariton ein träumerisch, nachtwandelnder Pelleas, dessen Naivität im märchenhaften Reich der Szenerie ein Gegenreich zur dunklen Schattenwelt schuf.

Ilya Lapich, der ebenfalls seit der Spielzeit 2016/2017 zum hauseigenen Opernstudio gehört, lotet die Figur des Golaud hingegen triumphal mit dunkel glühendem Bariton von ungewöhnlichem Resonanzreichtum in allen Lagen aus. Mit großer Präsenz zeichnete er einen am Ende gebrochenen Regentensohn, der in Verbitterung Wut entbrannt seinen Halbbruder und dessen Geliebte ermordet, darstellerisch einmalig nach. In leise melancholischem Ton, der seine Verzweiflung umschreibt, droht er an den Folgen seiner im Wahn begangenen Tat selbst zu zerbrechen.

Iris Marie Sojer (Melisande) und Ilya Lapich (Golaud) © Hans Jörg Michel
Iris Marie Sojer (Melisande) und Ilya Lapich (Golaud)
© Hans Jörg Michel

Auch wenn sich die zu Familienfotografien im Stil des ausgehenden 19. Jahrhunderts versteifenden Gesellschaftsbilder in der Inszenierung von Luise Kautz am Ende in ihrer Bedeutungsfülle zu verlieren drohen, so wird diese Kammerfassung im experimentellen Rahmen der Jungen Oper am Nationaltheater Mannheim von einem unglaublich großen künstlerisch-kreativen Potential getragen. Im phantastischen Weltentwurf , der in das anbrechende Jahrhundert der Moderne führen wird,  entstehen durch die von nostalgischen an eine andere Zeit erinnernden Kostüme Hannah Barbara Bachmanns und den stimmungsvollen Filmprojektionen Simon Janssens Bilder – wie eine von Licht durchdrungene Waschschüssel, die an das lumineszierende Milchglas in Alfreds Hitchcock Film Suspicion erinnern – die der Gegenwart näher scheinen als geahnt. Die französische Oper rückt innerhalb dieser märchenhaften Traumsphäre als zeitlose Kunstform wieder in unsere Zeit, ihre Tragödie geschieht im wörtlichen wie im übertragenen Sinne unvermittelt vor uns und ihre erschreckende Wahrheit steht ungeschrieben über deren Protagonisten: Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leiden sie noch heute.

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