Viereinhalb Jahre dauerte es, bis François-Xavier Roth ein Konzert mit seinem Originalklang-Orchester Les Siècles in Köln geben konnte, nachdem er im September 2015 den Posten des städtischen Generalmusikdirektors angetreten hatte. Auf dem jahrhunderteübergreifenden Programm französischen Tanzes stand damals natürlich auch Claude Debussy, auf den das Ensemble durch seine Gründungs-DNA ein interpretatorisches Hauptaugenmerk legt. Da in seiner Funktion als Gürzenich-Kapellmeister zudem mit der Leitung hiesiger Opernaufführungen betraut, brachte Roth jetzt für ein neuerliches Erscheinen mit seiner Gruppe Debussys Drame lyrique Pelléas et Mélisande mit auf die philharmonische Bühne. Das von ihm geliebte Werk war ausgerechnet sein Debüt als Dirigent im Orchestergraben in Caen 2002, wo er sie dieses Jahr, genauso wie in Lille und gerade ganz frisch in Paris – so dass die Kölner Aufführung im faden Licht librettierter Allemonde-Szenerie nicht konzertant, sondern halbszenisch ohne jegliches Dekor und Kostüme geriet – selbst erstmals mit dem eigenen Ensemble einstudieren konnte.

François-Xavier Roth
© Marco Borggreve

Und damit einfach gänzlich Unfassbares, ja den allseitig fiktionalen Nebel Maurice Maeterlincks geheimnisumwobener Tragödie um Mélisande, Gemahl Golaud und Halbbruder Pelléas, die Debussy in einer einmalig neuen, unaufhörlich sprechenden und orchestral fortlaufend effektiösen Art vertont hat. Fast so unheimlich wie die Geschichte mutete dabei vor dem zu beschreibenden Tonschauspiel das tatsächliche Schicksal der in Paris und Köln vorgesehenen Mélisande, Patricia Petibon, an, die kurz vor der Premiere ihre Stimme als immunologische Reaktion auf eine ernste Allergieerkrankung verloren hatte. Bleibt ihr an dieser Stelle gute, baldige Genesung zu wünschen! Ersetzt wurde sie für die Version in Köln von Siobhan Stagg.

Unglaublich schimmernd und – wie Debussys späterer Stil – voller architektonischer, unwulstiger Klarheit entsprach das aus benannten Umständen zwangsläufig exakte Dirigat Roths, das nur in den lautstärkedramatischen Höhepunkten des Dramas noch im tiefergesetzten Hort von Paris verhaftet gewesen schien, als das Orchester diese bei den Sängern leider zu sehr überdeckte. Ein typisches Problem bei dieser Art operaler „Konzertanz“, das mich aber hier nicht weiter davon abhalten soll, den durchgängigen instrumentalen Zauber von Les Siècles zu rühmen, der mit den Geräten der Epoche – seien es die weichen darmbesaiteten Streicher oder die leicht, wenn nicht trichtergestopften, rauer timbrierten älteren Ventilhörner – und ohne übertriebenes Vibrato einen Reichtum an direkten Eindrücken generierte. Dabei erwies sich das Ensemble unter Roths Vorstellungen – sicher zur Freude Debussys – als eine Schar versierter Maler oder Regisseure, die die spätromantischen Bilder von Landschaft und Personage in die hüllenden Graublau-Farben von viel düsterem Dunkel bis zu den winzigen Lichtblicken nahe eines Weißtons tauchten.

So spiegelte sich in dieser Palette – wunderbar unheilvoll in den herausgearbeiteten Kontrasten – besonders mit den Saiten der Bässe, dem restlichen Streichermeer, dem Blech und ebenso leitmotivlichen wie todesstündlichen Perkussionsschlag, den Harfen und dem trügerischen Holz das lautmalerische Setting von vor sich hin modernder Kargheit eines verfluchten Märchenreichs genauso scharf pigmentiert und technisch kunstvoll retuschiert wie der ständige Gefühlsreigen aus Zweifeln, Angst, schicksalshafter Vorsehung, beladener Würde, Einsamkeit, Zorn, Verletzlichkeit und dem so vergänglichen Zustand des großen Sehnsuchtsspiels von Vertrauen und Liebe. Sie waren zusammengehalten von feinsinnigen Zwischenspielen, die derart im theatralischen Gestalten oder Nachzeichnen fesselten, dass die verdienten Bravorufe für diese seltene Originalklang-Möglichkeit erst nach einem ergriffenen Verharren in fahler wie grell um Mitleid und glücklichere Perspektive der an uns herangetretenen Seelen bittender Stille aufbrandeten.

Selbstverständlich hatte zu der (in diktionsstarkem, im Sprachlaut aufgehendem Französisch) verständlichen Überwältigung auch der fantastische Cast der Rollen geführt. Um im Schlussbild zu bleiben, nahm man beim rührenden Verzeihen und klaglosen Hinnehmen des bewahrheiteten Todes von Staggs nicht ausladend, sondern im weichen Umfangslager zierlich mit festem Willen mustergültig charakterabgebenden Mélisande leibhaftigen Anteil an ihrer Fassung und Traurigkeit. Allerdings untrennbar ebenfalls am verkörperten Paradox und damit unnahbaren Rätsel der rapunzeligen Verlockung, trotz des angedeuteten Leides, der Scheu und der handlichen Zeitsprünge ziemlich schnell Golaud zu heiraten und mit ihm ein Kind zu zeugen, obwohl sie sich bei ihm unglücklich fühlt. Stanislas de Barbeyrac demonstrierte mit durchdringend heldenhaftem Ritterlichkeitstenor, wie sich ein Pelléas zu geben und zu präsentieren hat, um in gleichzeitig charmanter, einfühlsamer und sittsamer Übervorsorglichkeit sein Alleinsein zu überspielen und Mélisande sofort zu gewinnen, der erkannten Bedrohung zum Halbbruder damit letztlich jedoch nicht entfliehen zu können.

Großvater Arkel war mit dem höchstsonoren und -warmen Bass Jean Teitgens spielerisch der von königlicher Weisheit, aber auch durch Verwunschenheit und Alter in beinahe regungsloser Bürde getragene Pol, der in steter Ausgeglichenheit versuchte, wie seine Tochter Geneviève mit Lucile Richardots natürliche Autorität ausstrahlendem Alt, sich der Belastungen zumindest mittels Fürsorglichkeit im Rahmen der Familie zu entledigen. Jener auch schon in die Jahre gekommene Prinz Golaud hatte in Simon Keenlyside einen dagegen streng herbergsvaterlichen Eifersüchtling und Mörder, der seinen potenten Bariton mit wirkungsentfaltender Macht und Überredungskunst beherrschen konnte; im Gegensatz eben zu seinen durch Verlust hervorgebrachten Launen, die Mélisande nur bei ihm lügen ließ und in denen er im Affekt die Familie bis aufs Äußerste verletzte. Gefährlich gut, wie dieser Debussy!

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