„Spiele fleißig Fugen guter Meister, vor allem von Johann Sebastian Bach. Das Wohltemperierte Klavier sei dein täglich Brot. Dann wirst du gewiss ein tüchtiger Musiker“, sagte einst Robert Schumann. Und wie, um dem großen Romantiker recht zu geben, stellt der polnische Pianist Piotr Anderszewski bei seinem jüngsten Rezital im Großen Saal der Hamburger Laeiszhalle drei Präludien und Fugen aus dem Wohltemperierten Klavier an den Anfang eines äußerst unterhaltsamen und musikalisch von höchster Qualität geprägten Klavierabend.

Piotr Anderszewski © MG de Saint Venant
Piotr Anderszewski
© MG de Saint Venant

In den beiden lichten Werkpaaren in Es-Dur BWV 876 und As-Dur 886 wählte Anderszewski frische, jedoch nicht überzogene Tempi und schwelgte in den perlenden Läufen. Die Präludien gestaltete er dabei frei, fast improvisatorisch und setzte in den jeweils folgenden Fugen auf klare Struktur und große Durchsichtigkeit. Dem Fugenthema zu folgen, war somit ein Leichtes. Ein geschickt gesetzter Bruch ergab sich aus der Wahl des dritten Werkpaares in einer Molltonart (as-Moll BWV 887). Die Differenz zwischen dem motorisch, treibenden Präludium und der nachdenklich, nach innen gekehrten und langsam gespielten Fuge hätte kaum größer sein können und brachte ein angenehmes Moment der Kontemplation vor dem zweiten Werkkomplex.

Der eingangs zitierte Robert Schumann bildete gewissermaßen den Kern von Anderszewskis Rezital – kein Wunder, spielt Schumann doch auf den CDs und in den Konzerten des Polen häufig eine nicht zu übersehende Rolle. So also auch in Hamburg. Die Klavierstücke in Fughettenform verhehlen nicht, wie groß Schumanns Bewunderung und Begeisterung für die Musik Bachs war. Als romantische Abbilde von dessen wegweisenden Fugen in Großformat hat Schumann seine Fughetten ehe er als Miniaturen angelegt, die jedoch an Kunstfertigkeit und Beherrschung des Kontrapunkts den Vergleich mit Bach bei Weitem nicht zu scheuen brauchen. Anderszewski griff für die sieben Stücke tief in die technische Interpretationskiste, lotete die Dynamik von ganz zart bis zum kraftvollen Forte immer wieder aufs Neue aus und schien in den so klar der Fugenstruktur folgenden Stücken regelrecht Geschichten erzählen zu wollen.

In der zweite Hälfte ging es zunächst mit Schumann weiter: Die idyllisch-ruhigen Gesänge der Frühe standen nun auf dem Programm und boten eine Pause von der allgegenwärtigen Form der Fuge. Mit ihren hymnischen und melancholischen Gestus bereiteten diese fünf Klavierstücke Schumanns einiges Kopfzerbrechen. Heute hingegen ist dieses Op.133 (übrigens eines der letzten Werke Schumanns) freilich ganz im Werkkanon angekommen. So komplex diese fünf kleinen Stücke auch inhaltlich sein mögen, Anderszewski setzte in seiner Interpretation auf das Herauskehren der gesanglichen Qualitäten und die Innerlichkeit. Schumann verzichtet in seiner Komposition auf große Effekte und genau so schlicht und ohne Affekt interpretierte Anderszewski diese Miniaturen.

Zum Abschluss stand dann ein wahrer Prüfstein für Pianisten auf dem Programm, der – wie könnte es anders sein? – den Bogen zurück zur Fuge schlug. Beethovens vorletzte Klaviersonate ist schon lange ein fixer Bestandteil von Anderszewskis Repertoire. Und das merkte man vom ersten Ton an, so nonchalant, so unbeeindruckt wagte sich der Pole an dieses monumentale Werk heran. In zügigem Tempo gestaltete er den so spielerisch anmutenden Kopfsatz, dessen zahlreiche arpeggienhafte Läufe dem Pianisten reichlich Gelegenheit bieten, seine technische Versiertheit unter Beweis zu stellen. Der äußerst knappe zweite Satz gereichte Anderszewski zu einem zupackenden Schaustück und als klarer Kontrast zum malerischen ersten Satz. Erst die als fantasiehafte Arie gestaltete Einleitung zur grenzensprengenden Fuge im dritten Satz erklang in einem äußerst langsamen, ergreifenden Klagegesang. Beeindruckend, wie viel Gefühl Anderszewski in jeden einzelnen Ton zu legen vermochte. Die sich später langsam entwickelnde und dann umso gewaltiger endende Fuge gestaltete Anderszewski als jubelnde Hommage an das Bachsche Vorbild. Dem großen Bach-Verehrer Beethoven hätte dies sicherlich gefallen.

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