Es mag zweifellos merkwürdig erscheinen, in den letzten Sommerzügen ein Programm zu zeigen, das auf die Fastenzeit rekurriert. Doch weiß – so schmerzlich das Erleben nun einmal ist – ausgerechnet die verrückte Corona-Erfahrung der letzten Monate eine tragische Verbindung zu bauen, die an die Periode des Verzichts, der Einkehr und Hinwendung zu Ostern mit der Leidensgeschichte Jesu auf besonders eindrückliche Weise in Erinnerung verhaftet sein wird. Für die Realisierung des Konzerts des Freiburger BarockConsorts im Rahmen des FEL!X-Festivals der Kölner Philharmonie musste man schließlich ebenfalls lange eifrig beten, um überhaupt die gesangliche Lamentations- und Instrumentalmusik der Neapolitanischen Schule präsentiert zu bekommen, die Selteneres mit Pergolesis Stabat mater-Schlager kombinierte.

Freiburger BarockConsort © Valentin Behringer
Freiburger BarockConsort
© Valentin Behringer

Den Startschuss zu diesem besetzungstaktischen Duett-Recital italienischer Originalität gab klassischerweise eine Nummer für das Orchester: Nicolò Fiorenzas Streicher-Concerto in D mit konzertierendem Cello. Obwohl die Akustik der barocken Kirche St. Mariä Himmelfahrt den Klang verschwimmen lassen sollte, erzeugte das doch hör- und spürbar kontrastierend fein-fröhliche Komplementär große Glücksgefühle, waren die weichen, aber mit Zug intonierten Töne des Consorts unter Leitung Petra Müllejans' schließlich meine ersten Live-Emssionen seit dem Lockdown. Vor allem war es aber die Freude, seine Fähigkeiten und Leidenschaften endlich wieder mit dem Publikum zu teilen, die das Ensemble in die Stilistik, Melodien und Dynamik legte, um das Herz hüpfen zu lassen. Zum Schwelgen schön muteten dabei die menuettohaften, rhythmischen Treiber Müllejans' und Christa Kittels Violinen an, genauso wie die ausgestrahlte Sanftheit mit der besonderen Viola Pomposa. Stefan Mühleisens Solo-Einsätze tänzelten in den Figuren und Arpeggien der Allegri, während sein Cello melancholisch und hoffend im zweiten Largo anrührend sinnierte.

Mit dieser warmen wie sentimental anfassenden Atmosphäre gestalteten Mezzo Marianne Beate Kielland, die sich für das Konzert zum Sopran aufschwang, und Countertenor Christophe Dumaux auch die zwei Auszüge aus Nicola Antonio Porporas Sei duetti latini (per la Passione di Gesù Cristo). Besonders Kielland verzauberte mit einer Klarheit, Präsenz und inneren Anteilnahme, die ihre Grundlage in einem geeichten Kompass aus Phrasierung, Akzentuierung und wohlig geborgenem Timbre hatte. Er führte zu einer faszinierend-farbreichen Geschmeidigkeit und Öffnung, die die erste gesungene Klage Crimen adae quantum constat optimal ausleuchtete. In ihrer verzierenden Wiederholung lief sie mit ihrem Alt-Partner bereits zur Höchstform auf, der mit seinem mühelosen Atem der langen Linien sein leicht beschlageneres Kopfstimmen-Timbre zur veritablen Verschmelzung brachte. In absetzender Betonung legten beide Solisten im Lamento Rigate lacrimis (facies populi) eine ausdrucksvolle Symbiotik bei den aufwühlenden wie herzlichen Seufzern und liebevollen Trostschimmern an den Tag, die eigene innere Tränen für das Stabat mater vorweg zu entlocken vermochten.

Ein Durante-Concerto sorgte zwischendurch für einen stimmungsvollen Kontrast, indem das Freiburger BarockConsort mit vorzüglicher Dynamik und einem neckischen An- und Abgeben zwischen Violinen sowie Viola und Basso ein typisch neapolitanisches Stück teils vorklassischer Eleganz, wiegenden Duktus und Folklore aussandte. Mit selbigem bestechenden Einfühlungsvermögen für die Balance gestaltete es die bekannten Töne Giovanni Battista Pergolesis Sakralwerks, das so bei allem Auskosten und der hier eher zuträglichen Akustik kein undefinierbares Tränenmeer wurde, sondern ein geführter Fluss, ein Quell' der Liebe (fons amoris) eben, zum Stausee herrlich barocker Harmonik und Affektionalität. Kielland trumpfte dabei in noch anwärmenderem Charakter mit vibratolos angesetzen Leidenslängen ebenso auf, wie sie theatralisch, schlagkräftig und flammend dem aufrüttelnden Winden vor der Ermattung stupend effektvollen Nachdruck verlieh. Dumaux verbreitete gleichsam fesselnde Einsicht, zeigte sich trotz Timbres trennscharf quirlig und versah die am Kreuz aufgenommenen Wunden mit nachweinendem Balsam. Heißeres Herz, mütterlicher Engelsgesang und leidenschaftliche Duette begleiteten die Seele letztlich in Ewig- und Dankbarkeit. Die vermisste Musik war fast nie bedeutender und schöner als in diesem Moment!

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