Man möchte am liebsten zum Joystick greifen und die seltsamen vogelähnlichen Gebilde abschießen, die ständig über den Bühnenprospekt schwirren. So macht man das ja in Computerspielen, und in deren Frühzeit bestanden sie oft aus nicht viel mehr als der Jagd auf bewegte Objekte, das Ganze in einer grob verpixelten Bildästhetik. Und genau die hat Saskia Wunsch für Regisseur Axel Ranisch als Bühnenbild für eine Oper gestaltet, die wunderlicher kaum mehr sein könnte. Vordergründig gesehen ist es ein Märchenspiel um einen Prinzen, dem das Lachen abhanden gekommen ist. So liegt er denn apathisch herum, unfähig, sich zu irgendetwas aufzuraffen, und auch die Späße, mit denen Truffaldino ihn aufzumuntern versucht, nützen nichts. Erst als die als alte Frau verkleidete Hexe Fata Morgana auf den Rücken fällt und nicht wieder hochkommt wie ein Maikäfer, steigt unbändiges Gelächter im Prinzen empor – Schadensfreude als Lebensprinzip.

Carole Wilson (Fata Morgana) und Michael Ebbecke (Der Zauberer Celio) © Matthias Baus
Carole Wilson (Fata Morgana) und Michael Ebbecke (Der Zauberer Celio)
© Matthias Baus

Zu einem Märchen gehören gute Menschen und böse Menschen – und nicht selten werden sie von Zauberkräften unterstützt. Auch das findet sich in Prokofjews Stück, das in neuer Übersetzung für die Oper Stuttgart einen bestimmten Artikel verloren hat und Liebe zu drei Orangen heißt. Und schließlich gibt es noch eine dritte Ebene, denn in einem Prolog streitet sich das Publikum – dargestellt vom Chor – darum, ob Tragödien oder Komödien auf die Bühne gehören, Liebesgeschichten oder Unterhaltungsstücke. Die Sonderlinge schließlich setzen das Märchen um den Prinzen durch, der sich durch den Bann einer Zauberin hin in drei Orangen verlieben muss. Und die „Vertreter des Publikums“ greifen denn  auch immer wieder in das Geschehen ein.

Elmar Gilbertsson (Prinz) und Daniel Kluge (Truffaldino) © <i>Matthias Baus</i>
Elmar Gilbertsson (Prinz) und Daniel Kluge (Truffaldino)
© Matthias Baus

Insofern ist das Ganze eine Oper der Einmischungen, und so hätte Regisseur Ranisch keinen besseren Einfall haben können, als dem Stück die Ästhetik eines Computerspiels zu geben, denn auch hier greift ja der Spieler an der Konsole ständig in ein Geschehen ein, das vor seinen Augen abläuft. So ist der Weltenbeherrscher Farfarello bei Ranisch ein Junge am Computer. Ranisch inszeniert die wirre Handlung dieser Oper mit erstaunlicher logischer Konsequenz, und darin liegt ihr großer Reiz. Wenn die beiden Magier am Kartentisch um die Vormacht kämpfen, dann bringen sie hier mit großen Gesten ein virtuelles Kartenspiel in Bewegung. Ein Cursor weist immer wieder auf einen Button, um anzuzeigen, was als Nächstes geschehen wird. Raum und Zeit kennen hier keine Grenzen. Wenn bei Prokofjew der Teufel Farfarello den Prinzen und seinen Begleiter in die Wüste pustet, so bläht hier der Junge am Monitor kräftig die Wangen und bläst, und die Figuren auf der Bühne wirbeln durcheinander.

Entsprechend märchenhaft sind die Kostüme. Bösewicht Leander wirkt wie ein  Marsmensch, Truffaldino ist vom Habit her typischerweise eine Commedia dell’arte-Figur und der Magier hager und groß in schwarzem Mantel, wie es sich für einen Zauberer gehört. Die Sänger agieren in diesen Rollen und diesem Bühnenambiente mit sichtbarer Spielfreude.

<i>Die Liebe zu drei Orangen</i> © Matthias Baus
Die Liebe zu drei Orangen
© Matthias Baus

Einziger Einwand gegen diese fantastische Realisierung einer an Fantastik nichts zu wünschen lassenden Oper wäre die Tatsache, dass Ranisch die verschiedenen Spielebenen stärker hätte differenzieren können. So aber spielt mit Ausnahme des Jungen am Monitor alles in derselben virtuellen Welt. Dafür gelingt es aber Ranisch, vor den Gefahren dieser Computermanie zu warnen. Der Junge am Computer wird selbst in das Geschehen einbezogen, und am Ende finden die Bösewichter der Oper eine neue Heimat – im Kinderzimmer vor dem Computer, also in der „realen“ Welt.

Wie auf der Bühne eine Aberwitzigkeit die andere jagt, so realisiert Alejo Pérez am Pult des Staatsorchesters Prokofjews musikalische Ästhetik, in der jede Wendung im Bühnengeschehen einem Einfall im Orchester entspricht. Die Musik gestaltet fast von Sekunde zu Sekunde neue Ausdrucksformen und -inhalte, zitiert munter aus der Musikgeschichte bis hin zum Walkürenritt, und Ranisch greift das szenisch mit Zitaten aus Fantasyfilmen wie den Star Wars auf. Alles ist hier möglich!

Elmar Gilbertsson (Prinz) und Esther Dierkes (Ninetta) © Matthias Baus
Elmar Gilbertsson (Prinz) und Esther Dierkes (Ninetta)
© Matthias Baus

Stimmlich brillant Michael Ebbecke als Magier – ein wenig elegisch, wenn Fata Morgana ihm einen Schritt  voraus ist, herrisch, wenn er Farfarello zur Rede stellt. Daniel Kluge singt mit lockerem Spieltenor den Truffaldino, Esther Dierkes gelingt das Jungmädchenhafte der in eine Orange verwandelten Prinzessin. „Held“ des Abends, nicht nur von der Handlung her: Elmar Gilbertsson, der den Prinzen mit lyrischem Tenor charakterisiert, aber auch zu metallischen Spitzen fähig ist, eine geschmeidige, klangschöne Stimmerscheinung. Allein wie er, der das Lachen verlernt hat, dann doch aus Schadenfreude zum Gelächter findet und musikalisch perfekt in jeder Note das glucksende, nicht aufhören wollende Lachen stimmlich realisiert, ist ein Kabinettstück.  

So entstand ein Abend für Junge und Alte, sofern sich Letztere jung gehalten haben. Ansonsten könnten sie es beim Besuch dieser Inszenierung wieder werden.

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