In Sachen Barockoper gibt es in den Häusern des deutschen Sprachraums an den Komponisten aus Frankreich einiges gut zu machen. Händels Opern im italienischen Stil beherrschen hierzulande die Bühnen, Franzosen sind hingegen schwach vertreten. In ihren Opern fehlen die Bravourarien, sie gelten als steif, rein repräsentativ und durch die vielen Balletteinlagen als undramatisch. Nur Jean-Philippe Rameau findet sich ab und zu auf den Spielplänen. Die Oper Zürich hat nun seinen Erstling Hippolyte et Aricie auf die Bühne gestellt und mit dieser Inszenierung alle Vorurteile über die französische Barockoper vehement Lügen gestraft.

Cyrille Dubois (Hippolyte) und Mélissa Petit (Aricie) © T+T Fotografie | Toni Suter
Cyrille Dubois (Hippolyte) und Mélissa Petit (Aricie)
© T+T Fotografie | Toni Suter

Das Erfolgsrezept: größte Expertise in der französischen Barockmusik, eine die Handlung tiefgründig ausleuchtende Regie, ein elegant klassizistisches Drehbühnenbild, das Raum für die intimen wie die spektakulären Szenen schafft, Spitzenmusikerinnen und -musiker der historischen Aufführungspraxis und nicht zuletzt ein durchweg großartiges Gesangsensemble. Herausgekommen ist eine Aufführung, die in höchsten Maße spannend und nicht minder geistig anregend ist.

Denn die holländische Regisseurin Jetske Mijnssen schafft in dieser für die Bühnenwirkung äußerst effektvollen Mischung aus allen drei von Rameau selbst erarbeiteten Fassungen eine faszinierende Synthese, welche einerseits den mythologischen Stoff der Geschichte ernst nimmt, zugleich aber darin auch den Kern hochdramatischer persönlicher Konflikte moderner Menschen erkennbar macht.

Stéphanie d'Oustrac (Phèdre) und Cyrille Dubois (Hippolyte) © T+T Fotografie | Toni Suter
Stéphanie d'Oustrac (Phèdre) und Cyrille Dubois (Hippolyte)
© T+T Fotografie | Toni Suter

Die auf antiken Stoffen basierende Handlung erzählt die Geschichte zweier Königskinder, die nicht zueinander kommen dürfen. Aricie, zur Priesterin bestimmt, darf ihre Liebe zu Hippolyte nicht leben. Der wiederum wird von Phèdre, seiner eigenen Stiefmutter, so heftig begehrt, dass er sich körperlich gegen sie zur Wehr setzen muss. Just in diesem Moment platzt sein Vater, der Kriegsheld Thésée herein. Von allen tot geglaubt hat er sich aber dem Hades wieder entwunden, wohin er vorgedrungen war, um dem Totenreich einen Freund zu entreißen. Entrüstet über den vermeintlichen Fehltritt des Sohnes fordert er vom Gott Neptun dessen Tod. Zu spät enthüllt Phèdre ihrem Gatten die Wahrheit. Als Dea ex machina rettet Diana Hippolyte aber im letzten Moment, inthronisiert ihn als neuen Herrscher und gibt ihm Aricie zur Seite. Aus Scham über ihr unerhörtes Begehren hat sich Phèdre selbst getötet und Thésée muss entsetzt auf die Trümmer seines Lebens blicken.

Cyrille Dubois (Hippolyte) und Stéphanie d'Oustrac (Phèdre) © T+T Fotografie | Toni Suter
Cyrille Dubois (Hippolyte) und Stéphanie d'Oustrac (Phèdre)
© T+T Fotografie | Toni Suter

In barocken Kostümen erzählt Jetske Mijnssen diese Handlung als Geschichte einer zerstörten Familie. Ihre Figuren sind nicht leblose Gestalten antiker Mythen, sondern in ihren Leidenschaften, Hoffnungen und Ängsten lebendige Menschen. Durch die subtile Personenregie gewinnen sie die Größe antiker Tragik. Allen voran spielte Stéphanie d'Oustrac als Phèdre packend zwischen hemmungslosem Verlangen und heftigen Schuldgefühlen – eine Figur regelrecht getrieben von unbeherrschbaren Gefühlen. Die Sängerin lotete die Möglichkeiten vokalen Ausdrucks dabei bis ins Extreme aus. Von heftigen Akkordschlägen der tiefen Streicher begleitet, schleuderte sie in einer expressiven Arie ihre Wut gegen die junge Rivalin heraus. Und ihr großes Schuldbekenntnis am Schluss kam einem inneren Zusammenbruch gleich.

<i>Hippolyte et Aricie</i> © T+T Fotografie | Toni Suter
Hippolyte et Aricie
© T+T Fotografie | Toni Suter

Der zweite Akt zeigt den Abstieg Thésées in der Unterwelt. Zu infernalischen Klängen der tiefen Streicher und vier Fagotte zeigt die Regie diese Szenerie wie einen düsteren Alptraum, in dem grausige Krähenfiguren mit scharfen Krallen nach ihm greifen. Es ist auch die Hölle in seinem Inneren, in der er hier gefangen ist. Edwin Crossley-Mercer sang diese Partie mit verzweifelt kämpferischem Unterton. Und nachdem der Unterweltgott Pluto doch noch ein Einsehen hat und den Eindringling wieder entlässt, prophezeien ihm die Parzen mit schneidenden Stimmen und in gewagten Dissonanzen eine noch schlimmere Hölle in seinem Hause.

Hamida Kristoffersen (Diane) und Stéphanie d'Oustrac (Phèdre) © T+T Fotografie | Toni Suter
Hamida Kristoffersen (Diane) und Stéphanie d'Oustrac (Phèdre)
© T+T Fotografie | Toni Suter

Emmanuelle Haïm fachte Rameaus Musik an solchen Stellen zu größter Dramatik an. Und wo der Komponist Anlass zur Sturm- und Gewittermusik gibt, ließ die Dirigentin mit aller Klangentfaltung von Pauken und Schlagwerk den Raum erzittern. Imperialer Glanz erstrahlte in den bestens disponierten Blechbläsern, wenn die Göttin Diana die Szene betritt. Besonders aber auch in den Divertissements und Balletten ließ Haïm den Reichtum der Klangfarbenwelt in Rameaus Musik sich entfalten.

Edwin Crossley-Mercer (Thésée) © T+T Fotografie | Toni Suter
Edwin Crossley-Mercer (Thésée)
© T+T Fotografie | Toni Suter

Geschickt integriert die Regie diese Szenen in die Handlung, als symbolische Erweiterung oder als kritischen Kommentar, wie den Chor der Matrosinnen und Matrosen im dritten Akt, der als Theater auf dem Theater gezeigt wird. Gedacht als leichte Unterhaltung für die versammelte Gesellschaft steht diese Szene in krassem Gegensatz zur eigentlichen Situation, in der Thésée gerade von den erotischen Wirrnissen in seinem Hause erfahren hat. Es gelingt ihm aber nicht, sich von der Wirklichkeit abzulenken und barsch unterbricht er das idyllische Spiel auf der Bühne. Auch als ironischen Kommentar zur Funktion der Oper im Ancien Regime Frankreichs lässt sich dieser Regiekniff deuten, entsprechend der Rolle Rameaus als kritischem Geist dieser Zeit.

Überhaupt durchziehen aufklärerische Gedanken die Regiekonzeption. Hippolyte formuliert es direkt: Reine Liebe begehrt er, nicht Glanz und Ruhm. Damit stellt er sich gegen Selbstsucht und kalte Macht der Elterngeneration, die den Jungen die Zukunft verbaut. Entsprechend lyrisch und sinnlich sind die Stimmen des jungen Paares, des wundervollen Tenors Cyrille Dubois (Hippolyte) und der zarten, sehnsuchtsvollen Mélissa Petit als Aricie. Doch ungetrübt ist ihr Glück am Ende nicht. In starrer Herrscherpose bleibt das Paar am Schluss einsam auf der Bühne zurück.

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