Laut einem Bericht eines Augenzeugen der unter König Ludwig XV. vorgenommenen Einweihung der Opéra Royal in Versailles am 16. Mai 1770 „gab es sehr schöne Momente voller Lärm und Licht. Die Wasserfälle, die Sonnen, die Feuerpyramiden... Wir haben bis zum Morgen getanzt. Der Erfolg war total.“ Der bedeutende Kunsthistoriker Pierre Verlet wiederum schreibt im 20. Jahrhundert zu diesem für die Königsfamilie berüchtigten Schlossfest: „Niemals war die französische Monarchie, die etwa zwanzig Jahre von ihrem Fall getrennt war, von solch großem und raffiniertem Luxus umgeben. Die Kosten dieser Feierlichkeiten... halten nicht einmal davon ab, die kaum weniger üppigen Feierlichkeiten der Hochzeit des Grafen von Provence (1771) und des Grafen d 'Artois (1773) zu veranstalten.“

Zwar musste im Vergleich zu vorherigen solcher Partys, auf denen mal 150 Musiker für Unterhaltung sorgten, bereits gespart werden, doch trommelte der Hof immer noch 70 Instrumentalisten dafür zusammen. So auch beim erwähnten Fest für Ludwigs Enkel, den Grafen von Artois. Der festgehaltene Ablauf dieser rauschenden Nacht mit Dinner und „Französischem Konzert“ (Symphonie du Festin Royal de Monseigneur le Comte d'Artois), programmiert vom bereits pensionierten königlichen Musikzeremonienmeister François Francœur, war in einer Partitur wiederentdeckt worden. Dies veranlasste Alexis Kossenko mit seinen Les Ambassadeurs – La Grande Écurie dazu, es – entgegen früherer Kollegen – in tatsächlicher Anzahl (wenngleich mit gekürztem Programm) auf der Bühne zu rekonstruieren. Seine Neuaufführung erlebte die Musikparade mit Werken mit natürlich liebesdramatisch-romantischem Hintergrund von Francœur selbst, Berton, Dauvergne, de Mondonville, Rameau und Royer beim Festival Oude Muziek Utrecht unter dem diesjährigen Motto „Galanterie“.

Gegliedert waren die damaligen Musiques du banquet in vier Suiten und mit jener Zusammenstellung in F-Dur begannen die stehenden Musiker das Spektakel von damals zu einem eben solchen von heute zu machen. Beispielhaft gelang dies mit Bertons Air vif, in der Kossenko spätestens ganz in seinem Element war, das Riesenorchester mit seinen charakteristisch pantomimen-körperlichen Vorgaben zu führen. So gewohnt und eingespielt die gemeinsame Sprache aus mitziehender Phrasierung und Atem dabei die Erwartung traf, so gleichfalls überraschend erschien die klanglich balancierte, homogene, griffige, nicht überladene Einheit als derart großes Barockensemble. Besonderes Amusement sollten die Chaconnes bescheren, die quasi eine Symphonie innerhalb der Symphonie darstellen. Erstere war die Francœurs, deren schweifender, sammelnder, feierlich-belebender Entwurf der Weitläufigkeit des Schlossparks glich und die Les Ambassadeurs – La Grande Écurie mit der Connaissance der Grandseigneur-Handschrift zu lesen wussten.

Allein für die Aufführung Francœurs lohnte sich dieses wiederentdeckte Auffahren, was auch die aufregende Scanderberg-Ouvertüre des Komponisten unterstrich, die die g-Moll-Suite als Bewunderungs-Schlagabtausch und Inspiration zwischen diesem und Rameau eröffnete. Sorgten deren Gavottes gracieuses für elegant-lüftende Untermalung im Sinne hochzeitlichen Charmes, zündeten Francœurs robuste Air marqué und wilder, ansteckender Contredanse mit Militärtrommel, Oboen, Fagotten und Piccoli sowie Dauvergnes Air très vif Tischfeuerwerke. Je später im Ablauf, desto glanzvoll-voluminöser zudem die vier Jagdhörner, die das Grafenpaar mit Marsch und Bertons elementaren Chaconne in der dritten Suite in E-Dur segneten, in der das erstmalige Tutti mit Pauken, Trompete und Traversflöten richtig zur Geltung gelangte.

In Vierter Suite in D-Dur strotzten die Hörner letztlich vor jägerlich-körniger und weihevoller Macht, erlegten bildlich den Hirsch für das Festmenü und ließen die Gesellschaft kurz bei de Mondonvilles Musette erholen, ehe Royers changierende Chaconne und Rameaus Rausschmeißer-Tambourin den feierlichen Ausklang einläuteten. Ging die Einweihung der Versailler Oper, wie einleitend erwähnt, gesittet über die Bühne, soll jene Nacht 1773 ein mitunter chaotisches Ende gefunden haben. Doch zeugten durchbrochene Absperrungen und Beschwerden von platzzahlenden Besuchern, die ihre Sitze wegen Überfüllung nicht einnehmen konnten, vom unverminderten Reiz der Pracht. Eine, die Les Ambassadeurs und Kossenko beeindruckend einfingen.

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