Ravel stand ursprünglich nicht auf dem Programm. Aber wegen Corona-bedingter Reisebeschränkungen durfte Pierre-Laurent Aimard nicht aus Paris anreisen und Kirill Gerstein konnte mit dem Klavierkonzert in G einspringen, da er sich gerade für Konzerte mit dem Royal Concertgebouw Orchestra in Amsterdam aufhielt. Das Konzert erklang jedoch erst am Ende des Programms, da der Bühnenlift nicht funktionierte und so kam es – vielleicht nur dank all dieser Zufälle – zu einem magischen Konzertmoment mit dem Radio Filharmonisch Orkest.

Kirill Gerstein © Marco Borggreve
Kirill Gerstein
© Marco Borggreve

Im Walzer zu Beginn des Adagio assai versetzte Gerstein sein vom ungewissen Warten ermüdetes Publikum in eine Trance und entführte es in höhere Musikgenussgefilde. Mit gefühlvoller Einfachheit entspann er einen Melodiereigen voller Melancholie und Weltschmerz. Ravel sagte selbst über die eröffnende Melodie: „Dieser fließende Ausdruck! Wie ich ihn Takt für Takt überarbeitet habe! Er brachte mich beinahe ins Grab!” Der Anschlag von Gersteins linker Hand war glasklar und verträumt zugleich. Sie war sowohl bescheidene Begleitung als auch treibende Kraft und damit Sinnbild für Gersteins beeindruckend ausdrucksvolles Klavierspiel. Seine Läufe perlten mühelos und seine gestalterische Klangerzeugung war so überraschend wie unaufdringlich. Gleichzeitig war er sehr aufmerksam und hielt ständig Blickkontakt nicht nur zu der Chefdirigentin des RFO, Karina Canellakis, sondern auch zu Konzertmeister Joris van Rijn und anderen Orchestermitgliedern. Ravels Klavierkonzert war der Höhepunkt eines pausenlosen Konzertmittags, der direkt anschließend noch einmal wiederholt wurde, um trotz des vorgeschriebenen Sicherheitsabstands mehr Publikum von solch spannender Musik genießen zu lassen.

Das Konzert begann mit der Uraufführung von One Hundred Years, stimmungsvoller Klangfarbenmusik für Orchester, Stimmen und Elektronik des auf Zypern geborenen Yannis Kyriakides. Kyriakides gebraucht Algorithmen in seinem Kompositionsprozess. Für One Hundred Years codierte er die 75 Sonnenfinsternisse zwischen 1945 und 2045 analog zu den 75 Jahren, die Gaudeamus, einer der Auftraggeber dieser Komposition, in diesem Jahr besteht. Vier Sänger des Niederländischen Musiktheaterkollektivs Silbersee sangen die dazugehörigen Daten in immer neuen harmonischen Wendungen. Aus kaum sichtbaren Lautsprechern erklangen bedrohliche Bassklangwellen. Das Orchester färbte mit wechselnden dissonanten Streicher- und Bläserakkorden den dazwischenliegenden Klangraum. Im Konzertsaal war die Balance zwischen diesen drei Klangwelten nicht optimal ausgeglichen, die elektronischen Geräusche waren häufig nur zu erahnen, ebenso die Texte. Erst beim nachträglichen Anhören des Radiomitschnitts kamen die Intentionen des Komponisten vollständig zum Tragen. Das Spiel mit Klangmosaiken, die sich aufplustern und wieder im Nichts verschwinden konnte nicht über die gesamte Aufführungsdauer überzeugen. Das Klangpendel schwang in gleichförmigem Tempo von laut nach leise in immer anderen Instrumentenkonstellationen. Erst am Ende war das von Canellakis fachkundig und feinsinnig geleitete Orchester tutti zu hören. Ich hatte nachträglich das verwirrende Gefühl, ohne Orientierungspunkte von einer Finsternis in die nächste zu geschwebt zu sein.

Agon ist das letzte Ballett, dass Igor Strawinsky in seinem Leben schrieb. Es ist in der Technik der Zwölftonmusik, der er sich in seinem Spätwerk zugewendet hatte für zwölf Tänzer geschrieben und besteht aus vier Sätzen mit jeweils vier Tanzformen. Das groß besetzte Orchester spielt in keinem dieser 16 meist sehr kurzen Abschnitte mit allen Musikern zusammen. So entsteht ein sehr abwechslungsreicher Wettstreit zwischen verschiedenen Instrumentengruppen, Rhythmen und Stimmungen. Die Blechbläser des RFO spielten weich und lieblich, die Streicher drohten fulminant und die Holzbläser klagten eindringlich. Konzertmeister Van Rijn überzeugte ein ums andere Mal mit seinen resoluten, teilweise stehend vorgetragenen Soli. Canellakis hatte deutlich sichtbar Überblick über die technisch anspruchsvolle Partitur. Und doch bin ich der hapernden Technik für die erzwungene Programmänderung dankbar. Ravel mit Gerstein war für mich der Höhepunkt dieses etwas anderen Konzertnachmittags.

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