Im Vorwort zu Sir John Eliot Gardiners legendären Brahms-Aufnahmen mit seinem Orchestre Révolutionnaire et Romantique vor über zehn Jahren hält der Dirigent fest: „Brahms' großformatige Werke sind für mich voller Kraft, Drama und stürmischer Leidenschaft. ‚Fuego y cristal‘ entdeckte Jorge Luis Borges einst in ihnen.“ Die Dritte Symphonie (Gardiners Favorit) hatte er nun mal wieder im Gepäck für seinen Gastauftritt beim Concertgebouworchester in dessen Heimspielstätte, in der Brahms über die Saison ziemlich häufig zu hören ist, zusammen mit ihm verbundenen und von ihm respektierten Schumann. Ihm widmete sich der Brite aktuell ja abermals begeisternd im Zyklus mit dem LSO. Feuer und Kristall also auch in Amsterdam?

Sir John Eliot Gardiner © Sim Canetty-Clarke
Sir John Eliot Gardiner
© Sim Canetty-Clarke

Den Auftakt zum großen Romantikprogramm machte dabei aber Berlioz, Gardiners gigantischer, französischer Liebling der Epoche, der untrennbar mit der aufgefrischten Lebendigkeit der jahrzehntelangen Rezeptionstionsgeschichte des Dirigenten verknüpft ist. Im Jubiläumsjahr 2019 selbst sollte an die Feierlichkeit hier mit der frühen Konzertouvertüre Le Roi Lear gedacht werden, die Komponist und Kritiker Hugo Wolf wie folgt erlebte: „Mit seinen furchtbar dämonischen Augen [...] fascinirt es den Zuhörer, ähnlich wie die Klapperschlange das Kaninchen. Berlioz zieht förmlich magische Kreise um den Zuhörer, die demselben [sie] mit unheimlicher Gewalt im Zaubernetze seiner musikalischen Gebilde, bis zum Verhallen des letzten Tones, festhalten.“ Das vermochte auch die Interpretation im Concertgebouw, egal ob langsamere Einleitung aus dem mehrfach in sich kontrastierenden Wechsel von dramatischen, wuchtigen Schritten der tiefen Streicher und sordinierten Violinen, den Flöten, Oboen und Hörnern, der Erhabenheit der Bläserfanfaren, dem vom voluminösen Blech und Shakespeares Schicksalsgewalt dominierten harten Pauke durchkreuzten gemächlichen, melodiösen, naturalistischen Gang oder der folgende wilde Parforceritt. Darin wurden die zu Beginn vom Orchester noch seichter angegangenen dynamischen Wellenbewegungen reaktionssicherer und aufmerksam zu den typisch hervorstechenden Vorgaben Gardiners umgesetzt, die nicht nur Spannung verleihen, sondern die brüchige, abrupte, unvergleichliche Exzentrik Berlioz' mit Betonungslust und fließendem Geschick mitreißend zum Ausdruck bringt. Am Ende überwältigte vor allem die Magie, die im rasenden Finale die königlichen Posaunen und Tuba beschwörten.

Überraschenderweise ließ Gardiner das KCO entgegen seines sonstigen Ansatzes mit viel Vibrato spielen, was auch im Schumann vorherrschte und dem mit dem LSO entgegenstand. Wie beim Ouvertüren-Abschluss, bereitete das Orchester allerdings abermals einen royalen, schwung- und eindrucksvollen Empfang für Violinsolistin Alina Ibragimova, die mit scharfen, schroffen, spitzen Doppelgriff-Akkorden im Motiveinstieg sofort ihre Visitenkarte hinterließ und umgehend diese tonlich in kristalline und von warmen Farben bestimmte Melodiebögen umwandelte. Dabei versah sie jede Note und Phrase mit ihrer dynamischen und artikulatorischen Beredtheit, sodass man an Bogen und Fingern hing. Wirklich organisch und in balancierter Verständigung quoll die gemeinsame Ansprache mit dem Tutti und dem Dirigenten geradezu hervor, weil Ibragimova stets leicht zwischen den Pulten pendelte, sich ins Orchester beugte, horchte und vorgab. Ebenfalls ähnlich theatralisch und schicksalshaft gerieten die intimen, beinahe verstummenden Solopassagen, aus der Schumann die Geige kraftvoll mit Läufen erstehen lässt, was im Nachklapp durch die Orchesterthematik bei Gardiner mit der strahlenden Wucht von Trompeten und Pauken Züge von Don Giovannis Commendatore-Szene trug.

Blitzten selbst die wuseligen Doppelgriffe klar heraus, schlenderte Ibragimova im zweiten Satz zauberhaft und mit energischer Sanftheit, nie verschlafen unter der Pianissimo-Begleitung der Orchesterstreicher, mit dynamischen und expressiven Reizen umher, die bereits wie das fertige Ergebnis eines Schmucksteins funkelten. Als Meisterhandwerkerin in Schumanns und Gardiners Werkstatt präsentierte sich Ibragimova in der Polonaiseattacca die Melodie in den „unspielbaren“ Schlusspunkt einflechtend – die gemäß der Anweisung und technischen Forderung etwas langsamer als üblich genommen wurde, wodurch das Tänzerische manchmal etwas ernst wirkte. Nach galanten Durchzügen sollte es dennoch sportlich enden, so wie es begonnen hatte: mit einer kräftigen, rauen Entladung.

Im Unterschied zum Vibratoaspekt fand in Gardiners Praxis die Brahms-Symphonie im Stehen statt. Ein Effekt, der sich immer auszahlt. Beim KCO verhalf die stehende antiphone Aufstellung zu noch lebendigerer, alerter Transportierung seines runden Klangs, sodass das Bläsermotiv des ersten Satzes noch stärker über das Podium in den Saal strahlte und die Streicher ihre Schleifmaschine aufdrehten, die bei den Wiederkehrungen tiefrotes Feuer auf der Oberfläche entfachte. Und dies, ohne in der Hitze die feinen Holzluftzüge zu zerstören, die auch für ein Feuer benötigt werden und die die Phrasierungs- und Tempospielereien nach Fritz Steinbachs Vorbild verdeutlichten. Selbst im Andante lag mit Gardiners für langsame Sätze interessant ausgeprägter tiefer, nervtreffender Phrasierung und Dynamik „fuego y cristal“, das ohne Pause in das lyrisch-melancholische Poco Allegretto überging, in dem ebenso geschliffene Rundungen zahlreich zu Tage traten. Mit rhythmischem Druck und der zum zweiten Mal erinnernden Schicksalshaftigkeit sorgte er für das letzte Reiben bis zum Feinschliff, an dessen Ende ein polierter Diamant stand. Alle artikulatorischen Facetten des Horns, zudem die Betonung von Blech und Flöten wurden vom Orchester gefordert, die locker mit Berlioz' Extravaganz mithielten. Ja, Borges' Geist in Amsterdam.

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