Die Atmosphäre ist bei Festspielen immer eine besondere: Anspannung und Vorfreude schwirren noch mehr durch die Luft, als sie es immerhin schon im täglichen Spielbetrieb tun. Gesellen sich dazu geisterhafte Glockenschläge und drei Schafe auf der Bühne, während das Publikum noch seine Sitzplätze sucht, entsteht eine ganz mystische Stimmung.

<i>The Exterminating Angel</i> © Monika Rittershaus | Salzburger Festspiele
The Exterminating Angel
© Monika Rittershaus | Salzburger Festspiele

Schon beim Betreten des Auditoriums im Haus für Mozart befand sich der Zuschauer in der Klangwelt von The Exterminating Angel. Die Auftragskomposition der Salzburger Festspiele in Koproduktion mit anderen namhaften Opernhäusern wie der Metropolitan Opera New York wartete mit einem riesigen Solistenaufgebot auf. Dafür vertonte Thomas Adès keine Literaturvorlage, sondern bediente sich Luis Buñuels Film El ángel exterminador (Der Würgeengel, 1962), den er als Dreizehnjähriger zum ersten Mal gesehen hatte.

Tom Cairns verfasste in Zusammenarbeit mit Adès seit 2009 das Libretto. Um Buñuels Geschichte bühnentauglich zu machen, mussten erwartungsgemäß einige Personen aus dem Film verschmolzen sowie Szenen gestrichen oder neu erfunden werden. Letztendlich entstand die Handlung um Edmundo und Lucía de Nobile, welche nach einer Opernvorstellung zwölf Gäste in ihre Villa einladen. Merkwürdigerweise verlassen alle Bedienstete bis auf Julio die Villa bei der Ankunft der Gesellschaft. Und das zu Recht: Nachdem es spät wird, unternehmen einige der Gäste den Versuch, nach Hause zu gehen, werden aber immer wieder abgelenkt, bis schließlich klar wird, dass es der Gesellschaft aus unerklärlichen Gründen nicht möglich ist, den Raum zu verlassen.

Was folgt sind zwei Nächte und Tage, in denen jeder der Eingesperrten anders mit der einzigartigen Situation umgeht. The Exterminating Angel zeigt psychologische Veränderungen bei Personen, denen die Kraft zum Handeln abhanden gekommen ist und die dadurch zum Nichtstun verdammt sind. Nachdem das große Chaos überhandgenommen hat, drei Gäste tot sind, die Schafe über einem offenen Feuer braten und Wasser aus einem Wasserrohr des Hauses frei geschlagen wurde, findet die Sopranistin Leticia den Weg zurück in die Freiheit. Indem die Gäste und Gastgeber den ersten Abend bis zu dem Punkt wiederholen, an dem Leticia zum Singen aufgefordert wird und dieses Mal dieser Bitte auch nachgeht, wird der Bann gebrochen und es können alle den verwüsteten Raum verlassen. Vor dem Haus treffen sie auf besorgte und interessierte Leute, die sich bereits aufgeregt versammelt hatten.

Anne Sofie von Otter, John Tomlinson, Christine Rice, Amanda Echalaz & David Adam Moore © Monika Rittershaus | Salzburger Festspiele
Anne Sofie von Otter, John Tomlinson, Christine Rice, Amanda Echalaz & David Adam Moore
© Monika Rittershaus | Salzburger Festspiele

Dieses Haus war auf der Bühne nicht zu sehen. Stattdessen zeigte eine puristische Kulisse auf der linken Seite der Bühne einen bühnenhohen, goldenen Wandschrank, der sich in Richtung Bühnenmitte bewegte und als Aufbewahrungsort für die Leichen sowie als Toilette diente. In der Bühnenmitte stand ein fast ebenso hoher, großer Rundbogen aus dunklem Holz, der den Durchgang in den verwunschenen Salon markierte. Auf einer Drehbühne bewegten sich Sofas, Tische und Flügel im Stile der 70-80er Jahre langsam hin und her. Tom Cairns, der bereits in Spielfilmen Regie führte, inszenierte sein Libretto selbst. Die surreale Situation wurde durch die leichte, aber stetige Bewegung des Raumes und der Personen im Raum verstärkt. Vierzehn Solisten auf der Bühne gleichzeitig agieren zu lassen, ohne den Zuschauer zu überfordern, ist keine leichte Angelegenheit; Cairns gelang es dennoch, logische und reibungslose Abläufe zu schaffen.

Das, was aus dem Orchestergraben erklang, konnte dabei immer klar einer Situation zugeordnet werden. Adès' Komposition, die er am Abend der Uraufführung selbst dirigierte, wirkte sehr atmosphärisch. Es war kein Versuch, mit außergewöhnlichen Mitteln Ungehörtes zu erzeugen. The Exterminating Angel präsentierte sich an diesem Abend vielmehr als ein Gesamtkunstwerk, das in Verschmelzung von surrealer Handlung, darauf abgestimmter Musik, Lichtdesign und Kulisse eine in sich geschlossene Einheit präsentierte und eine Geschichte mit ungewissem, offenem Ende erzählte.

<i>The Exterminating Angel</i> © Monika Rittershaus | Salzburger Festspiele
The Exterminating Angel
© Monika Rittershaus | Salzburger Festspiele

Die Musik war stets klar verständlich, der Handlung untergeordnet, als handele es sich um eine Filmmusik, die die Gemütszustände der Figuren widerspiegelte. Doktor Carlos Conde ist der Ruhepol in Mitten der aufgebrachten Gruppe, versucht für alles eine Erklärung zu finden und wird gezeichnet mit einer geerdeten Basspartie, gesungen von Sir John Tomlinson. Nach ereignisreichen Takten gefüllt mit durchdringenden Tönen in den höchsten Lagen der Sopranistin Leticia, von Audrey Luna hell, aber nicht schrill dargeboten, ließ man sich bei Tomlinsons entspannten Linien gerne in den Sitz sinken. Mal fieberte man mit, mal lauschte man fast gedankenverloren einer Musik, in der Adès mit dem Läuten der Glocken ein Gefühl der Ewigkeit vermittelt, einer Musik, in der der schöne und betörende Klang der Ondes Martenot dem der Sirenen in der griechischen Mythologie gleicht und als klanglicher Vernichtungsengel mit schöner Melodie die Gäste zum Bleiben verurteilt.

Für die erforderliche Atmosphäre sorgte das ORF Radio-Symphonieorchester Wien, das eine grundsolide und farbenreiche Basis schuf, auf der die Solisten ihre allesamt in Rhythmus und Tonlage schwierigen Rollen sängerisch und schauspielerisch überzeugend darbieten konnten. Der Salzburger Bachchor fügte sich in die Gesamtszenerie ebenfalls sehr gut ein. Solch fantastische Arbeit macht Lust auf mehr Uraufführungen in diesem Format.

****1