Franz Schrekers erster Opernerfolg verbindet eine besondere Geschichte mit der Oper Frankfurt. Nachdem Der Ferne Klang hier 1912 uraufgeführt wurde und er zu seiner Zeit als einer der meistgespielten deutschsprachigen Komponisten galt, wurden er und seine Musik bereits Ende der 1920er Jahre zum Angriffsziel der antisemitischen Kulturpolitik der Nationalsozialisten. Seine Musik, als entartet diffamiert, geriet lange Zeit in Vergessenheit, bis in den 1970er Jahren eine wahre „Schreker-Renaissance“ stattfand, die nicht zuletzt Michael Gielen, dem ehemaligen Generalmusikdirektor der Oper Frankfurt, zu verdanken ist.

Martin Georgi (Alter Fritz), J. Holloway (Grete), Ian Koziara (Fritz), Steffie Sehling (Alte Grete) © Barbara Aumüller
Martin Georgi (Alter Fritz), J. Holloway (Grete), Ian Koziara (Fritz), Steffie Sehling (Alte Grete)
© Barbara Aumüller

Während Der Ferne Klang Schrekers internationalen Ruhm begründete und ihm zum Durchbruch verhalf, ist eines der zentralen Themen der Oper paradoxerweise das Scheitern. Der junge Komponist, Fritz, der loszieht, und auf der Suche nach dem fernen, reinen Klang seine Geliebte Grete zurücklässt, beschreibt eine fiebrige Reise auf der Suche nach musikalischer Originalität, ein unerlöstes Fahnden nach kompositorischer Authentizität, bis hin zur Selbstaufgabe und der resignierten Erkenntnis um das eigene Versagen.

Recht widersinnig ist dabei die Vorstellung, dass das Werk autobiografische Züge aufweist. Schreker, der zu Beginn seines künstlerischen Schaffens selbst auf der Suche, nach einem „reinen Klang“ war, lässt mit der Figur des Fritz durchaus Parallelen durchscheinen. Das Libretto schrieb er selbst und ließ in seinen seelischen Gefühlsporträts neben der offenkundigen Künstlerproblematik auch die Lehren Freuds, mit denen er sich derzeit beschäftigte, einfließen.

Martin Georgi (Alter Fritz) und Jennifer Holloway (Grete Graumann) © Barbara Aumüller
Martin Georgi (Alter Fritz) und Jennifer Holloway (Grete Graumann)
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Der italienische Regisseur Damiano Michieletto greift diesen Hintergrund auf und schafft ein eindringliches, psychologisch aufgeladenes Tableau zweier Liebenden, die zeitlebens, trotz räumlicher Distanz, miteinander verbunden sind, jedoch nie ganz zueinander finden. Wie ein Stein, der ins Wasser fällt und weite Kreise zieht, so überlagern sich die Begegnungen und Erinnerungen von Fritz und Grete. Zeitliche Grenzen werden aufgelöst, überlagern und begegnen sich. Hervorgehoben wird dieser Eindruck durch elegante Videoeinspielungen von rocafilm (Roland Horvath und Carmen Zimermann), die den Schein der geträumten Wirklichkeit zusätzlich verstärken. Michieletto verliert sich jedoch in seinen psychologischen Interpretationen und so mangelt es der Inszenierung zeitweise an Spannung und Prägnanz.

Während sich das Geschehen vordergründig in einem Altenheim abspielt, blicken die Charaktere episodenhaft zurück, beispielsweise auf eine für Grete prägende und zugleich furchteinflößende Szene im heimischen Wirtshaus. Während bei der aufgeladenen Stimmung Bier und Testosteron überquellen, ist sie der Unberechenbarkeit, Grobheit und Willkür der Männer ausgesetzt. Besonders beeindruckend stach Iurii Samoilov aus der Gruppe der betrunkenen Männer hervor. Mit beängstigender Überzeugung und bedrohlichem Timbre repräsentierte der Bassbariton einschüchternd die Masse, die sich unentwegt an Grete vergreifen zu versucht.

Jennifer Holloway (Grete Graumann) und Ensemble © Barbara Aumüller
Jennifer Holloway (Grete Graumann) und Ensemble
© Barbara Aumüller

Der Ferne Klang ist die Geschichte Gretes, einem Mädchen, das – von ihrem Verlobten zurückgelassen – erst zur angesehenen Edelkurtisane aufsteigt, später als einfache Straßenhure endet. Die Produktion rückt sie in ihrer Opferrolle, zwischen Objektifizierung und Selbstbestimmung, in den Mittelpunkt.

Jennifer Holloway gelang als Grete eine beeindruckend eindringliche Charaktergestaltung. Sie blieb stets glaubwürdig und überzeugte sowohl als junge, naive Frau, aber auch als selbstbewusste Kurtisane. Sie zeichnet das Porträt einer jungen Frau, die, gefangen in männlicher Doppelmoral, auszubrechen versucht, aus den Zwängen und Ängsten des patriarchalen Mikrokosmos’ einer Kleinstadt. Ihre schillernde Stimme mit präzisen Höhen war den enormen Anforderungen der Rolle souverän gewachsen.

Ian Koziara (Fritz) und Jennifer Holloway (Grete Graumann) © Barbara Aumüller
Ian Koziara (Fritz) und Jennifer Holloway (Grete Graumann)
© Barbara Aumüller

Auf dem Weg ihrer Selbstbestimmung, zuerst gefeiert und bewundert, dann jedoch erneut geschmäht und verachtet bleibt ihre Geschichte stets im Schatten des Künstlers Fritz. Es ist vorrangig eine männliche Sicht, geprägt von doppelten Standards, bei der sich Grete kaum Individualismus erringen kann. Stattdessen changiert ihr Charakter eindimensional zwischen Jungfrau und Hure.

Nachdem Fritz' Oper beim Publikum durchfällt und Grete mittlerweile zur Straßendirne degradiert, kommt es zum späten Wiedersehen. In Proustscher Manier, auf der Suche nach der verlorenen Zeit, liegt er stark gealtert in seinem Krankenbett, denkt zurück an ihrer beider Jugend und erkennt, dass er Grete nicht hätte abweisen dürfen. Nach einem letzten Moment der Zweisamkeit, sinkt er erschöpft in ihre Arme und stirbt.

Ian Koziara beeindruckte mit seiner weichen Tenorstimme, die in den Höhen zwar ihre Grenzen hatte, aber dafür in den tieferen Lagen besonders profunde Klangfarben offerierte. Als Fritz stellt er die innere Zerrissenheit und das mit ich selbst Ringen seiner Künstlernatur hochemotional und überzeugend dar.

Jennifer Holloway (Grete Graumann) © Barbara Aumüller
Jennifer Holloway (Grete Graumann)
© Barbara Aumüller

Das Orchester unter GMD Sebastian Weigle breitete einen geradezu schwerelosen, impressionistischen Klangteppich aus. Schrekers Musik mit seinen irisierenden Akkorden, fluktuierenden Harmonien und der reichen Orchestrierung klang besonders transparent. Statt spätromantischer Schwere kam das Orchester mit einer spielerischen Leichtigkeit daher. Die meist zurückhaltende und wenig aufbrausende Interpretation ließ oft den Wunsch nach mehr orchestraler Präsenz aufkeimen, der lediglich bei den letzten Akkorden des Finales erhört wurde.

Michielettos Produktion beeindruckt durch ihre psychologisch aufgeladene Interpretation, einer eindringlichen Personenführung und intensiven dramatischen Bögen, während die Musik äußerst impressionistisch und ungewohnt leichtfüßig daherkommt. Allein aufgrund der aktuell geringen Zahl der Produktionen von Franz Schrekers Opern lohnt es, seine Musik in Frankfurt mit dieser besonders nachdenklichen, einfühlsamen und berührenden Produktion, wiederzuentdecken.

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