Manchmal scheint es, als setze zur Überraschung doch plötzlich fast jeder zweite Veranstalter, sei es als Festival oder Konzerthaus, ein Werk auf sein umfangreiches Programm, das vorher ziemlich vernachlässigt wurde und – das möchte ich dabei explizit wohlwollend sehen – nun zur erweiterten Repertoirepflege. So geht es mir mit Beethovens Christus am Ölberge, zu dessen Wiederbelebung in letzter Zeit vor allem Jérémie Rhorer und sein Le Cercle de l'Harmonie wesentlich beigetragen haben. Es erklang jetzt in bewährter Partnerschaft mit der Vokalakademie Berlin, die das Stück 2012 erstmals zusammen aufführten, zur österlichen und klassischen Passions-Alternative zur barocken Institution – und das an Bachs Geburtstag! – in der Kölner Philharmonie, wo beide bereits ihre fantastische Visitenkarte hinterlassen hatten.

Jérémie Rhorer © Yannick Coupannec
Jérémie Rhorer
© Yannick Coupannec

Außerdem fand sich Schuberts nach wie vor lediglich mit einem interessierten Auge betrachtetes und bis auf Klarinetten, Trompeten und Pauken identisch besetztes Stabat mater von 1816 im ersten Teil wieder, mit dem die Ensembles in ihrer gemeinsamen Arbeit und Konzerttätigkeit ebenfalls bestens vertraut sind. Das merkte man, als der Chor nach weicher Grundsteinlegung durch die weihevollen Posaunen die Flügel der Anteilnahme ausbreitete, die – von Erschütterung bewegt – naturalitisch schreitend schlicht und zurückhaltend, aber mit Betonung artikuliert wurde. Bot dafür nämlich das Orchester zusätzlich die richtige Balance, konnte die Vokalakademie die in heiliger Numerik aufgeteilten Einsätze immer so mit dem würdevollem Ansatz versehen, dass er nicht eintönig erschien, sondern den deutschen Text, Botschaft und Musik ernst nahm. Gelang damit samt den Hörnern die kantilenige Beschreibung von Jesu Antlitz in der doppelten Perspektive zu seiner Mutter nachvollziehbar lieblich, drückte das Chorensemble nach agogischer und vor allem dynamisch variierter Klage die erlösende Glaubenszuversicht aus. Mit Leichtigkeit und präzisen Akzenten in der ersten Chorfuge, herrschaftlich, auftrumpfend markig in der Anrufung mit dem Blech und nachdrücklich frisch, geborgen und in großer Souveränität im „Amen“ machten sie diese zur leuchtenden und einleuchtenden Überzeugung aller.

Wie die Einheit mit Le Cercle de l'Harmonie vernehmbar war, spürte man jedoch genauso ein gewisses Fremdeln der Solisten mit dem Stabat mater, in deren Nummern Balance und Verständlichkeit nicht mehr kohärent waren. Während sich davon Marita Solberg eindeutig noch am ehesten frei machte, ihr wohlklingender, voll höhensicherer und hier beweglicher Sopran trotz steten Vibratos, mit dem sie die Leiden expressiv – aber dadurch nicht unmittelbar stärker – unterstützen wollte, blieb Daniel Behle im Duett mit ihr in tenoralen Höhen noch steifer und blasser als in seiner versiert sachten, leisen Arie. Außerdem war Bariton Jean-Sébastien Bou in seinem Solo, wie alle von (Solo-)Holz und prägnant phrasierten Streichern begleitet, textlich so gut wie nicht zu hören. Stach Solberg im ersten Terzett wieder heraus, zeigte sich Behle allerdings präsenter und runder sowie mischten sich die Stimmen passend zur „Brüderlichkeit“ im zweiten Terzett mit Chor besser, ohne unter eindringlichen Hörnern zu schreien.

Dies bewahrten sie sich auch in Beethovens knappem und – wie von ihm selbst eingeräumt – schlecht librettiertem Oratorium, in dem das Orchester ihre hervorragenden Dramatikkünste, explizit mit knackig-aufwühlenden Streichern, dort insbesondere düster aufschäumenden Kontrabässen, einbringen konnte. Viel mehr zur Geltung konnte darin endlich Behle als Stimme Jesus mit seinen konturscharfen Stärken von Diktion und Verknüpfung von Lyrik und Theatralik kommen, die seine sanften, leichten Höhen meist geschmeidig ergänzten. So klar und licht sowohl sein „Willkommen“ als auch ausdrucksvoll seine heldenhafte Größe (wenn auch mitunter etwas gepresst) im tödlichen Verrat waren, umso weniger förderlich stellte sich Solbergs Vibrato für die eh ob Beethovens Gesanglichkeit schwierige Verständlichkeit im Rezitativ und der opernhaften Arie des Seraph heraus. Dennoch meisterte sie problemlos ihre technischen Anforderungen und verströmte ihre grundsätzliche Stimmausgewogenheit von Kraft und Glanz. Eine angenehme Form hatte gar Bou als Petrus gefunden, dessen wiederum kleineren Wortbeiträge leider aber beim Singen nach unten in die Noten auf dem Pult noch weniger zum Ohr des Zuhörers gelangten als im Stabat mater.

Wie darin bestach die Vokalakadmie Berlin mit einer trennscharfen Weichheit, zu der noch in ihrer dramatischeren Turba-Rolle der Krieger und Jünger die mächtigen, zackig-wendigen und gestochenen Eigenschaften hinzutraten, um mit den stets fließenden, aufgewirbelteren und packenden Instrumentalisten unter Rhorers gewohnt ziemlich sachlicher Dirigierart Bedrohung, Ausbruch und Tat zu unterstreichen. Fluteten die orchestralen Rasereien mit wuchtigen Bläsern und tremolierenden oder synkopisierenden Streichern manchmal so über die chorische Attacke über, dass die zuvor gelobte Balance etwas litt, sprudelten die Stimmen erhaben und lobvoll unter stechenden Trompeten und Pauken im preisenden Schluss. Mit diesem lebhaften, spritzig-funkelnden Dank präsentierten sie den wahren Eindruck, dass Passion und Erlösung auch mal beeindruckend anders ginge

***11