Es ist eine große Tradition, in die sich ein Interpret von Schubert-Liedern einreihen muss. Große, bedeutende Sängerinnen und Sänger sind damit legendär geworden, manche auch gescheitert. Dass der Countertenor Philippe Jaroussky sich dieser Herausforderung stellt, nötigt Respekt ab. Seit über 20 Jahren ist Jaroussky einer der hellsten Sterne am Himmel der Barockmusik und begeistert mit sympathischem, unprätentiösem Auftreten, seiner immer wieder als engelsgleich beschriebenen, hell timbrierten Stimme und einer ausgeprägten Stilsicherheit eine ungezählte Fangemeinde. Mit Bedacht ist er dabei, die Grenzen seines Repertoires zu erweitern. Nach Ausflügen in die französische Belle Époque wagt er sich nun an das romantische deutsche Lied. Schubert liebt er erklärtermaßen und Schubert singt er nun auf einer weltweiten Tournee.

Philippe Jaroussky © Michael Bode
Philippe Jaroussky
© Michael Bode

Würde er mit seiner Auswahl von zwanzig Schubert-Liedern überzeugen können? Die Antwort ist: nur bedingt. Im Baden-Badener Festspielhaus war schon einmal der sehr große Saal ein Hindernis, dass Jarousskys zarte Stimme sich raumfüllend entfalten konnte. Auch wenn das hochkonzentrierte Publikum dem Sänger jeden Ton förmlich von den Lippen ablauschte, wirkte der Stimmklang in manchen Liedern zu dünn, zu zerbrechlich. Was Schubert in seine Schiller-Vertonung der Gruppe aus dem Tartarus den in die Unterwelt verdammten Seelen an Verzweiflung und bangem Hoffen auf Erlösung aus den endlos erscheinenden Qualen einkomponiert hat, konnte wohl Jérôme Ducros in den dramatischen Modulationen der Klavierbegleitung eindrücklich verdeutlichen, Jaroussky aber hatte dem nicht viel an expressivem Nachdruck hinzuzufügen.

Auch wo einige Lieder den Ausdruck von Hochgefühl oder feierlichem Ernst fordern, blieb Jarousskys Stimme zu klein wie in dem Lied Die Götter Griechenlands mit Schuberts zugegeben etwas pathetisch formulierter, typisch romantischer Vortragsbezeichnung „mit heiliger Sehnsucht”. Aber etwas von der Größe dieses Gefühls sollte doch in der Stimme des Sängers liegen. Auch in Nacht und Träume werden ähnliche Emotionen ausgedrückt, deren geheimnisvolle Macht Jaroussky weniger durch Klangvolumen, dafür aber durch ein bezwingendes Piano versinnbildlichte.

Überhaupt gehörte das Piano-Singen an diesem Abend zu Jarousskys unbezweifelten Stärken. Du bist die Ruh oder Im Abendrot wurden so zu Momenten erfüllter Kontemplation. Doch hätte man sich in diesem Piano noch reichere Klangfarben gewünscht, etwa ein helles Aufstrahlen der Stimme („Von deinem Glanz allein erhellt...”) oder die deutliche Entschlossenheit zu intensiver Lebenskraft („dies Herz, eh' es zusammenbricht, trinkt noch Glut und schlürft noch Licht”).

Äußerst achtsam ging Jérôme Ducros auf den Sänger ein. Nie überdeckte das Klavier das weiche Timbre der Stimme. In den begleitenden Passagen nahm Ducros die Lautstärke sensibel zurück. In den Vor- und Nachspielen entfaltete sich die ganze Dynamik und den beiden Solostücken zwischen den Liedgruppen, u.a. dem Ges-Dur-Impromptu D.899 Nr.3, bewies Ducros sein feines Gespür für die Klangwelt der Schubertschen Klaviermusik.

Nicht immer war allerdings bei den Liedern das Tempo ganz einleuchtend. Etwas hektisch nahmen Pianist und Sänger den Musensohn, so dass Nuancen in der Ausgestaltung des Textes („...der stumpfe Bursche bläht sich, das steife Mädchen dreht sich”) kaum möglich waren. Auch der wiegende Sechsachtel-Rhythmus der Klavierbegleitung bei Auf dem Wasser zu singen geriet eine Spur zu rasch, so als habe der „wankende Kahn” einen kleinen Hilfsmotor bekommen.

Einige Lieder kamen aber den stimmlichen Möglichkeiten Philippe Jarousskys sehr glücklich entgegen. In der Litanei, dem Gedenken an die verstorbenen Seelen, beeindruckte der Sänger mit seiner stupenden Legatokunst und – wie überhaupt in allen Liedern – mit überaus reiner Diktion der deutschen Sprache und zudem in absolut passender Phrasierung. Auch im Ave Maria, der klug gewählten Zugabe, zeigte sich Jarousskys ätherisch schwebende Stimme von ihrer schönsten Seite. Hier wurde etwas von der klanglichen Sensibilität und der intimen Atmosphäre spürbar, die Jarousskys Interpretationen barocker Musik so zauberhaft machen.

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