Furios und überall hin sichtbar starteten das London Symphony Orchestra und sein neuer Musikdirektor unter dem Claim „This is Rattle“ in die neue Spielzeit. Ganz Europa, Asien und die bedeutenden Bühnen in den USA versuchten daher vorausschauend, dieses frisch vermählte Paar der Ereignisversprechung auch in ihre Häuser zu lotsen. Geschafft hat das unter anderem die Kölner Philharmonie, in der es sich zum neuen Jahr präsentierte und Rattle sogar noch einmal vorbeischauen wird, wenn er mit dem zeitgleichen Abschied als Chef der Berliner Philharmoniker auf Tournee geht. Programmierte er aus beiden Anlässen Konzerte mit seinen Lieblingswerken, landeten diesmal Schubert, Mahler und Bartók auf dem genüsslich hörbaren Wunschzettel.

Sir Simon Rattle © Oliver Helbig
Sir Simon Rattle
© Oliver Helbig

Die Werke verbindet natürlich Spezielles, Komponisteneigenes, Persönliches und Existenzielles, auch wenn man das gerne von Vielem behauptet. Musikalisch offensichtlich wurden in der Zusammenstellung gar leitmotivähnliche Mittel wie der Blechbläserchoral oder die leisen Kontrabässe, mit deren formidablem Pianissimo Rattle Schuberts „Unvollendete“ dunkel und geheimnisvoll eröffnete. Das Holz, bei dem neben der Klarinette vor allem Flöte und Oboe für die herausgestellten Akzente sorgten, erhellte die Szenerie, die Rattle durch energischen Kontrast in (zuvorderst) Dynamik und Artikulation aufblenden ließ. Klangschön kompakt, dabei aber geschmeidig und beispielsweise durch Hörner und Celli lieblich-ländlich agierte das LSO, zu der eine Transparenz kam, bei der die nicht-antiphone Aufstellung nicht zu sehr ins Gewicht fiel. Bei aller bespielbaren Detailliebe Rattles, die er im aufgeladenen Allegro moderato forderte und herauskitzelte, bleibt jedoch fraglich, warum er trotz sowieso vorgenommenen Pausenumbaus nicht von seiner nun meistens je nach Stück gewählten Orchesterdisposition Gebrauch machte, die zudem zu Mahlers Vorliebe gepasst hätte.

Deutlich erkennbar war hingegen Rattles Leidenschaft, die sich auch im Ausfluss unnachgiebiger Zeichengebung artikuliert auf die Musiker übertrug, die das Andante con moto mit lebendigen, dynamischen Abstufungen und empfindsameren Streicher- und Bläserbetonungen versahen, sodass sich das vielseitige Bild des Satzes ausfüllte: festlich und sinnlich-klar, bei der elegische Eintrübungen vom wilden Aufbäumen wahlweise weggefegt oder begleitet, schließlich von sonniger Gemütlich- und Beschaulichkeit warm umstrahlt wurden.

Magdalena Kožená © Oleg Rostovtsev
Magdalena Kožená
© Oleg Rostovtsev

Auf die Färbungen von Klarheit und Wärme traf der Hörer übereinstimmend überleitend in Mahlers Rückert-Liedern mit der Stimme von Rattles Ehefrau Magdalena Kozena, die sich in geänderter Reihenfolge mit „Liebst du um Schönheit“, der letzten Vertonung aus der Orchestrierungs-Feder von Mahler-Schüler Max Puttmann, mit nicht überladenem, feinfühligen, diktionsreichem Mezzo vorstellte. Dieser war dann gut verständlich, wenn er nicht bei einsetzenden Bläsern überdeckt wurde. Hier wäre die zuvor zur Schau gestellte Dynamikvarianz seitens des Orchesters hilfreich gewesen.

Bemerkte man die eingespielte Routine und textliche Lust, mit der Kozena den Zyklus vorstellte, so im „Blicke mir nicht in die Lieder!“ und dem unprätentiösen „Um Mitternacht“, ohne dabei an Expression einzusparen, hätte das mitternachtliche Oktett mehr spannende Farbigkeit vertragen. Sie erschien mit dem Fanfaren-Choral, ein Weckruf, der die weiteren Lieder positiv beeinflussen sollte. Kozenas herzlich-blühende Berührung zu „Ich atmet' einen linden Duft“ trug also zur angenehmen Balancierung bei, die das Solo-Gerüst aus Violine, Viola und Horn mit dem Hinzutritt der weiteren Hörner und einzelner Instrumente der Bläsergruppe sowie Celesta schließlich gewohnt gekonnt verzierten. Auch vom Orchestersatz am homogensten, entsprachen sich Singstimme und Begleitung im „Ich bin der Welt abhanden gekommen“, um die symbiotische Expression von tröstlicher Behaglichkeit strömen zu lassen.

Bartóks Konzert für Orchester gehört seit der Uraufführung 1943 zum absoluten Dauerbrenner des Standardrepertoires. Denn es ist eben, neben einem hevorragend komponierten Stück mit zahlreichen Einfällen, so Vieles: Erfolgswerk, Solokonzert, Symphonie, Requiem, Biografie, Folklore, Politdemonstration, Musikgeschichte, Moderne. Es ließe sich fortsetzen. Auf fünf Sätze kapriziert sich eine Energie, die unter Hinzuziehung der Lebensumstände Bartóks mit der Flucht ins Exil und der tödlichen Krankheit umso beeindruckender wiegt. Diese Kraft und eine Portion Stolz vermittelten Rattle und das LSO (in amerikanischer Aufstellung), die sich Bahn brachen nach dem wiedererkennbaren Hauch eines Bassauftaktes, folgend thematisch angereichert durch die Mystik der Soloflöte unter dem Flautando der Streicher und dem ebenfalls reminiszierenden, guten alten, heroischen Brass-Choral zum Aufruf eines mitreißenden ersten Satzes.

Der zweite ist ein Paarspiel im Allegretto scherzando. Und was darauf steht, steckt drin, köstlich veranschaulicht von den akzentvollen Bläsern des London Symphony Orchestra, die rhythmisch nicht nur der Einleitung der kleinen Trommel gegenüberstehen, sondern dem Streicherpizzicato, das ehrfürchtig und fast grotesk fragend vom klassischen Posaunen-Tuba-Chor unterbrochen wird. Flirrten und zirpten alle Instrumente zum Satzende, war den Bässen wieder einmal die Einführung zur Elegie vergönnt, in die Rattle und das Orchester kämpferische Wallungen von finsterer Aufregung bis zum nachvollziehbaren Anfall der ausnahmsweisen Erschöpfung darüber legten. Noch spaßiger als im Scherzo grüßten im Intermezzo interrotto lustig ausgekostete Heimatklänge, die sowohl die Melodieschönheit von Streichern und Pauke als auch die eingebundenen Motiverinnerungen vom Beginn kunstvoll zerstückeln. Zum Finale stand ein hollywoodreifes, turbulentes Treiben voller elektrisierendem Mut und Freude, das die Verbindung Rattle und LSO vielversprechend einlösen konnte.

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