Neben der Tatsache, dass Robert Schumann Franz Schuberts große C-Dur-Symphonie in Wien entdeckt und aufgrund seiner zeitlebenden Verehrung für seinen österreichischen Komponistenkollegen für dessen Veröffentlichung gesorgt hat, verbindet die beiden – abgesehen vom nur mitunter scheinübermächtigen Lied- und Kammermusikrepertoire – eine weitgehend nach wie vor recht verborgene Unbekannte. Es ist die geistliche Musik, die Chormusik, die in Kirche oder Konzert immer noch sehr selten zu Gehör kommt und selbst in der Wissenschaft bisher weniger Beachtung gefunden hat. Mit dem Programm des letztjährigen Schleswig-Holstein Musik Festivals versuchten Thomas Hengelbrock und seine Balthasar-Neumann-Ensembles einmal mehr, rare Kostbarkeiten wie Schuberts erstes Stabat Mater und Schumanns Missa Sacra, selbstverständlich mit einer mittlerweile bekannten, aber ebenfalls neu zu entdeckenden Symbolnummer, was hier die unvollendete Siebte Symphonie war, historisch, verbindend-kontrastierend sowie überwältigend dramatisch und klangschön ins Licht zu setzen.

Thomas Hengelbrock © Pascal Amos Rest
Thomas Hengelbrock
© Pascal Amos Rest

Clara Schumanns befangenes Zitat über die Missa ihres Mannes („Du glaubst nicht, wie schön das alles klingt“) durfte da getrost doch als Maßstab des Abends gelten, wonach es ihr beim Hören manchmal „kalt über den Rücken rieselte“. Und dieser schöne Schauer sollte mehrfach bereits beim ersten Teil, dem Schubert-Part, durch die Körperstränge fahren, beginnend mit den so leichten und sanften Tönen von Fagott und Klarinette der wie bei Schumann in freiheitlicher Textgestaltung eingebrachten Trauerklage. Nicht treffender konnte nämlich das Bild dieser unbegreiflichen Mischung aus empfundener musikalischer Verzückung und schmerzlichem Erstaunen sein, das die Stimmen des von Detlef Bratschke einstudierten Chores hervorriefen, als sie mit delikatem, beschwingtem, poesievollem Hauch die erste Strophe mit einem schier unbegreiflichen Trost versahen. Wie das besungene Schwert, das durch die Seele bohrt, verstand es Hengelbrock mit dem artikulatorisch und dynamisch stets so fließend-gefälligen wie absetzend-überraschenden Twist, auch die tatsächliche Härte der Qualen bestimmend, aufwühlend, düster und theatralisch einbringen zu lassen; in der Wiederholung noch stärker unter den be- und aufgeladenen vokalen wie instrumentalen Sprachrohren der Streicher und Posaunen der Ensembles.

Beinahe attacca mündete diese emotionale und fesselnde Begegnung in den allemal noch härteren, schaudernderen Akkorden und Tremoli des vollen Orchesters in Schuberts Unvollendeter, nachdem die dunklen Kontrabässe und abermals die Klarinette die zerreißende Bipolarität der Symphonie wirkungsvoll eingezogen hatten. Einmal mehr lief es einem kalt den Rücken herunter ob der gewaltigen, effektsicheren Einschneidungen von Violinen, Kontrabässen, Blech und Pauken – in den jeweiligen Reprisen wieder jäher und intensiver als zuvor – die die warmen, zärtlichen Walzermelodieerscheinungen der Streicher und des Holzes – übrigens einen Tag nach Schuberts zweihunderzweiundzwanzigstem Geburtstag – unterbrachen. Es waren für sich fordernde Ausbrüche von überbordender Kraft und Farbe, die die Gefühlswelt so verständlich auftürmten, dass der zweite Satz unter dem Eindruck der positivsten Erschütterung fast nicht weiter zu verstehen war. Unfassbar hinreißend, schlicht aber betont, wechselten die Strahlen der vorher schon heile Welt gewünscht melodierenden Holzbläser und Streicher umher, diesmal abgelöst vom ernsten, lauten Marschstampf, der das Vergehende offensichtlich machte. Am Ende erklang dennoch jener schicksalshaft nötige Trost, der den deliziösen Beginn eingeleitet hatte und bei der erlebten Umsetzung berstend neugierig machte auf den erst noch kommenden, angekündigten Programmhöhepunkt.

Thomas Hengelbrock und die Balthasar-Neumann-Ensembles © Pascal Amos Rest
Thomas Hengelbrock und die Balthasar-Neumann-Ensembles
© Pascal Amos Rest

Meine entfachte Begier, die Stimmen der Balthasar-Neumann-Ensembles derart begeisternd in der auch von spannender Harmonie lebenden Schumann-Messe zu hören, sollte nicht enttäuscht werden. Gestochen scharf und dabei weich fließend, im Einklang mit der organischen Dynamik, erfreute der Chor im Kyrie sinnhaft und mit dem Eintauchen in eine moderne religiöse Klasse, die am Schluss eines pyrotechnischen, jubillierenden Glorias mit Gebet und dem aus Himmelsweihen transzendenten „Gratias“ Agnes Kovacs' fast so gospelhafte Leidenschaftszüge hatte, dass man mit den erhobenen Trompeten gerne aufgesprungen wäre. Fliegen, Schweben, Packen waren auch die Merkmale des frischen, von Diktion und wacher Gespitztheit erfüllten Credos samt ehrfürchtigem „Qui propter nos homines“ und anschließend unnachgiebiger Botschaftsverkündung des „Et resurrexit“. Kovacs' zurückhaltendem, angenehm timbriertem und phrasiertem Sopran oblag es zudem, das aus romantischer Gefälligkeit und zu Schuberts passendem Mariengesang eingegliederte „Tota pulchra es“ unter der Begleitung Luca Obertis Orgel und Christoph Dangels Cello wonnevoll mild zu präsentieren.

Ihre Milde übernahm das Tutti-Sanctus, aus dem in nach Clara Schumann „wundervoller Klangwirkung“ gestaffelter Crescendierung erst das freudige, diffizil-beherrschte „Pleni sunt coeli“ sowie das preisendere „Hosanna“ purzelte. In kurzen solistischen Einschüben durften sich mit dem Benedictus und ebenfalls frei eingebauten „O salutaris hostia“ außerdem sowohl der klare, sichere, feine Tenor Mirko Ludwigs nebst obligatem Fagott und Klarinette, Flöte, Pizzicato-Bässen und nachzeichnender Viola Michael Gielers als auch der seichte, etwas zittrigere Bass Raimunds Spogis' in Szene setzen. Wiederholte der Chor die solistischen Intermezzi mit wolkengleicher Leichtigkeit und im erneuten Sanctus-Ruf voller Erhabenheit, wurde aus dem kalten Gefühl im Rücken in der frohlockenden Amen-Fuge eine Gänsehaut bis in die Beine. Mit dem ehrfürchtig nebligen Agnus Dei fand man gar zurück zu der eindringlich erschütternden Beschwer und erbetenden Aufgehobenheit. Erschütternd gut! Versuch und Mission geglückt!

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