Das Verbier Festival in den Schweizer Alpen gehört wohl zu den Sommerfestspielen mit der schönsten Landschaftskulisse. Der Ort auf 1500m Höhe, mit einer Seilbahn erreichbar, besticht durch sein atemberaubendes Bergpanorama. Ein Ort, an dem es leicht fällt, die Festspielatmosphäre und das reichhaltige Programm zu genießen. Auch dieses Jahr sollte es wieder zahlreiche Konzerte, Liederabende, Masterclasses und Opernaufführungen geben. Doch die Pandemie ist noch nicht vorbei und so machten dem Verbier Festival Orchester ein paar positive Corona-Fälle einen Strich durch die Rechnung. Das Orchester musste abreisen, sich in Quarantäne begeben und die geplanten Opern konnten nicht stattfinden.

Antonio Pappano, Janine Jansen, Antoine Tamestit und Klaus Mäkelä
© Janosh Ourtilane

Dies betraf auch die an diesem Abend geplante konzertante Aufführung des zweiten Akts von Tristan und Isolde, u.a. mit Nina Stemme und Stuart Skelton. Kurzerhand wurde das parallel angedachte Kammerkonzert auf die große Bühne verlegt, dem Salle des Combins. Ein Coup, denn die Zusammenstellung der Musiker*innen des Konzerts ist ebenso selten wie namhaft.

Ein wahres Erlebnis, dass die international gefragte Violinistin Janine Jansen mit dem erst 25-jährigen Cellisten und Dirigenten Klaus Mäkelä spielt, der ab 2022 als Musikdirektor das Orchestre de Paris übernehmen wird. Und das zusammen mit Antonio Pappano am Klavier, der als Generalmusikdirektor des Royal Opera House und Chefdirigent des Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia wohl kaum einer Vorstellung benötigt. So wird der Titel der Kammermusikreihe „Rencontres inédites“ (Einzigartige Treffen) zum wahren Understatement.

Und das Programm des Abends – Franz Schuberts Streichquintett C-Dur, D. 956 und Robert Schumanns Klavierquartett Es-Dur, Op.47 – als bedeutende Werke der Kammermusik, wurden überraschenderweise ganz unterschiedlich interpretiert. So zeigte sich einmal mehr, welche kammermusikalische Bandbreite möglich ist.

Mihaela Martin, Marc Bouchkov, Anastasia Kobekina, Frans Helmerson und Nobuko Imai
© Janosh Ourtilane

Schubert komponierte sein einziges Streichquintett, welches sich durch seinen steten Wechsel der Tonarten und musikalischen Themen auszeichnet, nur wenige Monate vor seinem Tod und es zählt heute zu den wichtigsten Werken der Kammermusik. Das Quintett wählte eine sehr zurückhaltende Interpretation, sehnsuchtsvoll, sich dem ständigen Nebeneinander von Freude und Melancholie, Dur und Moll, ganz hingebend. Nur ganz langsam, fast zaghaft steigerte sich das Quintett und baute nach und nach Dramatik auf. Der satte, warme Klang der beiden Celli und die gedehnten melodischen Bögen des ersten Satzes ließen bereits den elegischen Charakter des Werks durchscheinen. Trotz einiger weniger aufbrausender Momente kamen die Musiker*innen jedoch selten in die Dynamik eines Fortissimos.

All dies mag aber nicht zuletzt der Akustik des Saals, der wie eine Messehalle anmutet, geschuldet sein. Der Klang übertrug sich nicht in die hintere Hälfte des Saals und Geräusche von Außen oder hinter den Kulissen waren vermehrt zu hören.

Als ob dies dem Quartett um Antonio Pappano am Klavier bewusst war, bestritten sie den zweiten Teil des Abends mit einer unglaublichen Angriffslust. Voller Spielfreude, mit straffen Tempi, wurde Robert Schumanns Klavierquartett von Anfang an spannungsreich und voller Lebensfreude interpretiert. Die vier Sätze des Quartetts sind thematisch eng verwoben und so schuf die Ausführung eine ebenso homogene Interpretation. Besonders der letzte Satz strotzte nur so vor Dramatik und Virtuosität. Es war eine Deutung Schumanns Musik, die so gar nicht romantisch und melancholisch verklärt war.

Dass dieses Konzert kurzfristig einem größeren Publikum zur Verfügung gestellt wurde, ist ein aus der Not heraus geborener Glücksfall. Dass der Salle des Combins nur bedingt für Kammermusik geeignet ist, ist da zu vernachlässigen, denn wann bekommt man wieder die Gelegenheit geboten, eine solche Fülle an renommierten Küsnstler*innen auf großer Bühne zu erleben?

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