Daniel Barenboim und die Staatskapelle Berlin widmeten ihr erstes Symphoniekonzert dieser Spielzeit im Rahmen des Musikfests Berlin Werken Robert Schumanns. Zu einer Sternstunde wurde dabei die Darbietung des Klavierkonzertes mit Martha Argerich.

Daniel Barenboim
© Monika Rittershaus

Eröffnet wurde der Abend mit der „Frühlingssymphonie“. Mit großer Vehemenz erklang die Eröffnungsfanfare, die Schumann selbst als einen „Ruf zum Erwachen“ bezeichnet hatte. Barenboim deutete diesen Satz, ja letztlich das ganze Werk, aus der Idee des Aufbruchs heraus und brachte kraftvolles Wachstum zu Gehör. Die Exposition trieb er vom punktierten Rhythmus des Themas an, was die wenigen Passagen, wo er zurücktrat, zu Episoden des Innehaltens werden ließ. Der Satz nahm solche Fahrt auf, dass über die „falsche“ Reprise im hellleuchtenden D-Dur schlicht hinweggefegt wurde. So aber konnte die Gandioso-Wiederkehr der Eröffnungsfanfare im vollen Orchester den Satzhöhepunkt bilden, und die Integration des dem Hauptgeschehen zunächst Externen als gelungen gefeiert werden. Das Finale mutete zunächst wie ein heiterer Kehraus an, wechselte in der Durchführung aber zu geheimnisvoll raunenden Tönen, bevor es am Schluss triumphal wurde. Da vermochte die Aufführung den Bogen zu schließen, um im Ton noch einmal auf die Eröffnung zurückzukommen, die so endgültig zum Hauptthema des Werkes geworden war.

Beschlossen wurde das Konzert mit Schumanns Zweiter Symphonie, welche wie die Erste mit einer Fanfare eröffnet wird, die sich nun durch alle vier Sätze zieht. Barenboim wusste den Kopfsatz mit seinen beinahe gestaltlosen Themen als Vorbereitung auszulegen, die auf das Ende hinzielt. Das Scherzo erklang wie der Kopfsatz in Zeitraffer. Die Aufführung des Adagio espressivo gehörte zu den großen Momenten des Abends – etwa wenn die Wendung nach C-Dur am Ende das Thema dunkler färbte, als es zu Anfang in c-Moll erklang. Auch im Finale kommen zunächst eher unscheinbare Themen zu Gehör. So konnte die Aufführung alles auf das lieto fine des Endes zusteuern lassen, wo das eigentliche Thema der Symphonie hervortreten durfte: Das Zitat von Nimm sie hin denn, diese Lieder aus Beethovens Liederzyklus An die ferne Geliebte.

Dass die Aufführung des Klavierkonzertes dann so großartig gelang, ja gerade zu einer Sternstunde wurde, lag daran, dass Martha Argerich nie die Initiative an sich riss, sondern im Ensemble so agierte als handelte es sich um ein Stück Kammermusik. So entwickelte sich ein Dialog zwischen ihr und dem Orchester, der vom ersten bis zum letzten Takt nicht allein inspiriert und lebendig, sondern bei aller fast jugendlich anmutenden Frische vor allem musikalisch intelligent geführt wurde.

Die zu Beginn ertönende Akkord-Kaskade schlug die mittlerweile 80-jährige Pianistin mit einer Treffsicherheit in die Tasten, dass sofort deutlich wurde, dass ihr Klavierspiel immer noch von dem „klaren Feuer” charakterisiert ist, das ihr Joachim Kaiser einmal bescheinigt hatte. Dem vom Orchester vorgestellten Hauptthema antwortete Argerich auf ihrem Instrument und ließ dabei den ersten Ton leuchten, schattierte den nächsten leicht ab und verzögerte das Tempo vorsichtig am Ende der Phrase. Solche Details in ihrer Tongebung prägten ihre gesamte Darbietung. Sie unterlief die Taktschwerpunkte, um Schumanns Klavierkonzert als eine bei allem Wohlklang letztlich gefährdete Idylle im wahrsten Sinne des Wortes zu begreifen. Faszinierend war dabei, wie sich Argerichs Art zu musizieren auf jede Einzelstimme im Orchester übertrug. Aus den Gerüsttönen des Themas, die Schumann im Verlauf des Werkes weitgehend unangetastet ließ, entwickelte er Varianten, die sich in ihrem Charakter, der Tonart, Taktart und dem Tempo deutlich voneinander unterscheiden. Wenn sich das Thema im Satzzentrum in eine Versunkenheit in As-Dur verwandelt, wurde es in dieser Aufführung nicht nur in all seiner Schönheit zelebriert, sondern als Transformation des Anfangs erfahrbar gemacht. Die Idee der Mannigfaltigkeit in der Einheit wirkte in den folgenden beiden Sätzen weiter. So ließ die Aufführung den Beginn des Intermezzos als Variante des Hauptthemas des ersten Satzes hören und das Rondothema des letzten als seine geraffte und rhythmisch zugespitzte Dur-Variante.

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