Ein Werk, das vor Lebensfreude vibriert und großen Optimismus versprüht und ein Werk, das sich bereits mit dem Abschied vom Leben und dem Ewigkeitsgedanken befasst – so unterschiedlich die Dritte Symphonie von Robert Schumann und das Lied von der Erde von Gustav Mahler auch scheinen mögen, verband das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks die beiden Werke unter der Leitung von Sir Simon Rattle im Münchner Herkulessaal zu einem schlüssigen Konzertereignis.

Sir Simon Rattle © Oliver Helbig
Sir Simon Rattle
© Oliver Helbig

Das lag vor allem an der Emotionalität, mit der Rattle und die Musiker die Werke angingen. Bereits der erste Satz der „Rheinischen“ atmete in jeder Sekunde die Lebenslust, die Schumann in seiner Symphonie zum Ausdruck bringt. Die Eindrücke, die Schumann kurz nach seinem Umzug von Dresden nach Düsseldorf sammelte, verbinden sich in seiner Dritten zu einem euphorischen Werk, das gerne als Ausdruck der „rheinischen Fröhlichkeit“ interpretiert wird.

Größte Transparenz schien bei dieser Interpretation Rattles oberstes Gebot zu sein. Diese tat der Musik zwar gut, allerdings konnte er dabei aber nicht vermeiden, dass sich einige Unsauberkeiten im Zusammenspiel einschlichen. Der zweite Satz floss mit tänzerischer Leichtigkeit dahin und den Beginn des dritten Satzes entwickelte Rattle sehr überlegt und unaufgeregt. Die gut gewählten Tempi und der satte Klang in den Ecksätzen sowie der vierte „feierliche“ Satz, den Rattle mit seinem sakralen Charakter spannungsreich voranschreiten ließ, machten diese Version der „Rheinischen“ so lebendig.

Die Arbeit am Lied der Erde begann Gustav Mahler nachdem er eine Reihe von Schicksalsschlägen zu verarbeiten hatte. Nicht nur war seine Tochter an Diphterie gestorben, er hatte auch seine Stellung als Direktor der Wiener Hofoper wegen einer antisemitischen Hetzkampagne verloren. Darüberhinaus erhielt Mahler die Diagnose einer schweren Herzkrankheit, die wenige Jahre später zu seinem Tod führen sollte. All dies dürfte Mahler beschäftigt haben, als er die symphonische Kantate schrieb, in der er eine so revolutionäre Tonsprache fand, wie er sie in keiner seiner vorherigen Symphonien verwendet hatte. Besonders der ausladende letzte Satz des Werks, das sich nicht recht auf eine spezielle Gattungsform festlegen will, gestaltete Mahler als transzendente Ausflucht aus der hiesigen Welt.

Stuart Skelton © Sim Canetty-Clark
Stuart Skelton
© Sim Canetty-Clark

Wie bereits bei der „Rheinischen“ Symphonie zuvor differenzierte Rattle die einzelnen Stimmen sehr genau und führte hier deutlich konzertierter als im Schumann die unterschiedlichen Stimmen zusammen. So bekam die Interpretation durch die vielen kammermusikalischen Momente eine intensive Farbigkeit, die im letzten Satz („Der Abschied“) den mystischen Höhepunkt fand. Die unheilvollen Soli der Bassklarinette und der Flöte führte Rattle mit ebenso stoischer Konsequenz wie den düsteren Trauermarsch, der beklemmende Assoziationen hervorrief.

Stuart Skelton übernahm die Tenorpartie als stahlklarer Heldentenor, der sogar in den hohen Lagen des „Trinklieds vom Jammer der Erde“ einen angenehmen, runden Ton produzierte. Wenngleich Skelton an einigen anderen Stellen bis an seine stimmlichen Grenzen geriet und zum Forcieren neigte, erhielt seine Interpretation etwas Existenzielles, das dem Charakter der Musik guttat.

Mezzosopran Magdalena Kožená erwies sich als etwas unglückliche Wahl für die Partie, die Mahler eigentlich einer Alt- oder Bariton-Stimme zugedacht hatte. Koženás Stimme fehlte es an mysteriöser Tiefe, die dieses Werk erfordert. Hinzukommt, dass Kožená im vierten Satz („Von der Schönheit“) große Probleme mit dem zugegeben höllisch schnellen Text hatte. Kožená verfügt zwar über einen schönen, reinen Mezzo und sie schaffte auch stellenweise mit feinen Pianissimi schöne Kontraste, allerdings konnte sie die nötige Ausdruckskraft und das Stimmvolumen nicht aufbringen, um einen nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen.

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