Mit leichten flirrenden Tremoli eröffneten die Streicher das Violinkonzert von Jean Sibelius, bevor Solistin Lisa Batiashvili ihre dezente, elegische Melodie über den Orchesterklang legte. Die prickelnde Spannung und lyrische Anziehungskraft, die die Münchner Philharmoniker unter der Leitung von Alan Gilbert mit ihrer Solistin bereits mit den ersten wenigen Takten erreichten, schien förmlich greifbar zu sein und wurde auch in den nachfolgenden Sätzen nicht geringer.

Lisa Batiashvili © Sammy Hart | Deutsche Grammophon
Lisa Batiashvili
© Sammy Hart | Deutsche Grammophon

Die Georgierin Batiashvili gehört sicherlich zur ersten Garde auf ihrem Instrument und das liegt nicht nur an ihrer virtuosen Brillanz. Das nordisch kühle Violinkonzert ging sie mit einem entwaffnend puristischen und klaren Ton an, der in seiner technischen Reinheit seines Gleichen suchte. Nicht nur die messerscharfe Intonation, sondern auch die zurückhaltende, nicht aufdringliche Ausdruckskraft in Batiashvilis Spiel schien die betörende Melancholie des Konzerts geradezu zu beschwören. Selbst dem virtuos temperamentvollen dritten Satz, den Sibelius selbst als Danse Macabre bezeichnete, verlieh sie eine gewisse Noblesse ohne dabei den tänzerischen Charakter zu übergehen. Dennoch beließ es Batiashvili nicht nur bei einem schönen Klang, vielmehr durchdrang sie die lyrische Erzählkraft des Konzerts und offenbarte die Emotionalität der Partitur.

Die Münchner Philharmoniker bewiesen sich als starke Begleiter, die angehalten von Alan Gilbert, Batiashvili die größtmögliche Freiheit ließen. Das dichte Klangbild, das Sibelius vor allem durch die Streicher erzeugt, die vorwiegend in den mittleren Lagen unterwegs sind, präsentierten die Philharmoniker zwar sehr kompakt, allerdings nicht ohne klare Struktur. Herrlich spröde klangen einerseits die Holzbläser zu Beginn des zweiten Satzes, andererseits entwickelten die Philharmoniker auch die expressiven, drängenden Linien zu blühenden Klangfarben.

Elgars Erste Symphonie entstand nur wenige Jahre nach der Uraufführung von Jean Sibelius' Violinkonzert 1903 und steht der skandinavischen, puristischen Klangwelt kaum nahe. Das Werk war gleichzeitig ein Meilenstein für die englische Musikgeschichte, die fast 200 Jahre auf einen Komponisten von Weltrang warten musste. Endlich, feierte die Presse, hatte England eine Symphonie, die neben den großen deutschen Symphonien nicht in Unbedeutsamkeit versank. Die ausladenden Klangvolumen, der royale Duktus und die wagnerhaften Momente verband Elgar zu einem Stil, der uns heute als „truly british“ erscheint. Alan Gilbert, wohl informiert über die schwierigen akustischen Verhältnisse der Philharmonie, postierte die Philharmoniker so kompakt wie möglich am hinteren Ende der Bühne und dies zahlte sich im Hinblick auf das klangliche Ergebnis aus. Das ausgedehnte feierliche Thema des Kopfsatzes, das im Verlauf der Symphonie immer wieder in Erscheinung tritt, gestalteten die Philharmoniker mit zurückhaltender Transparenz und entwickelten es schließlich sehr geschmackvoll zum triumphalen Höhepunkt.

Gilbert setzte allerdings auch durchaus auf wuchtigen großen Klang, der im Marschmotiv des Allegro Moltos packenden und luftigen Schwung erhielt, an anderen Stellen allerdings neigten die Philharmoniker dazu, mit ihrem Klang etwas zu dick aufzutragen. Die starken Akzente setzte Gilbert sowieso auf die melodischen, hymnischen Momente der Symphonie, die sicherlich mehr zu deren Popularität beigetragen haben. Die großangelegten, weiträumigen Entwicklungen des ersten oder dritten Satzes ließ Gilbert in blühenden Klangfarben schwelgen oder in inniger Nachdenklichkeit entstehen. Für ihn war der ganze oberflächliche Pomp der Symphonie nur der Schlüssel für die darunter versteckten Konflikte, die sich in der Unmenge an musikalischen Details finden ließen. Dennoch wirkte die Interpretation im Ganzen schlüssig und Gilbert verlor dabei nie den dramatischen Bogen. Die Schlussapotheose, eine übertrumpfende Wiederkehr des Eingangsthemas, gestalteten die Münchner Philharmoniker als erhebende Klangdemonstration, die wirklich den letzten Besucher überzeugen musste.