Der dritte Tag von Richard Wagners Tetralogie an der Staatsoper ist gleichzeitig der erste Tag der inoffiziellen „Wiener Schwedenfestspiele“, denn Siegfried, Brünnhilde und der Wanderer sind mit Sängern aus dem Land besetzt, wo die großen Stimmen wachsen.

Jörg Schneider (Mime)
© Wiener Staatsoper GmbH | Michael Pöhn

Mit Michael Weinius ist in dieser Saison ein neuer Siegfried zu hören, der – fast schon ein Klassiker – über eine Zwischenstation im Bariton-Fach zu den Heldentenören gewechselt hat. Die Stimme ist groß und dazu überraschend beweglich, was insbesondere im Gezänk mit Mime gut ankommt. Zusammen mit dem hervorragenden Jörg Schneider als Siegfrieds ebenso ungeliebter wie nicht-liebender Ziehvater bildet er ein tolles Team. Weitere Stärken sind Witz und Spielfreude, denn Gelegenheiten wie die Misstöne auf der selbstgeschnitzten Flöte (beim Schnitzen fliegen tatsächlich die Späne) kostet er ebenso aus wie den gelungenen Hornruf (tadellos: Manuel Huber), zu dem er ein paar Disco-Hüftwackler zeigt, und seinen Opa Wotan packt er keck an der Kapuze. Das tut der düsteren Männerwelt von Siegfried gut, denn Richard Wagner hat sie nicht so bierernst geschrieben, wie sie oft gebracht wird.

Michael Weinius (Siegfried)
© Wiener Staatsoper GmbH | Michael Pöhn

Was man sich von Weinius noch wünschen würde, sind mehr Schmelz und Legato im dritten Aufzug, aber das sagt sich natürlich leicht. Siegfried ist nicht zu Unrecht als Mörderpartie verschrien und wenn man die Kräfte schwinden spürt, köchelt man den Einstieg in den dritten Aufzug wahrscheinlich lieber auf Sparflamme, um dann der ausgeschlafenen Brünnhilde ein ebenbürtiger Partner zu sein. Wenn man da die die große Nina Stemme vor sich hat, gilt das umso mehr, zumal sie mit dieser Ring-Serie von Brünnhilde Abschied nimmt, auch wenn man das als Publikum nicht glauben möchte. Diese Entscheidung verdient höchsten Respekt, denn sie ist noch im Vollbesitz ihrer Fähigkeiten und mag offenbar – anders als manche „Bühnenkleber“ – nicht warten, bis mehr Wollen als Können zu hören ist. „Heil Dir, Sonne! Heil Dir Licht“ war tatsächlich göttlich, man möchte ihr das auch für die weitere Karriere abseits der Brünnhilde zurufen.

John Lundgren (Der Wanderer)
© Wiener Staatsoper GmbH | Klaus Titzer

Der dritte Schwede neben Weinius und Stemme war John Lundgren als Wanderer. Er musste zuletzt einige (unfaire) Unmutsbekundungen des Publikums aushalten, umso größer daher offensichtlich die Freude und Erleichterung für seine Leistung ebenso wie die übrigen Solisten des Abends ausgiebig bejubelt zu werden. Diesmal passte alles, wobei die Konfrontation mit Alberich im zweiten Aufzug, die sonst nicht unbedingt zu den Höhepunkten des Werks zählt, zu einem Kammerspiel wurde, in dem Lundgren Überlegenheit und Gönnerhaftigkeit ebenso wie Resignation vermittelte. Als Alberich bot ihm Jochen Schmeckenbecher – nach stimmlich eher verhaltenem Beginn – zunehmend Paroli. Erda war wie im Rheingold mit Noa Beinart besetzt, und ihr gelang es trotz ihres fürs Wagnerfach jugendlichen Alters, die weise Urmutter stimmlich wie darstellerisch überzeugend darzustellen – ihre Szene mit dem Wanderer war ein weiterer Höhepunkt des Abends.

Fafner war mit Dmitry Belosselskiy adäquat besetzt, denn den gedehnten Ton des trägen Wurms traf er perfekt. Bei dieser Gelegenheit wurde man wieder daran erinnert, dass Siegfried ein Märchen mit märchenhaften Elementen ist, wozu auch die Stimme des Waldvogels gehört. Allerdings hat man dessen Ratschläge an Siegfried schon heller und lieblicher als von Joanna Kędzior gehört.

Michael Weinius (Siegfried) und Nina Stemme (Brünnhilde)
© Wiener Staatsoper GmbH | Michael Pöhn

An das Dirigat von Axel Kober hatte man nach der fulminanten Walküre hohe Erwartungen, doch fiel es um einiges kantiger und lauter als erwartet aus, auch wenn die Männerwirtschaft in Siegfried den Kontrapunkt zum Emotionalen, Weiblich-Runden der Walküre bildet und bilden soll. Die kapellmeisterisch herausfordernden Geplänkel und Auseinandersetzungen funktionierten zwar tadellos, und die leisen Stellen – etwa der Beginn der Walkürenfelsen-Szene mit den Unisono-Violinen – waren eine Freude. Zwischendurch gab es jedoch Luft nach oben, klang manches gröber als gewohnt, etwa das Vorspiel zum dritten Aufzug, auch wenn das durch viele solistische Glanzleistungen teilweise wettgemacht wurde. Ganz allgemein war der Ton aber eher ruppig, obwohl kein Geringerer als Christian Thielemann die Musik einmal gar als „operettig“ beschrieben hat. Das klingt nicht unbedingt nach einer offensichtlichen Wahrheit, aber an einem Abend, wo eben die „operettenhafte“ Leichtigkeit fehlt und der bereits erwähnte Bierernst waltet, versteht man dieses Diktum. Das ist wohl nicht nur bei Kober so, womit man auch gleich eine (von vielen) Erklärungen dafür hat, warum Siegfried seinen Rang als beliebteste Ring-Oper im Laufe der Zeit an die Walküre abtreten musste. In diesem Sinn: Mehr Operette in Siegfried, bitte!

Mit der Inszenierung von Sven-Erich Bechtolf (Mimes Schmiede mit den vielen steinernen Werkbänken, die ausgestopften Wildtiere an den Betonwänden im zweiten Aufzug…) könnte ich persönlich noch länger leben, aber mein Geduldsfaden bezüglich der anderen Tetralogie-Teile ist bereits gerissen wie der Schicksalsfaden der Nornen in der Götterdämmerung. Trotzdem herrscht nach den diesjährigen Ring-Erlebnissen schon große Vorfreude darauf.

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