Ein bisschen verloren kam man sich vor in der spärlich besetzten Philharmonie im Münchner Gasteig, als die Tschechischen Symphoniker Prag unter der Leitung von Petr Chromčák die Bühne betraten. Am Programm konnte es eigentlich nicht gelegen haben, denn mit Werken von Smetana, Tschaikowsky und Dvořák, hatten die Prager die großen Meister der slawischen Romantik im Gepäck. Konnte dies bereits als Vorwarnung für die Qualität des Abends gewertet werden? Im Nachhinein muss man es so sehen, denn der Abend wird sicherlich in musikalischer Hinsicht nicht in Erinnerung bleiben.

Philharmonie am Gasteig © Gasteig München GmbH | Matthias Schönhofer
Philharmonie am Gasteig
© Gasteig München GmbH | Matthias Schönhofer

Den Auftakt des Programms bildeten zwei symphonische Dichtungen aus dem sechsteiligen Zyklus Mein Vaterland. Die Symphoniker interpretierten sowohl die berühmte musikalische Beschreibung der Moldau als auch die weniger bekannte aber programmatisch mindestens ebenso aussagestarke Komposition Aus Böhmens Hain und Flur. Während die Moldau etwas schwerfällig dahinfloss und allzu holzschnittartig Dynamikschattierungen durch die Philharmonie schwappten, fehlte es auch den Landschaftsbeschreibungen aus Böhmens Hain und Flur zu sehr an orchestraler Farbkraft und Ausdrucksstärke. Pastorale Holzbläser, erdige Streicher, die das programmatische Volksfest-Treiben beschreiben sollten, suchte man vergebens, dazu führte Chromčák die Symphoniker viel zu kleinteilig.

Mit der nachfolgenden Interpretation der Fantasieouvertüre zu Romeo und Julia von Petr Tschaikowsky taten sich die Tschechischen Symphoniker ebenfalls keinen Gefallen. Das Produkt bot nur einen Schatten dessen, was die Partitur an musikalischer Dramatik und Konflikten anzubieten hat. Wenn das Liebesthema strahlen müsste, klangen die Symphoniker dumpf und unschlüssig, während die dramatischen Kampfszenen der Ouvertüre im Gasteig kaum Durchschlagskraft entwickeln konnten. Einige grobe handwerkliche Fehler wie Streicherintonation oder Klangbalance taten schließlich das Übrige zum Gesamteindruck. Und so schaffte es Chromčák nicht, der Musik die dramaturgischen Bögen und den Spannungsaufbau abzuringen, die die Ouvertüre bieten könnte.

Die zweite Hälfe des Programms bestritten die Tschechischen Symphoniker Prag mit Dvořáks Neunter Symphonie „Aus der neuen Welt“. Hier zeigten sich das Orchester und Chromčák konzentrierter. Vor allem mit dem kompakten Klang der Blechbläser konnten die Symphoniker punkten und wirkten überhaupt im klanglichen Gesamtbild kontinuierlicher. Die interpretatorische Gestaltung der Symphonie aber war ebenfalls nicht über jeden Zweifel erhaben. Warum Chromčák so zügig durch das Largo marschierte und das Solo des Englischhorns dadurch vollkommen einschnürte, war nicht verständlich. Das anschließende Scherzo im Gegensatz dazu hätte durchaus etwas von dem übereilten Tempo des Largos vertragen können. Das Finale der Symphonie gelang den Symphonikern schließlich am ansprechendsten, jedoch wirkten hier die extremen dynamischen Variationen, die Chromčák nun vom Orchester forderte, ziemlich hölzern, besonders verglichen mit den vorangegangenen Sätzen, in denen er kaum auf kontrastierende Dynamiken gesetzt hatte. Die Symphonie verklang schließlich mit den langen Bläserakkorden, die sich, wie die Partitur verlangt, ins Pianissimo verlieren. Das hatte schließlich schon fast eine sinnbildliche Ironie für das gesamte Konzert.

Ob es an zu geringer Probenzeit lag? Der Eindruck ließ einen nicht los. Zu häufig justierte Chromčák die Dynamik beim Schlagwerk oder den Violinen nach, zu häufig wirkten die Symphoniker, die sich als Projektorchester aus Musikern aus ganz Tschechien zusammensetzten, zu wenig ausbalanciert.

Als Zugabe spielten die Tschechischen Symphoniker schließlich den Siebten Slawischen Tanz von Dvořák, der launisch tänzelte und etwas versöhnlich stimmte.

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