Es war ein turbulenter Donnerstag in Berlin: Aber das Publikum der Staatskapelle ließ sich jedoch vom Sturmtief „Xavier“ nicht beirren – trotz nahezu kompletter Einstellung des Nah- und Fernverkehrs am frühen Abend war der große Saal der Berliner Philharmonie gut besucht. Auch die Orchestermusiker und Dirigent Daniel Barenboim hatten es pünktlich zum Konzert geschafft; das Programm mit Werken von Widmann, Schumann und Debussy konnte mit nur 10-minütiger Verspätung beginnen.

Daniel Barenboim © Monika Rittershaus
Daniel Barenboim
© Monika Rittershaus

Als stürmisch ließe sich auch das erste Stück des Abends bezeichnen, zumindest in solchen Momenten, in denen sich das Zweite Labyrinth von Jörg Widmann mit all seinem Knarren, Poltern und Scheppern zu einem perkussiven Orkan entfesselt. Widmann hat das Werk eigentlich als Raumkomposition konzipiert; an diesem Abend befanden sich die Musiker der Staatskapelle jedoch alle auf der Bühne. Leider, denn gerade in solch einem Konzertsaal wie der Philharmonie hätte das Werk durch eine Verteilung der Musiker im Raum seine einzigartige Klangwirkung noch besser entfalten können.

Den Raum in die klangliche Struktur des Zweiten Labyrinths miteinzubeziehen erscheint auch deshalb sinnvoll, weil es wahrlich kein anspruchsloses Werk für das Publikum ist: Kaum meint man, eines der eingangs vorgestellten Motive, wie z.B. den tiefen Holzbläser-Tritonus, wiederzuerkennen, werden neue Elemente eingeführt und in sich geschachtelt. So lässt Widmann den Zuhörer letztlich in musikalischer Verwirrung und Orientierungslosigkeit zurück – wie in einem klassischen Labyrinth also. Ein klangliches Erlebnis war das Zweite Labyrinth dennoch, vor allem deshalb, weil das Orchester die Vielfalt des Stückes kontrastreich und mit hoher Präzision auslotete. Verspielt tänzelnde Piccoloflöten, kratzende Saiteninstrumente, leise Atemgeräusche aus den Tiefen des Orchesters: Die Staatskapelle führte die Zuhörer mit viel Spielfreude in Widmanns musikalischen Irrgarten.

Maurizio Pollini © Mathias Bothor
Maurizio Pollini
© Mathias Bothor
Ein Sturm der Emotionen war das dann folgende Klavierkonzert in a-Moll von Robert Schumann. Mit einem großen Orchesterschlag beginnt dieses einzige vollendete Klavierkonzert des Komponisten, bevor nach einer kurzen Klaviersequenz das Hauptthema des Werkes vorgestellt wird. In wunderbar lieblicher Vollendung trug der Solo-Oboist der Staatskapelle das wohl romantischste Motiv des Abends vor: Die Tonfolge C–H–A–A kann als Kryptogramm für „Chiara“, die italienische Version des Vornamens von Schumanns Ehefrau Clara, gedeutet werden. Das Motiv ist jedoch nicht nur eine Liebeserklärung des Komponisten an seine Gattin. Durch sein stetiges Wiederkehren im Laufe des Werkes dient es Schumann auch dazu, eben jenen „roten Faden“ hörbar werden zu lassen, den man man als Zuhörer bei Widmann zuvor vergeblich gesucht hatte.

Zart aber bestimmt übernahm Pianist Maurizio Pollini das wunderbare Chiara-Thema dann von der Oboe, und spätestens hier wurde klar: Das Zusammenspiel zwischen Orchester und Pianist funktionierte hervorragend. Barenboim und seine Staatskapelle schwelgten genießerisch in Schumanns Romantik und boten dem Spiel von Altmeister Pollini damit ein federweiches Klangbett. Lediglich bei den sehr schnellen Läufen spielte Pollini gelegentlich zu ungenau über Details hinweg und verlor so für einige Momente den agogischen Bezug zum Orchester; das Gefühl aber stimmte in jeder Sekunde.

Das letzte Werk des Abends nach der Pause waren dann Claude Debussys vielfältig klingende Images pour Orchestre. Debussy schuf mit seinen flirrenden Orchesterbildern eine kompositorische Hommage an Europa: Die spukhafte „Gigues“ entführt den Zuhörer an einen verwunschenen Ort in England, das diabolisch tanzende „Rondes de printemps“ hat Anleihen an Frankreich und Italien und das heißblütige „Ibéria“ vertont mit Kastagnetten und Tambourin die Sehnsucht des Komponisten nach dem bunten Treiben Spaniens.

Es war ein dramaturgisch kluger Schachzug, die Images pour Orchestre an den Schluss des Konzerts zu stellen. Mit all seiner facettenreichen Klangvielfalt und den zahlreichen solistischen Passagen bot das Werk Barenboim und seiner Staatskapelle eine hervorragende Möglichkeit, ihr großartiges Können noch einmal in vollem Umfang zu präsentieren. Herrlich, wie die Solo-Oboe d'amore und die Flöte die verwunschene Melodie der „Gigues“ intonierten, aber auch im Zusammenklang gelang es der Staatskapelle, die entrückenden Klänge der Images pour Orchestre eindrücklich und temperamentvoll zu transportieren. Dem einen oder anderen Zuhörer mögen bei so viel orchestraler Feinfühligkeit vermutlich die Bilder vor Augen erschienen sein, die Debussy zur Komposition des Werkes inspiriert haben.

Der Tag endete also mit einem Konzertabend, bei dem eine hervorragend aufspielende Staatskapelle die Zuhörer in verschiedenste musikalische Welten entführte und sie, so hofft man zumindest, durch ihre klanglichen Stürme die Strapazen des Unwetters vergessen ließ.