Viel Ungewöhnliches passierte auf einmal während der Aufführung von Karlheinz Stockhausens Originalen. Trat man in den Aufführungsraum, waren bereits alle Darsteller auf dem Podium und begannen mit einer Art Ritual, bei dem ein Kind einem Mädchen mit angezündeten Räucherstäbchen folgte und von Person zu Person lief. Eine Dame und ein Herr hatten ihre Mobiltelefone in einen Vogelkäfig hineingelegt. Plötzlich waren deren Klingeltöne zu vernehmen, darüber äußerten die beiden obendrein lautstark ihren Ärger, ohne die Handys irgendwann auszuschalten. Man konnte im Wesentlichen nicht erfassen, was einem alles vor Augen kam.

Miloš Kozoň (Straßenmusiker) © Vincent Stefan
Miloš Kozoň (Straßenmusiker)
© Vincent Stefan

Das Unlogische des Aufführungsverlaufs führte weiter in Verwirrung. Jedes musikalische sowie theatralische Ereignis stand sich scheinbar kontextlos gegenüber; das Einstudieren der Partitur – darin befand sich kein übliches Notensystem, sondern nur Zeitangaben und Regieanweisungen – war diesmal kaum von Bedeutung. Dies erinnerte an Darbietung des zeitgenössischen Fluxus, einem künstlerischen Phänomen aus den 1960er Jahren, und man könnte sagen, dass dieser Abend des Festivals anhand des Mottos „Fluxus reloaded“ konzipiert wurde.

Karlheinz Stockhausen erstellte die Bühnenrollen für sein erstes Musiktheater mit einigen Auffälligkeiten: Sein Musiktheater, welches ursprünglich von der Gattung Oper ausging, entwickelte sich weit von der Vertonung dramatischer Dichtung weg, nämlich von der Vorstellung gesanglicher Konvention. Eine übliche Rollenverteilung für Sänger gab es keine Die Dramatis Personae waren auf Stockhausens Freunde zurückzuführen, und der Komponist brachte reale Schöpfungsakte mit damals lebenden Künstlern, einschließlich der Schauspieler, auf die Bühne der Originale.

Die Authentizität der Rollen stand hierbei nicht in Frage, denn der Fokus lag klar auf dem „Reloaden“ des Stückes. Wo bei der Uraufführung Stockhausen selbst die Rolle als Dirigent einnahm, David Tudor die Rolle als Pianist, Mary Bauermeister die Rolle als Aktionsmalerin und Nam Jun Paik als Aktionsmusiker, wurden die Bühnenrollen für die Berliner Produktion umgestellt. Anstatt der Rolle des Zeitungsverkäufers trat zum Beispiel ein Roboter auf, der von Jan Bernoth und Niklas Rughöft gesteuert wurde. Mit dieser Rollenbesetzung wurden auch alltägliche Berliner Szenen reflektiert: Der Drehorgelspieler Miloš Kozon beispielsweise stellte einen Straßenmusiker vom Pariser Platz dar, wodurch sich die Lokalisierung des Aufführungsorts Berlin unter der Regie von Georg Schütky deutlich verstärkte.

Ni Fan (Schlagzeugerin) © Vincent Stefan
Ni Fan (Schlagzeugerin)
© Vincent Stefan

In der Rolle von Aktionsmusikern trat die politisch aktive Musikgruppe Antinational Embassy auf. Sie sangen und rappten in Begleitung einer Ukulele-Gitarre – eine Konstellation, die man selten an der Staatsoper erlebt. Im Vergleich zur radikalen und irren Aktionsdarstellung Nam Jun Paiks bei der Kölner Aufführung – er tauchte seinen Kopf in schwarze Tinte und malte damit eine Kalligraphie – gestaltete Antinational Embassy doch eine gemäßigt provokante Aktion.

Direkt nach den Mischungen des Tontechnikers Sébastien Alazet und des Dirigenten Max Renne, die die verschiedenen Vortrags- sowie Musikaufnahmen von Stockhausen als Klangmaterial benutzten, vernahm man einen lauten Schrei der beiden, gefolgt von ungefähr zwei Minuten lang andauernde Stille. Dies hatten einige Zuhörer missverstanden, dachten an das Ende der Vorstellung und klatschten Beifall. Einerseits ergab diese „Mitwirkung“ des Publikums bei der Performance einen Happening-Effekt, andererseits verlor man jedoch einen stillen, meditativen Moment. Danach kühlte die bisher entwickelte gespannte Stimmung kurz ab, um sich erneut bis zum Finale aufzubauen, und Dank der sorgfältigen und präzisen Leistung von Alazet konnte die Aufführung einwandfrei zu Ende geführt werden. Dabei darf man die musikalischen Beiträge vom Pianisten Adrian Heger und der Perkussionistin Ni Fan nicht vergessen, die mit Alazet Stockhausens Kontakte als Begleitmusik dieses Theaterstückes darboten, und deren starke klangliche Präsenz die auditive Wahrnehmung stets anregte und den Hörer aufmerksamer lauschen ließ.

Ein kleines Extra für Stockhausen-Kenner trug auch die Rollenbesetzung von Max Renne als Dirigent und sein Sohn als Kind bei und erinnerte daran, dass Stockhausen selbst mit seinem Sohn Markus zusammen auftrat. Dieser Rückgriff auf Stockhausens vergangene Fluxus-Vision und dem Neuentwurf einer gegenwärtigen Fluxus-Konzeption führte zu einem (gewollten) Chaos in der Performance, deren scheinbare Unkontrolliertheit den Zuhörer immer wieder in Erstaunen versetzte. Die Aufführung schien zu früh zu ihrem Ende zu kommen, man war kaum in der Lage, diese schiere Masse an Eindrücken, die die Berliner Produktion von Originale bot, zu fassen.