Etwas nervös wirkte Sopranistin Sarah Wegener, die kurzfristig für die erkrankte Diana Damrau einsprang und sich einigen ausgewählten Orchesterliedern Richard Strauss‘ widmete. Dabei war bereits nach den ersten Tönen klar, dass das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter der Leitung ihres Chefdirigenten Mariss Jansons einen mehr als adäquaten Ersatz für ihr Konzert im Münchner Herkulessaal gefunden hatten.

Sarah Wegener © Marvin Stellmach
Sarah Wegener
© Marvin Stellmach

Die verschiedenen Lieder, die alle von der Liebe erzählen, kleidete Wegener mit genau überlegter Dramaturgie aus, witzelte per Augenkontakt beim Ständchen, Op.17 Nr.2 mit dem Publikum („Um keinen vom Schlummer zu wecken“) und schwelgte im Wiegenlied, Op.41 Nr.1 in den großen lyrischen Melodielinien. Mit klarem Stimmkern trug Wegeners Stimme den Klang bis in die Höhen angenehm rund und blieb auch im feinen Piano sehr präsent. Zentrum der Interpretation war dabei eindeutig die Musik, die Wegener mit wunderbarem Ausdruck und ohne jegliche Starallüren präsentierte. Sehr umsichtig agierte Jansons, der die Symphoniker nicht zu voluminös auftreten ließ und auf geradezu magische Weise die feingliedrigen Details der Partituren in glaskristallenen Klang umsetzte. Allerseelen, Op.10 Nr.8 und Morgen, Op.27 Nr.4 wirkten so bis zum Grunde transparent und herrlich klangschlank. Als Zugabe gab es mit Zuneigung, Op.10 Nr.1 ein weiteres Strauss-Lied.

Deutlich handfester hatte das Programm mit der Walzerseeligkeit der Vier symphonischen Zwischenspiele aus der Oper Intermezzo begonnen. Entlang der symphonischen Zwischenspiele entwickelte Richard Strauss eine Oper, die wohl auch auf eigene Ehe-Erfahrungen anspielt. Bei Jansons wurden die Intermezzi zu klangkräftigen Bildern einer Ehe mit symphonischem Anspruch, bei denen sich Chefdirigent uns Orchester vielleicht passagenweise etwas zu sehr auf den gemeinsamen Erfahrungen ausruhten. Dennoch zeigte sich das BRSO sehr farbenreich und zeichnete sich besonders im kammermusikalischen dritten Zwischenspiel Am Spieltisch durch seine Pizzicato-Raffinesse aus.

Nach der Pause stand die strenge Vierte Symphonie von Johannes Brahms auf dem Programm, die Jansons allerdings keinesfalls als kontrastierendes Klangideal inszenierte. Ganz intuitiv entwickelte Jansons einen Leidenschafts-Brahms, der zwar wohl durchdacht allerdings nicht verkopft war. In großen Linien zeichnete er das dichte motivische Netz mit tiefenscharfer Transparenz und dramatischer Intensität. Die Expressivität, die Jansons und die BR-Symphoniker mit ihrer Interpretation erreichten, ließ sich bereits im Hauptthema des Kopfsatzes ablesen, das grimmig-tragisch durch die Streicher lief. Umso stürmischer kontrastierte Jansons das Geschehen mit dem Seitenthema und inszenierte den Satz als intensives Wechselspiel der Themen und Motive unter Hochspannung. Auch in den folgenden Sätzen ließen die Symphoniker in ihrer Spannung nicht nach und unterstrichen im leichtfüßigen Scherzo, dass in dieser Symphonie so viel mehr steckt als die der Tradition verpflichtete Formstrenge. Die Themenvariationen des Finals ^ einer barocken Form einer Chaconne folgend – eröffnete Jansons mit einem düsteren Bläserchoral und führte sie mit ebengleicher dramatischer Qualität zum Abschluss. Das war zwingend und in keiner Sekunde pomadig.

Nach dem Finale gab es von Jansons zwei Daumen nach oben und sichtliche Erleichterung. Nach der Zwangserholung im Sommer meldete sich der Chef der BR-Symphoniker wieder beeindruckend am Pult seines Orchesters zurück.

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