Nach zwei Verschiebungen klappte es nun endlich mit dem Liederabend von Elīna Garanča im Musikverein Graz; den letztjährigen Corona-Vorschriften geschuldet wurde es gar ein Liederabend im Doppelpack. Zweimal an einem Abend wurde das etwa 75-minütige, pausenlose Programm gespielt. Das Publikum schien an diesem ersten Termin des Abends allerdings sämtliche Liederabend-Etiquette vergessen zu haben: So wurde während der Vorstellung immer wieder ungeniert fotografiert und permanent zwischen den Liedern geklatscht. Die Versuche von Garanča und Martineau, das Publikum charmant (mit beinahe fließend ineinander übergehenden Liedern) zu überlisten, führten ebenso wenig zum Erfolg, wie einige Versuche von Konzertbesuchern, ihre eifrig klatschenden Nachbarn niederzuzischen, und so ergaben sich die beiden Künstler schließlich auch zwischen den Liedern der Begeisterung des Publikums.

Malcolm Martineau und Elīna Garanča
© Michael Nemeth

Bei den sieben – aus unterschiedlichen Zyklen zusammengestellten – Liedern von Strauss konnte Garanča gleich alle Stärken ihrer Stimme ausspielen. Ihr Mezzosopran ist in allen Lagen von berückender Schönheit; die samtige Tiefe, die karamellige Mittelage und die leuchtende Höhe gehen bruchlos ineinander über und die technische Kontrolle, mit der die Stimme geführt wird, ist nichts weniger als beeindruckend. Mit schier endlosen Bögen bestach etwa das Wiegenlied und das Morendo auf dem letzten „O Glück!” in Befreit war so zart ersterbend, dass man sich kaum zu atmen traute, um den Moment nicht zu zerstören. Aber nicht nur die technische Finesse sorgte für Hochgenuss, auch die Interpretation der vertonten Gedichte bot viel Tiefgang – so gestaltete Garanča Zueignung als Moment inniger Kontemplation und verlieh Heimliche Aufforderung glaubhaft ungeduldiges Drängen und Sehnen. Selten in Programmen von Liederabenden zu finden sind die Seis canciones castellanas von Jesús Guridi. In diesem Liederzyklus werden Elemente der spanischen Folklore aufgegriffen und so hielten die Sonne und das Temperament Kastiliens im Grazer Stefaniensaal feurigen Einzug. Die mannigfaltigen Emotionen und Stimmungen – von beklemmend angsterfüllt im Lied ¡Sereno! bis hin zu tiefer Melancholie bei No quiero tus avellanas – drückte Garanča mit einer breiten Palette an Klangfarben aus, sodass selbst ohne Spanischkenntnisse oder Übersetzung im Programmheft stets völlig klar war, wie es dem lyrischen Ich der Gedichte ergeht. Den dritten thematischen Block des Abends bildeten Lieder von Rachmaninov und auch hier sorgten – neben der Schönheit des Klanges und der technischen Perfektion – die deutliche Artikulation, der durchdachte Umgang mit dem Text und dadurch das Erzählen der Geschichten für einen idealen Gesamteindruck. Herzergreifend gestaltete Garanča das kurze Lied Traum, verklanglichte in Morgen den wärmenden Optimismus der Morgenröte und ließ mit den abschließenden Frühlingsfluten selbst an einem kühlen und trüben Herbstabend ein Blumenmeer vor dem inneren Auge entstehen.

Als Begleiter hielt sich Malcolm Martineau den Abend über vornehm im Hintergrund, sein Spiel bettete die Stimme auf sanfte Schwingen, komplementierte deren Klangfarben und bestach mit virtuoser Eleganz. In seinen zwei Solostücken wurde dem Pianisten schließlich das alleinige Scheinwerferlicht zuteil und er bezauberte das Publikum sogleich mit einem kecken Tango D-Dur von Isaac Albéniz und Debussys Claire de lune, bei dem der Klang so silbrig schimmerte, wie der Vollmond in einer verschneiten Nacht. Mit zwei Zugaben – dem träumerisch gestalteten Sie antworteten  von Rachmaninow und dem bezaubernden Wiegenlied Nana von Manuel De Falla – endete das erste Konzert des Abends; die Versuchung, sich das Programm etwa eineinhalb Stunden später gleich nochmals anzuhören, war durchaus groß.

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