In den letzten 25 Jahren mussten die Niederländer einen regelrechten Kahlschlag in ihrer Orchesterlandschaft hinnehmen. Es wurden nicht nur mehr als 60% der Kulturorchester aufgelöst, es ging auch ein kostbarer Schatz an individueller Erfahrung und niederländischer Musikkultur verloren, wodurch bei der berühmten Reihe an Samstagmittagskonzerten im Concertgebouw Amsterdam nun regelmäßig Ensembles eingeflogen werden – bis 2013 war es noch möglich, eines der bestehenden Radioorchester zu erleben. Diesen Samstag war dies die überzeugend spielende Britten Sinfonia aus London unter der Leitung von Thomas Adès.

Thomas Adès © Brian Voce
Thomas Adès
© Brian Voce

Die erste Hälfte ihres Konzertes bestand aus diversen Bearbeitungen. Wie schon Ravel 1908 Ma mère l'oye für vier Händen schrieb und später für Orchester bearbeitete, so hatte auch Strawinsky 1915 drei und 1917 fünf solcher Kleinode geschrieben. In den zwanziger Jahren hatte er dann alle acht dieser kurzen Kompositionen für kleines Orchester bearbeitet. Der Walzer aus der Zweiten Suite ist Erik Satie gewidmet und auch das Andante aus der Ersten ist dessen Stil deutlich nachempfunden. Hier entfalteten die britischen Streicher einen angenehm sanften Klang; in der folgenden Napolitana standen ihnen die Holzbläser jedoch in nichts nach. Die Española spannte den Bogen dieser Miniaturen für ungeübte Ohren weiter, und die Balalaika, offenbar Strawinskys Lieblingsstück, rief harmonisch Erinnerungen wach an dieses ur-russische Instrument mit seinen drei Saiten und dem dreieckigen Korpus. Strawinsky änderte für die Orchesterversion die Reihenfolge der Stücke und setzte Balalaika als an Russland erinnerndes Stück ans Ende, vielleicht mit der Vorahnung, dass er seine Heimat erst 1962 wiedersehen sollte. Der Marsch, Eröffnungsstück der Zweiten Suite, war dem Turiner Komponisten Alfredo Cassela gewidmet und dort kamen Schlagzeug und Klavier zu Worte. Im abschließenden Galop gelangen aufgrund des rasenden Tempos nicht alle Einsätze, dies tat der Stimmung der beschwingten Zirkusmusik aber keinen Abbruch.

Thomas Adès hatte für seine mittlerweile langjährige Zusammenarbeit mit der Britten Sinfonietta zwei eigene Stücke mitgebracht. In Three studies from Couperin hatte er Cembalokompositionen des französischen Komponisten François Couperin auf ganz eigene Weise für ein vielköpfiges Orchester umgeschrieben. Bei Adès‘ kunstvoller Instrumentierung von Les amusements fiel neben dem warmen Holzbläserklang vor allem die fast durchgängig spielende Marimba auf. Les tours de passe-passe wurde durch den Einsatz von Schlagzeug und rasch wechselnden Akzenten von Streichern und Bläsern von einer beschaulichen Komposition für Cembalo mit Lautenzug in eine modernen Komposition umgezaubert. Hier war die Handschrift und der Gestaltungswille des englischen Komponisten am deutlichsten zu spüren. L‘âme en peine folgte dem Bearbeitungsprinzip des ersten Satzes und ließ die entspannende Atmosphäre höfischer Musik wieder zurückkehren. Auf diese Weise bearbeitet gäbe es noch einen Schatz an wenig gehörten Kleinoden für den Konzertsaal zu erschließen.

Auch Lieux retrouvés, war in der Bearbeitung für Orchester (2016) zum ersten Mal in den Niederlanden zu hören. Für Steven Isserlis, Kammermusikpartner von Adès, war auch die ursprünglich 2009 für Cello und Klavier komponierte Version geschrieben. Er begann die ersten beiden Sätze allein und mit bezauberndem Ton. Die Orchestrierung war Adès vor allem im zweiten Satz La montagne vielleicht etwas zu groß geraten, da der Solist in den Tuttipassagen oft unterging, dafür kam Isserlis im langsamen Satz Les champs mit wunderbar warmem Klang zum Tragen. Der Satz schließt feierlich in den höchsten Regionen, nur noch begleitet durch ein Glockenspiel. La ville beendete als Cancan macabre ein Cellokonzert mit besonderem Schwierigkeitsgrad, welches trotz seiner theatralischen Elemente und dem hervorragenden Einsatz aller Beteiligten keine Flügel bekommen wollte.

Das nach der Pause folgende Klavierkonzert (2012) des irischen Komponisten Gerald Berry entzog sich jeglicher gebräuchlichen Kategorisierung. Das einsätzige Werk war vor allem – und immer wieder – sehr überraschend. Erst gebrauchte der Pianist Nicolas Hodges seine Ellenbogen, dann spielte er Terztonleitern die Tastatur herauf und herunter, welche später vom Orchester wiederholt wurden. Vieles wirkte wie Spaßmusik, die aus vielen unterschiedlichen Fragmenten bestand, von denen viele wie Zitate klangen. Die vollbesetzten Blechbläser hatten während des gesamten Klavierkonzertes brilliante Momente; hier stachen Trompeten und Posaunen mit ihren Jazzgrooves noch hervor. In den Klavierkadenzen spielte Hodges mit eindringlich klarem Anschlag. Es gab zwei Windmaschinen, die nach mechanischen Wiederholungen der oft übervollen und lauten Musik, die eine Art undurchdringliche Tonmauer errichteten, für Entspannung sorgten. Ebenso kamen Holzbläsermotive in den Vordergrund, die stark an die Satie gewidmete Musik von Strawinsky erinnerten und damit den gut durchdachten Charakter dieses Konzertprogramms unterstrichen.

Als letztes Stück folgte nämlich Prokofjews „Klassische” Symphonie aus den Jahren 1916/17. Die heitere Melodie im Seitenthema des Larghetto ist eine meiner Lieblingsweisen. Sehr entspannt aber nie achtlos gespielt sorgte sie zusammen mit der ausgesprochen langsamen Gavotta für einen mit viel Liebe zum Detail musizierten musikalischen Abschluss einer sehr rasanten Achterbahnfahrt durch musikalische Stile in vielfältigen Kostümen.

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