Es gibt wohl wenige Musiker, die das Werk Beethovens so umfangreich studiert haben, wie Daniel Barenboim. Ganz egal, ob es sich dabei um die Symphonien, Klaviersonaten oder kammermusikalischen Werke handelt. Kurz vor seinem 75. Geburtstag stattete der Grandseigneur der Münchner Philharmonie einen Besuch ab und hatte Beethovens Fünftes Klavierkonzert mit im Gepäck, das nicht umsonst im angloamerikanischen Sprachraum den Beinamen „Emperor“ trägt. Gemeinsam mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter der Leitung ihres Chefdirigenten Mariss Jansons präsentierte Barenboim eine Interpretation des Klavierkonzerts, die die technische Perfektion jüngeren Kollegen überließ und vielmehr seine Erfahrung und sein tiefes musikalisches Verständnis zur Schau stellte.

Daniel Barenboim © Peter Adamik
Daniel Barenboim
© Peter Adamik

Barenboim zeigte sich vor allem in den lyrischen Passagen des Kopfsatzes als Erzähler mit klarem, kraftvollen Ton, der ohne Sentimentalität die Bedeutung jeder Phrase bereits durchdacht zu haben schien. Dieses Verständnis äußerte sich zum Beispiel im Adagio, das mit der Ruhe und Innigkeit, die Barenboim dem Satz verlieh, seinesgleichen suchte. Nicht nur der Ton, den er dabei traf, sondern auch die Überlegtheit, die die Phrasen bekamen, entwickelte die lyrische Kraft und emotionale Schönheit des Satzes. Gleichzeitig wirkte der Satz aber auch sehr reduziert, fast nüchtern und sehr auf das Wesentliche bedacht. Das Thema des Finalsatzes schoss anschließend in scharfem Kontrast und mit leidenschaftlichen Akzenten hervor.

Obwohl Barenboim und die Symphoniker das Klavierkonzert in nicht allzu zügigem Tempo interpretierten, schaffte es Jansons, das Orchester zu einer energetischen und spielfreudigen Begleitung anzuspornen. Barenboim gelang dabei sicherlich nicht die perfekte Interpretation des Klavierkonzerts, gleichzeitig zeigte sich aber, dass Perfektion nicht unmittelbar der Maßstab für Musik sein kann, sondern viel mehr von Emotion und dem Mut zum Außergewöhnlichen getrieben wird. In diesem Sinne entpuppte sich Barenboims Interpretation als spannende Hommage an die große Kunst. Für den Begeisterungssturm des Münchner Publikums bedankte sich Barenboim mit Claire de Lune, das als kontrastreiche Pianominiatur magisch wirkte.

Die zweite Hälfte bestritt das BRSO mit Prokofjews Fünfter Sinfonie, die – 1944 komponiert – neben grotesken Themen und Monumentalphrasen auch eine persönliche Verarbeitung der Eindrücke des Zweiten Weltkriegs darstellt. Wenngleich die beiden Werke des Abends auf den ersten Blick keine großen Ähnlichkeiten aufzuweisen schienen, sind beide Werke von militärischen Einflüssen geprägt. Und auch die Grundidee, die Prokofjew für seine Symphonie vorschwebte, dürfte Beethoven gefallen haben. Als „Symphonie der Größe des menschlichen Geistes“ bezeichnete Prokofjew das Werk und wollte trotz des Krieges ein positives Lebensbild vermitteln. Unterm Strich gelang ihm seine gewaltigste Symphonie, die heute zu den populärsten Werken Prokofjews zählt und das Symphonieorchester zeigte wieso. Mariss Jansons entwirrte den dichten, an Dissonanzen reichen Klang transparent und gestaltete die Symphonie sehr durchlässig. Die ständig wechselnden Klangbilder zogen ihre Farbenfreude nicht selten aus den starken Solisten. Daneben entwickelte besonders die rhythmische Launigkeit des Scherzos einen spielfreudigen Charme und bildete einen angenehmen Gegensatz zu der düsteren Elegie des dritten Satzes. Die verspielten Streicherglissandi versprühten dabei ebenso großen orchestralen Glanz, wie die motorischen, drängenden Rhythmen zum Ende des Satzes.

Dabei schraubten sich die Symphoniker gleichfalls zu klanglichen Großtaten hinauf, die besonders das Finale in schwindelerregender Vehemenz und Klangkraft zum Höhepunkt krönten. Die Abwechslung, die das Werk konstant durchzog, führten die Musiker sehr organisch zusammen und verzichteten auf allzu große Extreme. Dies bedeutete allerdings nicht, dass Jansons die vielen Dissonanzen nicht genau auszunutzen wusste und scharf aufeinander prallen ließ.