„Ich habe mich immer gefragt: Was ist mein Orchester? Was ist das Orchester der Zukunft?” Der 1957 geborene Komponist Tan Dun beantwortete seine eigenen Fragen mit dem Concerto for Orchestra (from Marco Polo). Sieben Jahre nach der Premiere glänzte das WDR Sinfonieorchester am Samstagabend in der Kölner Philharmonie damit. Unter der souveränen Leitung von Tung-Chieh Chuang lotete es die spannenden Extremen und virtuose Vielfalt eines symphonischen Ensembles aus.

Ray Chen © Sophie Zhai
Ray Chen
© Sophie Zhai

Duns Concerto war Teil eines Konzerts unter dem Motto „Musik aus China”. Das Orchester spielte einige der in dem Volksrepublik China bekanntesten und beliebtesten symphonischen Werke, die zwar auch weltweit als meisterhafte zeitgenössische Werke anerkannt sind, aber zu selten in westlichen Konzerthallen zu hören sind. Wobei die Komponisten Traditionen aus chinesischer Volksmusik, Tonskala und sogar Philosophie mit westlichen musikalischen Einflüssen und Orchester-Besetzung vereinten. Ein zurzeit sehr gebräuchliches Beispiel, wie Kultur Grenzen überquert, in- und auseinanderfließt und sich dann bereichert neu formieren lässt.

Duns Concerto erzählt in vier Sätzen verschiedene Facetten von Marco Polos Reise. Es ist ein Stück der Extremen, das ein Orchester als Ganzes, sowie dessen vielen Solisten, herausfordert. Sehr kantige, teilweise tanzartige Perkussion trieb ein Gefühl von Unruhe voran. Streicher und Blechblässer wiederholten Phrasen und überschnitten sich dabei einander, so dass es manchmal zu einem fast verzehrenden Höhepunkt ankam. Die Fagotte und das Kontrafagott grollten ihre tiefsten Töne, oder sie quiekten gemeinsam mit den Oboen auf die Schilfe. Die Flöten flatterten auf die Kopfstücke, dann wehte nur eine melodisch ganz allein. Im vierten Satz, Forbidden City, entstand eine fast unirdische Stimmung durch mit Bogen gespielten Meditationsschüsseln und das von den Musikern ritualistisch gesprochen Wort.

Das WDR Sinfonieorchester fesselte mit ihrer meisterhaften Interpretation. Es zeigte ein aufregendes Potenzial eines Orchesters, das andere gängigere Stücke nicht ausschöpfen. Dabei dirigierte Tung-Chieh Chuang mit so viel Selbstbewusstsein und Gewissheit, dass er fast unauffällig schien. Er wirkte als Teil des Orchesters, gefüllt von der Musik, die es spielte. Ich konnte ihn mir nicht anders vorstellen, als er fließend und geschmeidig mit seiner Hand malte. Jedoch hatte ich das gleiche Gefühl, als er präzis und mechanisch mit dem Taktstock die Luft schnitt.

Im Qigang Chens Wu Xing (Die fünf Elemente), das 1999 uraufgeführt wurde und die fünf Elemente das Universums (Wasser, Holz, Feuer, Erde, Metall) abbildet, holte Chuang eine Bandbreite evokativer, detailreicher Klänge und dichte dynamische Kontraste aus dem Orchester. Die Frühlingsfest-Ouvertüre, die Li Huanzhi 1956 für das Chinesischen Neujahr komponierte, leitete er unbeschwert und feierlich.

Der taiwanesisch-australische Geiger Ray Chen benutzt soziale Medien geschickt und regelmäßig, um direkte Einblicke in seinen Alltag zu bieten, sowie emotionale Themen wie Unsicherheit zu besprechen. Dasselbe offene Wesen brachte er zur Bühne. Er strahlte Freude und Ehrlichkeit aus, lachte und scherzte spontan. Sein Spielen war genau so offen und emotional durchdrungen wie sein Wesen.

Chen spielte das Violinkonzert Liang Zhu (The Butterfly Lovers, 1959) von Gang Chen und Zhanhau He. Es erzählt die Geschichte zweier Geliebten, die einen tragischen Tod finden, sich danach aber in Schmetterlinge verwandeln. Es ist großes Drama in sieben verschiedenen Sätzen.

Chen spielte grandios, mit höchst intensivem Pathos, fast wie gesungen. Mal färbte er ein von den zahlreichen Glissandi in den lyrischen Phrasen wie einen klagenden Seufzer, mal wie einen unterdrückten Schrei des Schmerzes. Er griff energetisch und fußstampfend die dichten Doppelgriffe in den schnell fliegenden Teilen an, feierte sie. Das Orchester unter Tung-Chieh Chuang malte den Hintergrund in perfekter Balance, und wenn es zum melodischen Protagonisten wurde, schwellte es romantisch an. Chen und Tung-Chieh Chuang schauten beide lächelnd hinauf, als der letzte Geigenton – hoch, süß, leise – verflog, so zart wie ein Schmetterling.

*****