Neben verschiedenen Stilen beherrschte Telemann selbst das Spielen von mindestens neun Instrumenten. Das geht aus seiner 1740 erschienen Autobiographie hervor, womit der Komponist zudem erneut als Literat in Erscheinung trat, passend zum diesjährigen Motto des Magdeburger Festivals „Voller Poesie – Telemann und die Literatur“. Diese Varianz und Leidenschaft, zu der vielleicht ebenfalls das bei ihm beliebte, aber nicht erwähnte Horn zählen könnte, beleuchteten Concerto Copenhagen und Lars Ulrik Mortensen beim farbigen, kurzweiligen Abschlusskonzert.

Lars Ulrik Mortensen und Concerto Copenhagen © Viktoria Kühne
Lars Ulrik Mortensen und Concerto Copenhagen
© Viktoria Kühne

Derer drei Geschmäcker (französisch, italiensch, vermischt) und Instrumente (Oboen, Violine, Hörner) standen dabei im Mittelpunkt des Nachmittags, der von zwei größeren Ouvertüren umrahmt wurde. Den Anfang machte jene in C-Dur, in der die aufgrund gegenübergestellter Anlage von Streichern und Bläsern sowie Platzverhältnissen anders als gewohnt aufgestellten CoCo-Musiker zackig und straff den langsamen Teil der französischen Einleitung anstimmten. Jeweils verziert – die drei Oboen mit Punktierungen, die Streicher mit Zweiunddreißigstel-Vorschlägen – bewiesen sie formstrenge Genauigkeit, die auch im schnellen, nun lockeren Teil durch Mortensens typisch passionierten Körpereinsatz, der sich neben sein markantes Cembalospiel praktischerweise immer auch auf seine Kollegen auswirkt, rhythmisch garantiert war. Machte dort also auch schon das fundierte Continuo mit Celli und Kontrabass auf sich aufmerksam, sorgte es für die deftige Grundierung des ersten folkloristischen Spaßes in der Harlequinade, in der sich die auf Eins betonten Oboen ein amüsantes Spiel mit der auf Drei betonten Streichergruppe lieferten.

Concerto Copenhagen © Viktoria Kühne
Concerto Copenhagen
© Viktoria Kühne

Im langsamen Gegenstück dazu, der erhabenen, elegant-sanften Espagnolschienen die Bläser diesen Spaß aufgrund ihrer Steifheit, die durch die bewegungsphrasierten Streicherparts auffällig wurde, etwas zu vermissen. Doch Abhilfe schaffte Telemann gleich mit dem forsch-flinken Bourée, in dem sie – quasi zu Trompeten mutiert – knackig-dynamische Akzente setzten und feierlichen Schwung verbreiteten. Zielsicher brachten sie sich nun als Stimmungsgeber für eine expressive, tief-ernste Sommeille ein, die zusammen mit den von den wiegenden hohen Geigen und Bratschen gezeichneten Farben zum eiskalten Draußen passte. Diese zur Kontrastierung zwingend eingebaute Eintrübung, die mit einem solistischen Schlusston des Cellos auf die Spitze getrieben wurde, führte in der Darbietung des Ensembles im Anschluss zu einem besonders sonnigen, entspannten Erwachen, ein leichtes Tänzchen, das die Oboen hinlegten, während die Streicher neckisch hessisch vor sich her brabbelten. Wahrscheinlich war es das, was den Schlaf zuvor so listig störte. Zur Gigue waren sie jedenfalls völlig ausgeschlafen, die Streicher ziemlich energisch, die Oboen endlich ausgelassen strahlend.

Sachte eröffneten dagegen Violinen und Violen, die jetzt den Platz der pausierenden Oboen einnahmen, das sehr selten zu hörende Violinkonzert in a-Moll, das wiederum Überraschungen parat hielt. Trotz eindeutig italienischer Stilistik ist es weder in sonata-da-chiesa- noch Concerto-Form, weist es nämlich die Satzfolge Langsam-Schnell-Sehr schnell auf. Außerdem gibt es dem Solisten vor, hier CoCos Fredrik From, im Adagio die leere E-Saite als Themen- und Farbeinsatz zu spielen, wahlweise etwas dunkler die leere A-Saite, die er warm und klar mit Expressivität einzubringen verstand. Drittens bullerten die Bässe bewusst gegen den zarten Beginn. Furios meisterten Fromm und – man muss hier sagen – seine Mitstreiter das Allegro und melodiös wie virtuos gesteigerte Presto, in denen ausdrucksstarke Fugenthemen von Solo, erster Solovioline, erster Violingruppe, einzelner Bratsche, solistischem Cello, Bass und Cembalo mit dem Tutti einfallsreich verflochten wurden.

Verbunden ist auch der Stil des Es-Dur-Concertos: erkennbar italienisch geprägt im französischen Gewand beziehungsweise andersherum. Die Waldhörner waren darin an der Reihe, ihre königliche, weiche wie schroffe Couleur einzubringen, was sie besonders im Da Capo zum Satzfinale des Maestoso, das bereits einige tückische Figuren herausforderte, betont majestätisch taten. Dynamisch und artikulatorisch zwischen fein und knarzig abgestuft kamen sie mit den Streichern im Allegro in Fahrt. Gaben zwei Violinen hier ein kurzes In-Sich-Konzert, schnitten die Hörner erst ihre Laute im wieder träumerischen Grave in die zwei Violinen samt Continuo ein, ehe sie sich nach der Streichermelodie doch auch mal von ihrer legato-gesanglichen Seite präsentieren konnten.

Lars Ulrik Mortensen © Viktoria Kühne
Lars Ulrik Mortensen
© Viktoria Kühne

Schon zur Pause rausschmeißerisch, wirbelten sie mächtig Laune im Vivace auf; ein lustig-frischer Mix, der schließlich die komplette zweite Hälfte bestimmte und zunächst das Concerto italiano TWV 44:43 für die lauernd losgelassenen, mit Körperbewegung sprudelnder agierenden drei Oboen auf den Plan rief. Mit den drei Violinen und Basso continuo rauschten sie sich durch das Stück, bis sie abermals von den beiden Hörnern abgelöst wurden, die tatsächlich tonmalerisch den Sturm der erstmalig aufgeführten Sinfonia zur fragmentarischen Kantate La Tempesta durchpeitschen ließen. Weht dieser erst eigentümlich an und wieder ab, fegen Böen mit kurzen Forte-Knallern umher, die beim Orchester nicht versiegten, sondern vielmehr in der finalen F-Dur-Ouvertüre glanzvoll den Frühling hereinbrachten.

Hörner, Oboen (bis auf die besetzungsherausfallende dritte), Fagott, Streicher und Continuo blühten mit kräftigen und starken Akzentuierungen auf, in der nach sonorem, ehrwürdigem, fließendem, aufatmendem Start und dann wieder zwangsläufig eingeschobenem operalem Trauermarsch eine komische, fetzige Sause aus Chasse und Holzbläserfrische wurde. So pfeffrig, pfiffig, hüpfend, fein und derb Concerto Copenhagen allen einen bunten Ausklang bescherte, kündeten die Réjouissance und vor allem die wilde Fanfare von der verheißungsvollen Vorfreude auf den nächsten Telemann und seine Festtage.

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