Telemanns Einzigartigkeit begründet sich neben seiner Ironie unter anderem in seiner Stilvielfalt. Einer dieser von ihm vermischten Stile ist der französische, dessen kunstvoll eingebaute Bemüßigung ihn durch das Studieren Lullys seit frühester Zeit beschäftigte und ihn als Deutschen schließlich sogar ins Concert Spirituel brachte. Lullys französisch-französischer Schlag wiederum stand im strittigen Hofkapellen-Wechsel zum französisch-italienischen Gusto eines Campras. Mit Spannung und großem Interesse dürfte Telemann daher die Pariser Diskussionen verfolgt haben, erst recht mit der Entwicklung Rameaus und dessen revolutionärer Sprache, die er 1737 live erlebt hatte. Eine, die genauso einzigartig ist, mit Telemann unverwechselbar tonmalerisch, mitreißend und teils merkwürdig. Christophe Rousset und seine Les Talens Lyriques erinnerten daran in einem Konzert beim Hamburger Telemann-Festival zu Ehren des 250. Todestages, das von der Reihe „NDR Das Alte Werk“ veranstaltet wird.

Christophe Rousset © Ignacio Barrios
Christophe Rousset
© Ignacio Barrios

Für das alles konnte man sich kaum ein besseres Ensemble vorstellen, da es eine Färbung aus französischer Galanz und Ornamentik, deutscher Rhythmik- und Technik-Gründlichkeit und italienischem Feuer einbrachte, die Telemann – im Mittelpunkt des ersten Teils – in seiner Suite La Poutain aufs Korn nimmt. Die Ouvertüre fasste schon zusammen, was einen erwartete: brüchige Kontrastspielereien mit Metrik, Dynamik und Prägungen, die das Orchester mit leichter Fugen-Finesse, knackiger Strenge von punktierter Akademik, flinken Gefühlsduschen der Violinen und bulligem Bass-Temperament zu einer gefällig verpackten Einheit mit spritziger Verve formte. Und es wäre nicht Telemann, wenn er die wechselvolle Burlesque in der Ausgestaltung nicht noch mit allerhand charakteristischer Komik garnierte, wie der derbe geladenen „Schneckenpost-Masquerade“ und dem deftig-koketten, eigentümlichen „Hextentanz-Rondeau“.

Von Traversflöten umspielend seicht, in der „Bauern-Kirchweyh“ dunkler und ehrwürdig möglich, mit gefühliger Eleganz und federndem, heiterem Fluss intonierten Les Talens Lyriques passend die französischen Tanzsätze. Telemanns Erleben der sympathischen, gegenübergestellten, ländlichen Begebenheiten offenbarte er in persönlichen Nachzeichnungen, die er im Frankfurter Umland gemacht haben muss. So ließ Rousset die Erinnerungen des Komponisten mit einem rhythmisch verspielten Beisammentrommeln, der Hektik um das Ergattern des nächsten Äppelwoi mit starker Bass-Würze in der Gastwirtschaft „Lausherberg“ ertönen und Bekanntschaft machen mit der zackigen und wuseligen „Baass Lisabeth“ sowie dem stampfenden, gewellten „Vetter Michel Ziehbart“, dem das Ensemble zumindest ein kurzes, sanftes Setzen zum Ende gönnte.

Auch mit Telemanns anderen französisch betitelten und changierten Suite Les Nations liefert er eine Charakterstudie voll Witz und Absurdität. Ouverture und Menuets können dabei als französische Völkerkunde verstanden werden, die das Orchester – wie passend zum eigenen Gesamtausdruck – mit festlichem Schwung, nuancierter Dynamik, griffigem, energischem, aber nicht überhitztem Zug bedachte, getragen von einem rhythmischen Selbstverständnis und einer Galanz, deren Savoir-de-jouer eine gewisse Kühle nicht verbergen wollte. Freilich temperamentgebärdend in martialischen Akkordausdrücken und musikalischen Ausreißern fallen in diesem Verständnis die Türken ein, denen in aller Ausgeglichenheit, jedoch auch mit einer urigen Urkraft, die eleganten und dann geschäftigen Schweizer in kantigem Slang folgten. Statt eines Minutenzeigers, schlug bei Rousset die Uhr des Kremls in Sekunden, laut und hart. Doch trotz des Alarmismus sollten die Moskowiter einen Sinn für Humor behalten. Der äußert sich ebenfalls, nach wirbeligem Einlauf der Portugiesen, im abstrusen Nachklapp dieser Vorstellung mit den „Laufenden und Hinkenden“, die allerdings allesamt mit weniger Differenzierung durchhuschten.

Als stilistisches Kuriosum – und was ist das bei Telemann eigentlich nicht!? – darf besonders Telemanns Orpheus angesehen werden, in der er die unterschiedlichen Idiome in einer Oper verwendet. Für ein französisches Rezitativ-Arien-Beispiel betrat Mezzosopranistin Ann Hallenberg die Bühne, bei der in „C'est ma plus chère envie“ nicht nur die in gewohnt gefeierter Zusammenarbeit auftretende Einheit von Instrument, hier obligaten Oboen, und Stimme zu bestaunen war, sondern der mit Klarheit, artikulierter Diktions-, Expressions- und Sinnqualität ausgestattete Text- und Gefühlstransmitter der Solistin. Gab sie in „Hélas! Quels soupirs me répondent“ damit und in variantem Einsatz von Timbre und Tonfärbung den Seufzern Gewicht, las man danach hoffende, wenngleich nicht überschäumende Lust ab.

Diesen völligen Überschwang mag auch die Straffheit in der Kantate Le berger fidèle von Rameau, dem der zweite Teil gewidmet war, verhindert haben. Dennoch gelang auf höchstem Niveau eine sentimentale Erzählung des ursprünglich italienischen Gedichts, in der die Empfindungen durch Hallenbergs Rezitation, erst klagend mit gedämpfterem Anstrich und größerer Reichweite, dann zur Stimmungsaufhellung bis zum glücklichen Sieg der Liebe, lebendig wurden. Mit Hallenberg hat ebenso der Zuhörer immer sein Glück gefunden! Les Talens Lyriques agierten noch feiner, luftiger, etwas sehniger, ohne die vor dem Cembalo sitzenden Bratschen mit deutlicherem Continuo, lachenden Trillern und in der Air vif et gracieux mit lautmalerisch lieblichen Traversflöten sowie jubillierenden Violinen.

Den Rausch der Emotionen ließ letztlich die aus zehn Instrumentalsätzen zusammengestellte Symphonies-Suite Les Fêtes de l'Hymen et de l'Amour zu, von dem gleich die Ouvertüre mit turbulenter Rhythmik, exotischer Melodik und Harmonie zeugte. Zauberhaft elegante Airs französischen Geschmacks kontrastierten mit unvermittelt harten, pfiffigen Tambourins und Contredanses mit Piccoloflöten, stapfenden Bässen und umherschlängelnden Streichern. Mit der Zugabe „Tristes apprêts, pâles flambeaux“ aus Castor et Pullux huldigten Rousset und Hallenberg sowohl dem besonderen Einsatz des Fagotts und dem tiefgreifenden Affekt Rameaus als sie auch genau zu Telemanns Paris 1737 führten.