Giovanni Antonini © Paolo Morelli
Giovanni Antonini
© Paolo Morelli
Nun ist es also ausgetrunken, das Füllhorn der alten Tonhalle – zumindest für die kommenden drei Jahre, bis der Saal zum 125-jährigen Jubiläum im Zustand wiedereröffnet wird, in dem ihn Johannes Brahms noch kennengelernt hat. Das letzte Konzert der Tonhalle-Gesellschaft im alten Saal (mit einmaliger Wiederholung am Folgetag) lief unter dem Titel „Orchestermagie". Interessanterweise stand dies aber nicht für ein Programm mit hochromantischer, virtuoser Orchestermusik oder gar Musik des 20. Jahrhunderts. Nein, zu diesem Konzert lud das Tonhalle-Orchester mit Giovanni Antonini einen Spezialisten historisch informierten Musizierens und offerierte ein heiter-aufmüpfiges Programm mit zwei Haydn-Symphonien, die ein Violinkonzert von Mozart umrahmten. Entsprechend trat das Orchester also in kompakter Formation an – mit zumeist modernem Instrumentarium, aber immerhin historisch korrekt aufgestellt, und mit Naturhörnern und -trompeten, sowie natürlich Pauken mit schlanken, hölzernen Schlägeln.

Zur Eröffnung Haydns bekannte Symphonie Nr. 101 „Die Uhr". Es war sofort offensichtlich, dass Antonini weiß, wie man auch auf heutigen Instrumenten die relevanten Komponenten der originalen Klangwelt wiederaufleben lassen kann un das Tonhalle-Orchester ist das ideale Werkzeug dafür. Da wurde leicht und jederzeit klar artikuliert, plastisch phrasiert, Noten (sofern nicht legato) konsequent entlastet, Vibrato schien „verboten". Der Klang war unheimlich transparent, im Presto-Teil des ersten Satzes dominierte die Spielfreude, kräftige dynamische Kontraste erzeugten einen belebenden al fresco-Effekt, legato-Melodien kamen in diesem Setting besonders gut zur Geltung. Antonini dirigierte ohne Stock, mit weit ausholender Gestik und lebendiger Körpersprache, das Orchester mitziehend. Im „Uhr“-Andante blieb das Tempo ruhig und in sich ruhend, wurde ausgezeichnet gehalten, aber nie schien dabei die Aufmerksamkeit der Musiker, die Spannung nachzulassen. Auffällig, wie betont kurz Antonini die Staccati artikulieren ließ, wodurch Ligaturen umso mehr hervorstachen.

Beinahe erschreckend damit auch der Einbruch, vielmehr der Ausbruch der Dramatik im Mittelteil – eher ff denn f, noch verstärkt durch vehemente Paukenschläge. Erst in der Generalpause mit dem Neubeginn nach überraschender Modulation und bei den karikierenden Akzenten im Schlussteil begriff man als Hörer, dass Haydn in diesem Satz der Schalk im Nacken saß! Damit konnte natürlich das folgende Menuetto kein gemütlicher Tanz sein. Es klang denn bei zügigem Tempo auch eher wie ein leicht musiziertes Scherzo mit neckischen Synkopen. Auffallend schneller, genauso lebendig und Scherzo-artig, fast dramatisch ebenso das Trio – vor der Rückkehr des Scherzos unschuldig im ppverklingend. Auch das Finale gab sich anfänglich harmlos, bis nach den wiederholten Eingangstakten ein kräftiges Forte einbrach, welches mit ff-Schlägen in eine Fermate mündete. Es folgte ein Fugato, das sich vom pp bis zu den Schlusstakten steigerte, und dessen glasklare Artikulation und perfekte Koordination die Qualitäten des Orchesters nochmals offenbarten.

Im Violinkonzert von Mozart richtete sich die Aufmerksamkeit naturgemäß auf die Solistin, Julia Becker, seit 22 Jahren erste Konzertmeisterin des Tonhalle-Orchesters. Letzteres spielte in leicht verkleinerter Formation, was die Artikulation noch leichter, noch federnder erscheinen ließ. Beim Solo gefiel die Intonationssicherheit, die Tragfähigkeit, die schöne Sonorität, die warme, charaktervolle Tiefe des Instruments. Schade, dass die Solistin es nicht wagte, mit wenig(er) Vibrato und mit leichter Artikulation zu spielen, so wie ihre Kolleginnen und Kollegen im Orchester. Zu ihrer Entlastung muss immerhin angemerkt werden, dass historisch informierte Artikulation im Solo bei Violinkonzerten immer noch eine rare Ausnahme ist und entsprechend Mut verlangt. In der zu Legato neigenden Artikulation, dem zwar geschmackvoll dosierten, aber omnipräsenten Vibrato fiel der Solopart eher konventionell aus, die Kadenzen waren aber durchaus fantasievoll gestaltet. Im Finale hat auch Mozart einige Überraschungen eingebaut, so das plötzliche, fast schwermütige Andante, oder das darauffolgende, schwungvolle Allegretto, in welchem ich türkische Charakterzüge zu entdecken glaubte.

Dass Antonini bei der Symphonie Nr. 103 den eröffnenden, abklingenden Paukenwirbel ins Geschwätz des Publikums fallen ließ, entsprach vermutlich genau Haydns Intention. Die nachfolgende Ruhe mit der kriechenden Bassmelodie wirkte beinahe gespenstisch. Dafür erschien dann das nachfolgende, kontrastreiche Allegro con spirito umso geistreicher. Statt mit Lautstärke aufzutrumpfen, ließ der Dirigent die leisen Stellen besonders fein, im pp spielen, dehnte scheinbar die Generalpausen zusätzlich, wie um die Spannung auf das Nachfolgende noch zu steigern. Wie als Jux beginnt der Komponist die Coda mit einem erneuten Paukenwirbel und einer Kurzversion der langsamen Einleitung. Das Andante più tosto Allegretto – schon im Titel ein Zwitter – hat in seiner Vielfalt schon fast Scherzo-Charakter. Eingebettet in diesen Satz ist ein kleines Violinkonzert, das der Konzertmeister, Klaidi Sahatçi, wunderbar feinfühlig und ganz im Stile der Begleitung, sehr leicht artikuliert und sparsam im Vibrato vortrug.

Der letzte Teil des Satzes alterniert zwischen Poltern und harmloser Spielerei, mit einer überraschenden Modulation und scherzhaften Pausen. Musikalisch fällt das Menuetto braver aus als der zweite Satz. Ohrenfällig war hier der glockenreine, weiche Klang der Klarinetten im Trio. Das Finale nahm Antonini in einem anspruchsvollen Zeitmaß – ein hinreißender, spannender Satz, im Orchester enthusiastisch gespielt, blitzsauber artikuliert. Eine absolute Spitzenleistung zum Abschluss.