Rund um den Globus wird Giacomo Puccinis Tosca Jahr für Jahr unzählige Male gespielt, ist ein Garant für volle Ränge in den Opernhäusern. Das mag auch daran liegen, dass Puccinis Musik selbst bei einer schwachen Besetzung noch dafür sorgt, dass man die Vorstellung zumindest halbwegs glücklich verlässt. Zum vollständigen Glück fehlte der Wiederaufnahme der Produktion aus dem Jahr 2014 an der Oper Graz nämlich doch so einiges. Ist die Grazer Oper im Normalfall für starke Besetzungen bekannt, so erwiesen sich gleich zwei der drei tragenden Partien an diesem Abend als auffallend schwach besetzt.

Migran Agadzhanian (Mario Cavaradossi) © Werner Kmetitisch
Migran Agadzhanian (Mario Cavaradossi)
© Werner Kmetitisch

Als Floria Tosca präsentierte sich Annemarie Kremer dem Publikum und ließ nur beim „Vissi d’arte“ Passagen hören, die man uneingeschränkt genießen konnte, die ansprechende Klangfarben und Phrasierung boten. Ansonsten flackerte die Stimme mit viel Krafteinsatz und Dezibel durch die Partie, die Registerwechsel zwischen scharfer Höhe und substanzloser Tiefe gerieten abrupt und brüchig. Darüber hinaus blieb die Rollengestaltung blass und die äußerst verwaschene Diktion trug weiters nicht dazu bei, diese Tosca zum Leben zu erwecken. Nicht viel überzeugender agierte Migran Agadzhanyan als Cavaradossi, dem man immerhin zugute halten muss, dass seine Höhen bombensicher sind; leider waren sie aber vor allem auch sehr laut. Man erlebt es wahrlich nicht oft, dass ein Sänger im Alleingang das Orchester übertönt – schon gar nicht bei Puccini – aber der russische Tenor schaffte es mehrmals. Das Stimmmaterial an sich wäre vermutlich durchaus schön, jedoch klingt das, was man von Agadzhanyan zum Großteil zu hören bekommt, gepresst und nasal. Ein weiteres Problem war, dass weder Kremer noch Agadzhanyan wirklich begnadete Schauspieler sind: Händeringende Operngesten des Tenors standen einer Tosca gegenüber, die so gar nichts Divenhaftes an sich hatte, sondern eher wirkte, als ob sie zwischen den „Terminen“ in Kirche und Palazzo noch schnell zuhause ganz bodenständig den Rasen mähen würde. Darüber hinaus herrschte zwischen Tosca und Cavaradossi nicht einmal das kleinste Fünkchen an Chemie, die Interaktion der beiden beschränkte sich auf ein Minimum.

Jordan Shanahan (Baron Scarpia), Annemarie Kremer (Floria Tosca) © Werner Kmetitsch
Jordan Shanahan (Baron Scarpia), Annemarie Kremer (Floria Tosca)
© Werner Kmetitsch

Dass der Abend doch auch seine positiven vokalen Momente hatte, war der Verdienst von Jordan Shanahan, der als Scarpia bereits im „Te deum“ die Kraftmeierei ausgezeichnet bewältigte, ohne ins Brüllen zu verfallen, seine Stärken dann aber vor allem im zweiten Akt ausspielen konnte. Ebenmäßig umgarnte er mit seinem kernigen Bariton sein Opfer und bot von eiskalt über charmant bis hin zu brodelnd alle stimmlichen Facetten, die diesen Charakter so interessant machen. An diesem Abend war es schwer verständlich, warum Tosca letztlich diesen klug Gestaltenden zu Gunsten des so undifferenziert Agierenden erstechen musste.

Migran Agadzhanian (Mario Cavaradossi) © Werner Kmetitsch
Migran Agadzhanian (Mario Cavaradossi)
© Werner Kmetitsch

Der Chor und die kleinen Rollen boten beinahe durchwegs solide Leistungen. Am Pult der Grazer Philharmoniker bemühte sich Oksana Lyniv redlich um einen differenzierten und stilvollen Klang, wollte auch leiseren Zwischentönen Raum geben, wurde dabei jedoch immer wieder von den Sängern und deren Dezibel-Verlangen gnadenlos torpediert. Die schönsten Momente des Abends lieferte sie dann, wenn sie in den orchestralen Intermezzi ganz alleine agieren konnte. So schuf sie etwa zu Beginn des dritten Akts einen sich bedächtig aufbauenden Spannungsbogen in den Streichern und ließ sich später auch nicht dazu hinreißen, nach dem „E lucevan le stelle“ den Taktstock zu senken, sondern spann den Moment der Dramatik nahtlos weiter.

Migran Agadzhanian (Mario Cavaradossi) © Werner Kmetitisch
Migran Agadzhanian (Mario Cavaradossi)
© Werner Kmetitisch

Die Inszenierung von Alexander Schulin, der die ersten beiden Akte noch ganz klassisch abliefert und den dritten Akt dann als Mischung aus Wunschtraum, Albtraum und posttraumatischer Halluzination Toscas anlegt, scheint bei dieser Wiederaufnahme noch abstrakter geworden zu sein, was der Logik der Handlung jedoch nicht zum Vorteil gereicht. Man möge mich konservativ nennen, aber eine Tosca ohne finalen Sprung ist wie Tiramisu ohne Kakaopulver! Ansonsten sind Inszenierung und Bühnenbild praktikabel; dass das im Entstehen begriffene Portrait der Marchesa Attavanti in den Gesichtszügen frappant an Vladimir Putin erinnert, sorgte auch bei der Wiederaufnahme für belustigtes Stirnrunzeln und lässt an den künstlerischen Qualitäten Cavaradossis ernsthaft zweifeln. Den besten Beweis, dass Tosca aber allen Besetzungsschwächen zum Trotz immer ein Renner ist, lieferte das jubelnde Publikum nachdem der Vorhang gefallen war.

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