Konzertante Opernaufführungen setzen sich immer mehr durch. Völlig unabgelenkt von irgendwelchen Regiemätzchen kann man sich allein der Musik hingeben. Teodor Currentzis war mit seinen musicAeterna-Ensembles (Chor und Orchester) aus dem russischen Perm in die Elbphilharmonie gekommen, um Verdis La traviata hier allein musikalisch wirken zu lassen: ein Versprechen auf puren Klang, das glorios erfüllt wurde!

Airam Hernández (Alfredo), Teodor Currentzis, Nadezhda Pavlova (Violetta) © Elbphilharmonie | Claudia Höhne
Airam Hernández (Alfredo), Teodor Currentzis, Nadezhda Pavlova (Violetta)
© Elbphilharmonie | Claudia Höhne

Verdi hat in La traviata sehr viel Emotion gewagt, in dieser Geschichte der Pariser Edelkurtisane Violetta Valery, die sich fast ein bisschen gegen ihren eigenen Willen unsterblich in Alfredo Germont verliebt, auf Druck von dessen Vater aber leidvoll wieder auf diese Liebe verzichtet. Ganz ist die Musik auf Violettas Tragik fokussiert, auf ihre extremen Gefühle zwischen größter Hoffnung auf eine glückliche Liebe und dem tiefsten Absturz in bittere Einsamkeit. Dass am Schluss die Möglichkeit einer Versöhnung mit Alfredo durch ihren Tod zerstört wird, macht La traviata endgültig zu einer der wohl gefühlvollsten Opern überhaupt.

Verdis enorme Kunst, gerade in diesem Werk, Seelenzustände musikalisch zu schildern, wurde in dieser Aufführung beeindruckend verwirklicht. Vom zarten Einsatz der Violinen mit ihren ätherischen Silbertönen im Vorspiel bis zu den niederschmetternden Paukenwirbeln der letzten Takte war der Instrumentalklang stets beseelt, sprach die Musik ganz aus dem Gefühl. Currentzis arbeitete mit dem glänzend spielenden Orchester quasi für jeden Ton die richtige Färbung, die passende expressive Nuance heraus.

Sirenengleich lockte die Flöte, als Vater Germont seinen Sohn Alfredo zur Rückkehr in die Heimat aufforderte. Schluchzende Violen begleiteten Violettas letzte Liebeserklärung, und tiefe Traurigkeit klang aus der Oboe, als sie den Abschiedsbrief an den Geliebten schrieb. Wie Rufe aus einer anderen Welt tönten Posaunen und Trompeten, als Violetta ihren nahenden Tod spürte. Von Opern-Routine war an diesem Abend keine Spur. Hier wurde nicht allein eine Partitur abgespielt, die Musik wurde selbst zum Träger des Dramas. Um das Ganze zu schärfen, betonte Currentzis noch die Kontraste zwischen dem Ausdruck innerer Vorgänge der Protagonisten und dem äußerem Geschehen, wie etwa den schroffen Übergang zwischen dem intimen Vorspiel und der turbulenten Festmusik in Floras Salon gleich zu Beginn des 1. Akts.

Nadezhda Pavlova (Violetta Valéry) © Elbphilharmonie | Claudia Höhne
Nadezhda Pavlova (Violetta Valéry)
© Elbphilharmonie | Claudia Höhne

Intensiv nutzte Currentzis auch die ganze Breite der dynamischen Möglichkeiten. Wie vielleicht kaum in der Bühnenaktion möglich, konnten sich Stimmungen im extremsten Pianissimo entfalten, konnten die Solisten ihren Gesang fast bis zum Flüstern vermindern. Durch Fernmusiken wurden zwei Mal die räumlichen Dimensionen erweitert. Von einem der oberen Ränge erklang die Tanzmusik auf Floras Fest im 1. Akt und aus den Foyers die Karnevalsklänge im 3. Akt, in beiden Fällen gleichsam als äußerer Kontrast zu Violettas innerer Befindlichkeit.

Nadezhda Pavlova sang diese Rolle nicht allein, sie schien sie zu leben. In den beiden großen Arien ließ die Sängerin ihre stupende Belcantokunst strahlen. In der großen Szene mit folgender Arie im ersten Akt wird Violetta in ein wahres Gefühlschaos gestürzt, nachdem Alfredo ihr seine Liebe gestanden hat. "È strano" – unbekannt ist ihr ernsthafte Liebe. Zweifel, Hoffnungen und Abwehr bestimmen ihre Gefühlslage. Allen Nuancen des emotionalen Gehalts der Musik spürte die Sängerin hier nach. Von einer berückend schönen mezza voce bis hin zu strahlenden, fast überdrehten (und gestochen präzisen) Koloraturen reichte die Palette ihres virtuosen Ausdrucksgesangs. Und in die Arie im 3. Akt, wenn Violetta resigniert und traurig vom Leben Abschied nimmt, legte die Sängerin all ihre Empathie mit ihrer Figur. Verwunderlich, wenn Nadezhda Pavlova, die momentan Ensemblemitglied der Oper Perm ist, nicht bald in die allererste Liga der Primadonnen aufsteigen würde.

Zu einem weiteren Höhepunkt der Aufführung wurde das Duett Violettas mit Giorgio Germont, in dem er sie von der Verbindung mit seinem Sohn abbringen will. Diese Rolle oblag dem Bariton Dimitris Tiliakos. Mit ebenfalls eindrucksvollem Klangsinn verdeutlichte er die innere Entwicklung der Figur, die in dieser Szene zuerst schroff und entschieden auftritt und überheblich der moralisch diskreditierten Violetta gegenüber. In weicher, gefühlvoller Stimmlage sang Tiliakos dann von der Tochter, deren glücklicher Ehe wegen Alfredo in den Schoß der Familie zurückkehren soll. Wenn davon beeindruckt Violetta schließlich ihren Verzicht auf Alfredo erklärt, erkennt Germont ihre menschliche Größe und empfindet sogar echtes Mitleid mit ihr. Auch diese Gefühlswendung beglaubigte Tiliakos mit vokalem Ausdruck.

Als Alfredo hatte der spanische Tenor Airam Hernández in den leisen, intimen Partien mit einem schönen Piano seine besten Momente. Die große Emphase dagegen konnte er nicht vollständig glaubhaft machen. Wenn Alfredo im zweiten Akt davon singt, dass er sich in der Beziehung zu Violetta gleichsam im Himmel fühlt, könnte sich solche Begeisterung noch stärker und intensiver anhören. Auch kamen einige Spitzentöne mit leicht brüchiger Stimme. So hatte er es nicht ganz leicht, gegenüber seiner grandiosen Partnerin zu bestehen. Die kleinen weiteren Rollen waren mit dem übrigen Ensemble gut besetzt. Vor allem aber der Chor glänzte durch äußerste Präzision bei den von Currentzis oft rasant angeschlagenen Tempi.

Angesichts der musikalischen Kraft dieses Abends konnte, wer genau hinhörte, dabei locker die Szene entbehren.

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