Die sehnsüchtige Musik Richard Wagners im Vorspiel zu Tristan und Isolde, mit seinen stetig anschwellenden chromatischen Melodien, schicksalshaften und nichts Gutes verheißenden Klängen – ein nicht enden wollendes ewiges Sehnen – verrät es bereits: Diese Liebe findet im Diesseits keine Erfüllung.

Rachel Nicholls (Isolde) und Vincent Wolfsteiner (Tristan) © Barbara Aumüller
Rachel Nicholls (Isolde) und Vincent Wolfsteiner (Tristan)
© Barbara Aumüller

Diese Sehnsucht, vielmehr eine Sehnsucht nach dem Tod als erfüllter Liebe, bestimmt vor allem Tristans Handeln und die damit einhergehende Auslösung seiner Selbst – ob im Tode oder im Nirvana – das Verschwinden im Äther, sozusagen „himmelhöchstes Weltentrücken“, nach denen sich die beiden Liebenden verzehren. Die Unmöglichkeit ihrer Liebe im Diesseits begreifend, wird zum Kerngedanken dieser Inszenierung. Es ist ein einziges Sehnen und Drängen nach dem Tod.

Doch wie findet man die passenden Bilder für solch große Gefühle? Regisseurin Katharina Thoma und Ausstatter Johannes Leiacker präsentieren ein minimalistisches aber dennoch markantes Bühnenbild, dessen Leere sie mit Sinn und Gefühl zu füllen versuchen.

Den Mittelpunkt des Raums füllt eine große schwarze Platte, auf der Isolde Zuflucht sucht. Mal schwebt diese entankert, mal dient sie als Insel des Rückzugs. Inspiriert von Caspar David Friedrichs Eismeer, mit den sich überlagernden Eisschollen und dem gekenterten Schiff auf der Seite – Sinnbild für das endgültige Scheitern – evoziert auch dieser Anblick eine gewisse Hoffnungslosigkeit. Daher überrascht es nicht, dass das Gemälde lange Zeit den Titel Die gescheiterte Hoffnung trug.

<i>Tristan und Isolde</i> © Barbara Aumüller
Tristan und Isolde
© Barbara Aumüller

Das Boot, Isoldes und Tristans Reise repräsentierend, ist stets präsent. Doch wohl weniger die Überfahrt von Irland nach Cornwall, als vielmehr beider Fahrt Richtung Jenseits, Richtung Nichts und Selbstauflösung. Beide ruhelos und deplatziert, in einer Art Zwischenwelt wandelnd. Der kühle, sterile Raum – weder Leben noch Tod – wirkt mit seinen hohen Wänden und den grellen Neonröhren wie ein unausweichlicher Ort der Konfrontation.

Dieser Ausgangspunkt wäre überaus beeindruckend gewesen, wären da nicht die pauschale Personenregie, die wunderlichen Kostüme und albernen Requisiten: Beispielsweise Brangäne, die wohl urlaubsreif mit silbernem Rollkoffer und dem Baedeker Reiseführer für Südengland die Bühne betritt. Auch der Chor, gekleidet, als ob er zur Fuchsjagd aufbrechen will, passt so gar nicht in die unterkühlte, ernste Situation.

Und statt des hehrsten Tranks genießen Tristan und Isolde lieber einen irischen Whiskey, der in solch rauen Mengen eher als Nervengift wirkt, statt eine aphrodisierende Wirkung zu entfalten. Besonders Tristan scheint die betäubende Wirkung des Alkohols recht zu sein. Thoma lässt ihn von Anfang an den Tod wünschen und wollen. So ist es auch er selbst, der sich Melots Schwert in die Brust rammt. Vincent Wolfsteiner stellte diese Todessehnsucht mit wahnhafter Überzeugung dar. Geradezu entrückt, nur von diesem Drang geleitet, bestimmte es sein ganzes Handeln. Der Tenor mit charaktervoller und dennoch lyrischer Stimme bestach durch seine Kondition und einwandfreie Aussprache.

Claudia Mahnke (Brangäne) und Rachel Nicholls (Isolde) © Barbara Aumüller
Claudia Mahnke (Brangäne) und Rachel Nicholls (Isolde)
© Barbara Aumüller

Rachel Nicholls Isolde war dagegen geradezu distanziert und gefühlskalt. Ihre glasklare, auch in den Höhen sichere Stimme klang mitunter schrill und ließ an Emotionen und Leidenschaft missen. Ihr „Mild und leise“ berührte nicht, und auch ihre schauspielerische Leistung bis dahin blieb eher unterkühlt und abwesend.

Stimmlich und darstellerisch am überzeugendsten waren Claudia Mahnke als Brangäne und Andreas Bauer Kanabas als König Marke. Beide mit vielschichtiger Rollengestaltung und geradezu perfekter Aussprache. Mahnkes warme, vollendete Mezzostimme erklang frei und mühelos und sie lieferte mit dezenter, aber überzeugender Mimik und Gestik ein eindringliches Porträt Brangänes. Bauer Kanabas ^ mit intensiver und berührender Bassstimme ^ verlieh seiner Rolle durch stimmliche ausgereifte Interpretation durchdringenden Tiefgang. So erhob er seinen Marke-Monolog zu einem der Höhepunkte der Oper.

Christoph Pohl als viriler und stimmstarker Kurwenal, Michael Porter als lyrisch zarter Seemann und Iain MacNeils vor Kraft strotzender Melot rundeten die hervorragende Besetzung ab.

Das Frankfurter Opern- und Museumsorchester unter Leitung von Sebastian Weigle vermochte es nicht, die Tiefen der Oper musikalisch auszuloten. Trotz des mitunter aufbrausenden Dirigats ließ die Interpretation nicht in höhere Sphären blicken. Weigle dirigierte straff, mit schnellen Tempi, wagte aber zu wenig. Mehr Transparenz, das Setzen von Akzenten, „sich Zeit lassen“ und die Musik atmen lassen, wäre wünschenswert gewesen.

Vincent Wolfsteiner (Tristan) und Rachel Nicholls (Isolde) © Barbara Aumüller
Vincent Wolfsteiner (Tristan) und Rachel Nicholls (Isolde)
© Barbara Aumüller

Am Ende erstrahlt der Raum wieder ganz in weiß, hell erleuchtet – eine Art Licht am Ende es dunklen Tunnels? Statt des doppelten Selbstmords ist es nur Tristan, der seine Todessehnsucht erfüllt sieht. Sein lebloser Körper verschwindet langsam von der Bühne; für ihn tritt die Erlösung im Tode ein; doch Isolde bleibt allein zurück. Für Sie scheinen sich Zeit und Raum gänzlich aufzulösen und sie singt sich mit ihrem Liebestod ins Nirwana. Doch kurz bevor sich der Vorhang schließt: Ein Lächeln der Zufriedenheit, des „mit sich im Reinen sein“, breitet sich auf ihren Lippen aus – unbewusst, höchste Lust.

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