Wenn Valery Gergiev in München zu einem Tschaikowsky-Zyklus lädt, dann sind ihm vollbesetzte Säle sicher. Und gerade das qualitätsverwöhnte Münchner Publikum wusste es offenbar zu schätzen, dass der russische Großmeister sich neben den vielgespielten Evergreens dabei auch eher unbekannteren Werken des großen Pjotr I. Tschaikowsky widmet. So stand im Matinée-Konzert mit den Münchner Philharmonikern zunächst die selten gespielte Symphonie Nr. 2 in c-Moll, die so genannte „Kleinrussische“, auf dem Programm.

Denis Matsuev © Columbia Artist Management
Denis Matsuev
© Columbia Artist Management

Das Orchester war weit in die Bühne gerückt, um die Zeit zum Umbau für das darauffolgende Klavierkonzert kurz zu halten. Doch nicht nur räumlich war das Orchester zu Beginn des Konzerts noch nicht gänzlich angekommen. Trotz der technisch sauberen Darbietung wirkten die Musiker recht verhalten. Vermutlich hatte Gergiev in den vorangegangenen Proben dieses leider stiefmütterlich behandelte Frühwerk des russischen Klang-Titanen wohl nicht ganz so konsequent vorbereitet wie den Rest des Konzerts. Und das, obwohl es diese Symphonie nicht trotz sondern wegen ihrer tonsetzerischen Unzulänglichkeiten verdienen würde, dass man die von ukrainischer Folklore und anderen Komponisten der damaligen Zeit geprägten musikalischen Einfälle Tschaikowskys umso deutlicher herausziselieren müsste.

Diese Arbeit übernahmen zumindest die Orchestersolisten mit Bravour, allen voran der Solohornist, welcher das an Schuberts große C-Dur Symphonie gemahnende Solo gleich zu Beginn des ersten Satzes makellos und mit überragender Tonschönheit blies. Auch das weitere Konzert geriet zu einer Sternstunde der Blasinstrumente. Die gemeinsame Musizierfreude war den überragenden Musikern allenthalben von den strahlenden Gesichtern abzulesen. Doch auch Streicher und Schlagwerker waren hochkonzentriert, sieht man einmal von ganz wenigen minimalen Asynchronitäten bei den Geigen ab.

Nach dem tatsächlich rekordverdächtig kurzen Umbau gesellte sich der Klavierhüne Denis Matsuev auf die Bühne, um die ebenso unbekannte wie brillante Partitur des Konzerts für Klavier und Orchester Nr. 2 G-Dur zu bändigen. Und wie er die halsbrecherischen Schwierigkeiten meisterte! Matsuev ist völlig zu Unrecht in Deutschland eher unbekannt. In Russland jedoch und insbesondere in der pianistischen Hochburg Moskau hat man ihm spätestens seit seinem grandiosen Sieg beim XI. Tschaikowsky Wettbewerb von 1998 einen Platz in der ewigen Walhalla der russischen Tastengötter reserviert. Er veranstaltet regelmäßig im Tschaikowsky-Konservatorium seine eigene Konzertreihe unter dem Titel „Matsuev lädt ein“.

Der aus einer sibirischen Musikerfamilie stammende Ausnahmepianist ist ein Vorzeigeadept der strengen russischen Schule und spielt dank des kompromisslosen Technikdrills unerschütterlich souverän und fingertechnisch blitzsauber. Trotz wiederholter kompositorischer Belanglosigkeiten spielte er den ersten Satz immer mit vollem Engagement und arbeitete jeden auch noch so kleinen kontrapunktischen Geistesblitz und jede harmonisch raffinierte Wendung heraus. So hätte man es sich bei der „Kleinrussischen” Symphonie auch gewünscht. Das Orchester begleitete stets sensibel und streckenweise gar kongenial. Das Notenmaterial des zweiten Satzes ist ja ohnehin eher ein Doppelkonzert für Geige und Cello unter Hinzunahme eines großen Symphonieorchesters mit gelegentlicher Klavierbegleitung. Der diensthabende Konzertmeister, das Philharmoniler-Urgestein Lorenz Nasturica-Herschcowici und Solocellist der Münchner Philharmoniker Michael Hell nahmen diese Aufgabe an und spielten schlicht überwältigend. Und nicht nur einfach schön. Nein, vor allem Nasturica-Herschcowici grub den Bogen auch in den höchsten Lagen der G-Saite kompromisslos wie ein Zigeuner in die Saiten und wühlte seinen sonoren Geigenton unermüdlich und ins musikalische Geschehen. In der Durchführung hätte man die Klaviertrio-Passagen auch gut und gerne in den Herkulessaal beamen können zu einem Kammermusikfestival der absoluten Weltklasse! Der erste Satz gelang ebenfalls makellos. Man konnte nicht genug davon bekommen, mit wieviel Geschmack und elegant zurückgenommenem Rubato Denis Matsuev das Hauptmotiv ins einen vielfältigen Variationen anstimmte. Die Kontrastierung der Oktavmotive im Nebenthema waren klangtechnisch ebenfalls derart ausgereift, dass einem vor musikalischem Genuss der Atem stockte.

Es folgte die Symphonie Nr. 5 e-Moll und damit eines der Leib- und Magenstücke Valery Gergievs. Die manische Energie Gergievs übertrug sich unmittelbar auf den gesamten Orchesterapparat; jeder einzelne Musiker schien über sich hinauszuwachsen. Die Streicher seufzten und sangen, jubilierten und lamentierten, stöhnten vor Schmerz und strotzen vor Glückseligkeit. Die Blechbläser klangen kompakt wie ein russisch-orthodoxer Chor, und die Kontrabässe kehrten ihre sibirisch-schwarze Seite zum Vorschein. Das Holz und namentlich die Solo-Oboistin artikulierten fein und akzentuiert, spielten schlicht hinreißend musikantisch und wurden zu Recht mit stehenden Ovationen belohnt. Gergiev, der Getriebene, hatte nach diesem mit drei Stunden Dauer ohnehin schon ungewöhnlich langen und kräftezehrenden Konzert nur gut zwei Stunden Zeit, bevor er das nächste Konzert dirigieren würde, diesmal mit „seinem“ Mariinski-Orchester.

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