Als Pjotr Iljitsch Tschaikowsky Ende Oktober 1893 unerwartet in Sankt Petersburg verstarb, hinterließ er mit den beiden letzten vollendeten symphonischen Werken sein musikalisches Vermächtnis. Zwischen den romantischen Orchesterwerken, in welchen eine von der Entdeckung des Unbewussten geformte Symbolsprache am Ende des 19. Jahrhunderts in der Musik auflebte, steht die lyrische Oper Jolanthe.

Astrid Kessler (Jolanthe) und Sergey Skorokhodov (Vaudémont) © Hans Jörg Michel
Astrid Kessler (Jolanthe) und Sergey Skorokhodov (Vaudémont)
© Hans Jörg Michel

In dem im Jahr vor dem Tod des Komponisten mit dem Ballett der Nussknacker uraufgeführten Bühnenwerk manifestiert sich inmitten eines geheimnisvollen Schlossgartens der Wunsch Tschaikowskys, jenen in Eugen Onegin und Pique Dame beschriebenen Gesellschaftszwängen endlich zu entfliehen. Die mittelalterliche Hochkultur des Islams wurde ihm für den Entwurf einer Liebesutopie zum märchenhaften Hintergrund. Vor ihm schuf der Komponist, der zeitlebens selbst unter einem unausgesprochenen Geheimnis leiden musste, einen tonalen Klangraum. Doch der überragende Erfolg der Ballettpremiere am Marinskii-Theater in Sank Petersburg ließ den subtil gestalteten Einakter nach 1892 schon bald in Vergessenheit geraten.

Erst in den vergangenen Jahren erschien die letzte Oper Tschaikowskys wieder auf den Spielplänen. Das Nationaltheater Mannheim widmet dem lange Zeit vernachlässigten Werk nun eine konzertante Aufführung. Unter dem passionierten Dirigat von Benjamin Reiners tritt das dramatische Werk in seiner orchestralen Klangvielfalt nun gleich dem im Finale besungenen „hellen Licht der Wahrheit“ aus dem Schatten seiner Rezeptionsgeschichte.

Iris Marie Sojer, Ji Yoon, Lucie Hilscherova, Astrid Kessler © Hans Jörg Michel
Iris Marie Sojer, Ji Yoon, Lucie Hilscherova, Astrid Kessler
© Hans Jörg Michel

Gleich einem musikalischen Tableau erscheinen die Figuren in der Mannheimer Aufführung. Ohne äußere Dramatik tritt Jolanthe, die mit ihrer Amme Martha sowie den Freundinnen Brigitta und Laura in einem von hohen Mauern umsäumten Schlossgarten lebt, in den Mittelpunkt des Geschehens. Sie ist blind. Doch dass ihre Augen „nicht nur zum Weinen“ da sind – wie es im Libretto von Modest Tschaikowsky, dem Bruder des Komponisten, heißt – wird ihr seit der Geburt verheimlicht. Astrid Kessler, die in der Titelpartie behutsam die Bühne betrat und sachte zwischen den Gegenständen ihren Platz in dieser Welt zu finden glaubte, überführte die seelische Zerbrechlichkeit der Figur auf sehr berührende Weise in einen sanften lyrischen, empfindsamen Gesang. Mit rundem Klang verlieh ihr die warme Tiefe von Marie-Belle Sandis als Amme, neben der reinen Klarheit von Iris Marie Sojer als Laura und Ji Yoon als Brigitta unter dem gut geführten Chor des Nationaltheater Mannheim, Vertrauen und Geborgenheit.

Mit der Ankündigung des Waffenträgers Almerik, der auf den Türhüter Bertrand stößt, erscheint der König von Neapel und Graf über Provence René. Begleitet von einem gelehrten Mediziner, will er seine dem Herzog von Burgund versprochene Tochter behandeln lassen. Eine Heilung sei jedoch nur möglich, wie der arabische Arzt meint, wenn Jolanthe sich diese sehnlichst herbeiwünsche. Ihr Vater schließt dies jedoch aus. Mit tiefem, resonanzvollem Bass füllte Bartosz Urbanowicz diese Rolle zwischen Sorge und Angst um die eigene Tochter. Valentin Anikin hingegen verlieh der Figur des arabischen Mediziners mit dunkel timbriertem Bariton mythische Gestalt. Gemeinsam mit dem ausdrucksstarken Bass von Milcho Borovino als Bertrand und dem schlank geführten Tenor von Joshua Withener als Almerik ließen sie den poetischen Beginn der Erzählung, die paradiesischen Zustände der hell erklingenden Stimmen, zu einem musikalischen Psychogramm erwachsen, dessen düsterer Kern im dunklen Timbre pulsierte.

Bartosz Urbanowicz (King René), Benjamin Reiners © Hans Jörg Michel
Bartosz Urbanowicz (King René), Benjamin Reiners
© Hans Jörg Michel

Jedoch erst die Begegnung mit dem burgundischen Ritter Vaudémont bringt jene musikalische Idylle Jolanthes, die sich in einem orchestralen Klangteppich über die Szenerie legt, ins Wanken. Gemeinsam mit seinem Freund Robert, dem Herzog von Burgund, ist er in den Schlossgarten eingebrochen. Als er die Prinzessin im Schlafgemach erblickt, verfällt er ihrer Schönheit. Neben Jorge Lagunes, der mit sonorem Bariton ein feinsinniges Porträt des Robert gab, verlieh Sergei Skorokhodov der Liebe des Fremden mit schmelzendem Tenor, den er bis in strahlende Höhen führte, einen weiten Raum. Als er Jolanthe um eine rote Rose bittet, muss diese erkennen, was es bedeutet, blind zu sein. Mit großer Intensität malte Astrid Kessler nun den dramatischen Ausbruch der Prinzessin aus dem Gefängnis ihrer eigenen Unwissenheit nach. Durch die Drohung, Vaudémont zu verlieren, erwuchs in ihrem strahlenden Sopran eine unermessliche Sehnsucht, sehen zu können. Ein Wunsch, der an diesem Abend im hellen Klang Jolanthes im apotheotischen Finale alles überstieg.

Dass Jolanthe am Nationaltheater Mannheim in ihrer auf die Musik konzentrierten Form nicht nur äußerst hörenswert, sondern auch sehenswert war, bewies über die musikalische Präsenz dieses Sängerensembles hinaus das Orchester unter der Leitung von Benjamin Reiners. Die in einem überschäumenden Meer an Motiven heraufbeschworenen Sinnbilder gerieten in Reiners hinreißendem Dirigat zu Seelenbilder der Protagonistin, welche über einem herausragend homogen spielenden Orchester immer wieder aufstiegen. Seine farbenreiche, sinnlich klingende Tschaikowsky-Interpretation, die der stellvertretende Generalmusikdirektor mit leidenschaftlichem Körpereinsatz zum Glänzen brachte, ließ den Abend zu einem überwältigenden, intensiven Hör-und Seherlebnis werden. Eine wahre Wiederentdeckung! Bravo!

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