Obwohl die Russische Nationalphilharmonie mit Tschaikowsky und Rachmaninow die zwei großen russischen Melodiker auf das Programm ihres Gastspiels im Münchner Herkulessaal setzten, durfte jeder, der russischen Weltschmerz und Melancholie mit großflächigem Pinselstrich befürchtet hatte, sehr schnell aufatmen. Die Nationalphilharmonie spielte unter der Leitung ihres Chefdirigenten Vladimir Spivakov russisch-herb und emotional, aber eben nicht ruppig und schon gar nicht sentimental, eine Tatsache, die vor allem dem zweiten Teil des Konzerts – Rachmaninows Symphonische Tänze – zugutekommen sollte.

Nikolai Tokarev © Felix Broede
Nikolai Tokarev
© Felix Broede

Den Anfang machte jedoch Tschaikowskys Erstes Klavierkonzert, das die Nationalphilharmonie mit Solist Nikolai Tokarev interpretierte. Das b-Moll-Konzert ist ein Schlachtschiff, das sich nicht nur über seine Virtuosität definiert, sondern auch durch den majestätischen Gestus. Und während sich die junge Pianistengeneration à la Trifonov gerne als überlegene Tastenadmiräle präsentiert, die technisch und interpretatorisch scheinbar unantastbar durch die Partitur navigieren, ging Tokarev einen radikal anderen Weg. Seine Interpretation setzte vollkommen auf das Virtuose und ersetzte den majestätisch-ausschweifenden Blick auf das Werk durch einen jungen, stürmenden Ansatz. Das muss man mögen, da solche Interpretationen deutlich mehr künstlerische Freiheiten fordern, als man es ansonsten gewohnt ist. Dass Tokarev damit jedoch keine Skurrilität schuf, sondern eine Interpretation, die trotz ihrer Exzentrik einen Mehrwert bot, lag an Tokarevs unbestreitbarem Talent. Klangkräftig gestaltete er die eröffnenden Akkorde des Kopfsatzes und fast wunderte man sich, mit welcher Selbstverständlichkeit der Russe die halsbrecherisch-stählernen Läufe des ersten Satzes in den weichen Lyrismus des Andantino überführte.

Bei solchem solistischen Spektakel blieb der Nationalphilharmonie gezwungener Maßen die Rolle des Begleiters, die Spivakov recht bieder annahm und sein Orchester in ebengleicher Weise wie sein Solist zu Höchsttempi antrieb.

Die größere Herausforderung stellte sich für das Orchester sowieso erst nach der Pause. Rachmaninows Symphonische Tänze gelten nicht zu Unrecht als anspruchsvoll und stellen auch gestandene Orchester vor einige Herausforderungen. Die Russische Nationalphilharmonie ist mit zarten 15 Jahren noch ein junges Orchester, jedoch eins von großer musikalischer Qualität. Dies vermittelte das Orchester bereits mit den ersten Takten, die mit ihrer klanglichen Luftigkeit unmittelbare Sogwirkung entfalteten. Selbst in der undankbaren Akustik des Herkulessaals durchleuchtete Spivakov die Tänze mit solcher Farbvielfalt, dass selbst der düstere Walzer des zweiten Satzes ungemein anziehend wirkte. Und obwohl Spivakov den tänzerischen Charakter des Werks ins Zentrum rückte, wirkte die Interpretation keineswegs oberflächlich. Tiefgründig seufzte das Saxophon im Duett mit Oboe und Englishhorn, während das Orchester besonders im zweiten Satz auch blumig-opulente Klänge nicht scheute. In guter russischer Tradition kitzelte Spivakov der Nationalphilharmonie eine Fülle von Klangfarben heraus und scheute dabei auch unmittelbarere Wirkungen nicht. Mal kratzte das Fagott, mal fuhr das Blech offensiv in den Klang. So entwickelte sich ein sehr erdiges Tanzvergnügen, das sich ungewohnt kurzweilig präsentierte, was vielleicht auch daran lag, dass Spivakov auf Pausen zwischen den einzelnen Sätzen so gut wie verzichtete und die Sätze beinahe ineinander übergehen ließ. So entstanden ein musikalischer Fluss und eine spannende dramaturgische Straffheit.

Bei solcher musikalischer Spielfreude wunderte es nicht, dass sich Spivakov und die Russische Nationalphilharmonie mit gleich drei Zugaben beim Münchner Publikum bedankten. Neben Schostakowitsch und Chatschaturjan fügte sich auch Jean Sibelius‘ Valse Triste hervorragend ein.

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